2.288 Tote auf einer Wand, die niemand bauen wollte

VonRainer Hofmann

April 29, 2026

In Pjöngjang stehen jetzt Säulen. In Stein. Mit Buchstaben. Jeder Buchstabe war einmal ein Mensch, der nicht nach Russland wollte und trotzdem dort gestorben ist.

Was in Pjöngjang aufgemacht wurde

In der Hauptstadt Nordkoreas wurde ein Museum eröffnet. Es heißt Museum für Kampfleistungen bei Auslandseinsätzen. Ein langer Name für eine kurze Wahrheit, dass nordkoreanische Soldaten in einem Krieg gestorben sind, der nie ihrer war. Daneben stehen Mauern aus Stein, in die Namen eingraviert wurden. Mindestens 2.288 Namen, so die Recherchen, die möglich waren. Vor wenigen Monaten waren es noch 101, die Pjöngjang öffentlich erwähnt hat. Jetzt: über zweitausend. Auf einmal.

Bei der Eröffnung waren der russische Verteidigungsminister Andrej Belousow und der Vorsitzende der russischen Staatsduma Wjatscheslaw Wolodin dabei. Wolodin hat einen Gruß von Wladimir Putin verlesen. Darin stand, die nordkoreanischen Soldaten hätten außerordentlichen Mut bewiesen, und ihre Hilfe werde für immer im Herzen jedes russischen Bürgers bleiben.

Im Herzen. Für immer. Sätze, die schön klingen sollen, wenn die Lebenden den Toten zuhören. Die Toten hören nicht zu. Die Toten haben jetzt einen Platz auf einer Wand.

Wie aus 11.000 plötzlich 15.000 wurden

Die NATO hat 2024 gemeldet, dass Nordkorea 11.000 Soldaten nach Russland geschickt hat, um in der Region Kursk gegen die ukrainischen Streitkräfte zu kämpfen. Etwa 1.500 sind damals gefallen. 3.500 wurden verwundet. Anfang 2025 hat Pjöngjang noch einmal 3.500 Soldaten geschickt. Der südkoreanische Geheimdienst spricht inzwischen von rund 15.000 Soldaten insgesamt. Etwa 6.000 sollen getötet oder verwundet worden sein. Etwa 2.000 davon tot. Andere Schätzungen, andere Zahlen, dasselbe Muster, dass die Zahlen wachsen, je länger man hinschaut, und nie kleiner werden.

Weder Moskau noch Pjöngjang haben offizielle Verlustzahlen veröffentlicht. Es gibt keine Listen, keine Bekanntmachungen, keine Familien, die im Fernsehen sprechen dürfen. Es gibt nur diese 2.288 Namen, die jemand jetzt zählen konnte, weil sie öffentlich in Stein stehen.

Wer einen Krieg gewinnt, schreibt die Geschichte. Wer einen Krieg verliert, wird gezählt — und manchmal nicht einmal das.

Wofür Soldaten zwischen Schnee und Drohnen starben

Kursk liegt in Russland, an der Grenze zur Ukraine. Im Sommer 2024 hat die ukrainische Armee dort einen Vorstoß gewagt und Gebiet eingenommen. Russland hat lange gebraucht, um es zurückzuerobern. Am 26. April 2025 hat Moskau die Region für befreit erklärt. Genau ein Jahr später wurde das Museum in Pjöngjang eröffnet. Kein Zufall. Kein Detail, das irgendjemand übersehen hat. Militärs sagen, die Nordkoreaner hätten anfangs schwere Verluste erlitten. Sie hatten keine Erfahrung mit der Front, kannten das Gelände nicht, waren ein leichtes Ziel für ukrainische Drohnen und Artillerie. Junge Männer, die niemals den Schnee in Kursk gesehen hätten, wenn jemand anderes diese Entscheidung getroffen hätte. Aber jemand anderes hat sie nicht getroffen.

Später, sagen ukrainische Aufklärer, hätten die Nordkoreaner gelernt. Sie wurden Teil der russischen Strategie, durch schiere Masse zu überwältigen. Mensch gegen Mensch. Welle nach Welle. So gewinnt man heute Krieg, wenn man auf das Leben anderer Menschen einen so niedrigen Preis setzt, dass man es überhaupt versuchen darf.

Der Preis, der bezahlt wird, und der, der noch kommt

Im Juni 2024 haben Kim Jong-un und Wladimir Putin in Pjöngjang einen Beistandsvertrag unterschrieben. Eine Allianz auf Papier, die jetzt eine Allianz aus Knochen geworden ist. Im Gegenzug für die Soldaten bekommt Nordkorea, was es dringend braucht — Geld, Lebensmittel, technische Hilfe. Manche fürchten auch, dass Russland militärisches Wissen liefert, das Pjöngjang für sein Atom- und Raketenprogramm nutzen kann.

Nur zwei Nordkoreaner sind lebend von der Ukraine gefangen genommen worden. Beide sitzen in Kiew. Alle anderen, die nicht zurückkamen, kamen nicht zurück.

Die Mauern in Pjöngjang sind kein Denkmal. Sie sind eine Rechnung. Eine Mahnung an Moskau, dass Schulden gemacht wurden, die irgendwann eingezogen werden.

Kim Jong-un hat bei der Eröffnung gesagt, die Operationen in Kursk hätten strategische Bedeutung. Er sagt das so, wie ein Buchhalter eine Zahl liest. Strategie ist ein sauberes Wort für etwas, das nicht sauber ist.

Was übrig bleibt, wenn die Reden zu Ende sind

2.288 Namen. Wahrscheinlich mehr. Vielleicht doppelt so viele. Pjöngjang zeigt die Toten, die der Regierung treu waren, sagen Forscher. Die anderen Toten, die aus weniger zuverlässigen Familien kamen, bleiben unerwähnt. Es gibt also Tote, die man zeigen darf, und Tote, die man verschweigt. Beide sind tot. Nur einer bekommt einen Buchstaben in Stein.

Während in Pjöngjang das Museum eröffnet wird und in Moskau Reden geschrieben werden, sitzen in Nordkorea Mütter, die nicht wissen, ob ihre Söhne unter den 2.288 sind. Oder unter den anderen, die niemand zählt. Oder ob sie noch irgendwo in einer Kaserne stehen, die nächste Welle, die nächste Strategie, die nächste Bedeutung.

Die Welt liest das in der Zeitung. Scrollt weiter. Setzt einen Daumen. Es ist weit weg. Es ist immer weit weg, bis es das nicht mehr ist.

Eine Wand. Zweitausenddreihundert Namen. Ein Krieg, der nicht ihrer war, in einem Land, das sie nicht gewählt haben, für eine Sache, die ihnen niemand erklärt hat. Putin sagt, sie bleiben für immer im Herzen jedes russischen Bürgers. Kim sagt, sie hatten strategische Bedeutung. Belousow überreicht Orden. Wolodin liest Grüße vor.

Die Toten sagen nichts. Sie haben gesagt, was zu sagen war, indem sie nicht zurückgekommen sind.

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Esther Portmann
Esther Portmann
2 Stunden vor

Die Herren ganz oben haben kein Problem Mensch zu opfern. Sehr traurig…

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