Der Mann, den Donald Trump und seine Verbündeten sofort als Produkt einer „radikalisierten Linken“ einordneten, passt nicht in dieses Bild. Cole Allen, mutmaßlicher Schütze beim Dinner der White House Correspondents’ Association, war kein Aktivist einer Partei, kein Anhänger eines politischen Lagers, sondern jemand, der beiden Seiten misstraute und sie offen verachtete. Trump nannte ihn „radikalisiert“. Der Vorsitzende des Republikanischen Nationalkomitees, Joe Gruters, sprach von einer „radikalisierten Linken“, die politische Gewalt normalisiert habe. Der amtierende Justizminister Todd Blanche ließ prüfen, ob Verbindungen zu linken Gruppen bestehen. Auch aus großen Medien kam schnell dieselbe Einordnung. Ken Dilanian, US-amerikanischer Journalist beim Sender NBC News, erklärte, es passe in ein Muster von Tätern aus „extremen linken Rändern“, die in einer eigenen Wirklichkeit lebten und schließlich Gewalt ausübten.
Diese Darstellung hält der Überprüfung nicht stand. Cole Allen richtete seine Wut nicht einseitig gegen Trump oder die Republikaner. Allen nutzte auf X den Namen „CForce3000“. Der Account ist inzwischen offline, aber mehr als 2.700 gespeicherte Beiträge sind über das Wayback Machine Archiv zugänglich gewesen. Auf Bluesky betrieb Allen unter dem Namen coldforce.bsky.social einen weiteren Account – mehr als 700 Beiträge sind dort archiviert. Die Zuordnung stützt sich auf biografische Details, die mit Allens Leben übereinstimmen, auf den ähnlichen Nutzernamen und auf inhaltliche Parallelen zum X-Account. In der Nachricht, die Allen kurz vor dem Anschlag an Familienmitglieder schickte, unterschrieb er mit dem Spitznamen „coldForce“. Seine eigenen Beiträge zeigen ein anderes Bild. Er griff die demokratische Parteiführung wiederholt an, stellte ihre Prioritäten infrage und forderte offen eine neue Partei. Am 21. Januar 2025 schrieb er, wenn dies die Führung der Demokraten sei, müsse eine echte dritte Partei entstehen. In weiteren Beiträgen spottete er über Untätigkeit und forderte, das politische System zu ersetzen. Am 13. März stellte er öffentlich die Frage, ob es ein Misstrauensvotum gegen Chuck Schumer geben könne. Wenige Tage vor der Tat machte er sich über dessen Arbeitsweise lustig.

Ein veröffentlichter Beitrag von Allen mit dem Namen „coldForce“ zeigt, dass er sich öffentlich gegen Einschränkungen von Bürger- und Wahlrechten ausgesprochen hat. In dem zitierten Text wird betont, dass jahrzehntelang erkämpfte Rechte nicht wegen eines entfernten internationalen Konflikts aufs Spiel gesetzt werden sollten.
Der Inhalt macht deutlich, dass er außenpolitische Themen klar von innenpolitischen Rechten trennt und den Schutz dieser Rechte als vorrangig betrachtete.

Auf der Plattform Bluesky unter „coldForce“ beschreibt er sich als US-Amerikaner aus Kalifornien, der sich zu Innenpolitik äußert, die Ukraine unterstützt und persönliche Beobachtungen teilt.
Die veröffentlichten Inhalte verbinden politische Positionen mit persönlichen Aussagen. In einem hervorgehobenen Beitrag formuliert er eine klare Haltung zu Konflikten, die er nicht körperlich, sondern aus Überzeugung führen will. Gleichzeitig werden Beiträge weiterverbreitet, die sich mit dem Krieg in der Ukraine befassen. Der Gesamteindruck: ein Account mit politischem Interesse, deutlicher Positionierung zur Ukraine und einer Mischung aus persönlichen Aussagen und geteilten Inhalten.
Siehe auch unseren Artikel: Unsere Recherche zeigt: Ein Mann, der alles hatte – und plötzlich zur Waffe griff: Der Fall Cole Allen und sein Manifest
Das ist kein beiläufiges Phänomen. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Anfang 2025 lag die Zustimmung zur Demokratischen Partei bei 27 Prozent in einer Umfrage von NBC News und bei 29 Prozent bei CNN, so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Eine Erhebung von Pew zeigte, dass 59 Prozent der eigenen Anhänger die Führung im Kongress ablehnen. Millionen Wähler trauen ihrer eigenen Partei nicht mehr. Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Die Erzählung vom extremen Einzeltäter entlastet die Verantwortlichen. Sie verschiebt die Ursache von einer breiten Enttäuschung über politische Führung hin zu einer angeblichen Minderheit. Wer Allen einfach als „links“ abstempelt, ignoriert bewusst, was er tatsächlich gesagt hat.
Allen war kein Vertreter einer Partei. Er war Ausdruck eines Zustands, der längst weit verbreitet ist. Misstrauen gegenüber Institutionen, Wut über Stillstand, das Gefühl, dass nichts mehr funktioniert. Das ist keine Ausnahme, das ist Alltag für viele Wähler in den Vereinigten Staaten. Der Fall zeigt weniger über eine politische Richtung als über ein System, das Vertrauen verloren hat. Und genau das ist die unbequeme Wahrheit, die niemand in der Macht hören will.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English