Trump lässt Washington dröhnen – Präsident eröffnete sein IndyCar-Rennen mitten in der Hauptstadt mit wilden Gesten
Washington hat schon viele politische Inszenierungen erlebt, an diesem Sonntag raste nun IndyCar mit fast 320 Kilometern pro Stunde an den Monumenten der Hauptstadt vorbei. Donald Trump und Melania Trump eröffneten das Freedom-250-Rennen mit einer langsamen Runde in der Präsidentenlimousine über den Kurs. Kurz darauf stand Trump in seiner Loge, schwenkte die grüne Flagge und schickte die Fahrer auf die Strecke. Gefahren wurde mitten durch Washington, einschließlich eines Abschnitts auf der Pennsylvania Avenue unweit des Weißen Hauses. Trump hatte vor seiner Runde angekündigt, er werde in einem „schönen, sicheren Auto“ fahren, nur etwas langsamer als die Wagen, die danach zu sehen seien.
Das Rennen gehört zu den Feiern zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit, die Trump in diesem Jahr mit immer größeren Veranstaltungen füllt. Dazu gehörten bereits ein UFC-Kampf auf dem Rasen des Weißen Hauses, Militärüberflüge, ein riesiges Feuerwerk zum 4. Juli und eine staatliche Jubiläumsmesse. Auch beim IndyCar-Rennen bekam Washington die volle Trump-Ausgabe. Der Tenor Christopher Macchio sang die Nationalhymne, ein dressierter Weißkopfseeadler wurde nahe der Startlinie freigelassen, Militärflugzeuge donnerten über die Stadt. Zu der Formation gehörte ein B-2-Tarnkappenbomber, jenes Flugzeug, mit dessen Einsatz gegen iranische Atomanlagen Trump regelmäßig prahlt. Während Trump seine Runde fuhr, überflog auch die Präsidentenmaschine den Kurs, begleitet von vier Kampfjets. Es war das von Katar geschenkte Flugzeug, das Trump inzwischen als Air Force One nutzt und dessen Annahme ebenso für Streit sorgte wie seine gegenüber den älteren Präsidentenmaschinen eingeschränkte Ausstattung mit Raketenwarn- und Abwehrsystemen.
Das alles geschah, während der von Trump begonnene Krieg gegen den Iran seit fast sechs Monaten nicht beendet ist. Die Benzinpreise sind gestiegen, und selbst in der Republikanischen Partei wächst die Sorge, dass Wähler vor den Zwischenwahlen im November einen Präsidenten sehen, der sich lieber mit Großveranstaltungen beschäftigt als mit ihren Lebenshaltungskosten. Trump selbst scheint an den zeremoniellen Teilen seines Amtes immer größeren Gefallen zu finden. Im vergangenen Monat übergab er beim Finale der Fußball-Weltmeisterschaft den Pokal an Spanien und blieb anschließend zwischen den Spielern stehen, während das Konfetti fiel.
Nun war Washington an der Reihe, und Trump bekam ein Autorennen mitten durch die Hauptstadt. Möglich gemacht hatte es vor allem Roger Penske, Eigentümer der IndyCar-Serie, langjähriger Freund Trumps und Träger der Präsidentenmedaille der Freiheit, die Trump ihm 2019 verliehen hatte. Penske habe 20 Jahre lang versucht, das Rennen nach Washington zu holen, erzählte Trump im Fernsehen. Dann sei Penske „zu Trump“ gekommen, sagte der Präsident über sich selbst in der dritten Person, und innerhalb von etwa 15 Minuten sei die Sache erledigt gewesen. Penske begrüßte Trump an der Strecke und saß später mit ihm in der Loge. Dort war auch Trumps Freund Dana White, Chef der UFC und Mitorganisator des Kampfes auf dem Gelände des Weißen Hauses im Juni. Trump hatte das Rennen bereits Anfang des Jahres per Präsidentenerlass auf den Weg gebracht und darin erklärt, die Wagen und Fahrer würden bei allen Zuschauern Ehrfurcht und Respekt für diesen „ureigen amerikanischen Sport“ auslösen. Anfang August formulierte er es noch größer und sagte, die Rennwagen würden die „Freiheit brüllen lassen“. Ganz billig ist dieses Brüllen nicht, auch wenn Penske nach Angaben seines Unternehmens den weitaus größten Teil der Kosten für Strecke und Straßenarbeiten trägt. Washington selbst übernahm einen Teil der neuen Asphaltierung. Mehr als 200 Schachtdeckel mussten verschweißt werden, damit die Rennwagen sie durch den entstehenden Unterdruck nicht aus der Straße reißen.
Der republikanische Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, will das Rennen bereits im kommenden Jahr wiederholen und daraus eine jährliche Veranstaltung machen. Damit könnte aus der Jubiläumsveranstaltung etwas Dauerhaftes werden, obwohl sie ursprünglich mit Amerikas 250. Geburtstag begründet wurde. Für Trump passt das Rennen zu einem Washington, das er in seiner zweiten Amtszeit immer stärker nach seinen Vorstellungen verändert. Riesige Banner mit seinem Gesicht hängen an Regierungsgebäuden, am Weißen Haus entsteht ein gewaltiger Ballsaal, das Oval Office wurde mit Gold überzogen, und selbst die misslungenen Reparaturen am Spiegelbecken des Lincoln Memorial gehören inzwischen zu diesem Washington. Nun rasen Rennwagen durch Straßen, auf denen sonst Regierungsfahrzeuge und Touristenbusse unterwegs sind. Trump stand an der Strecke, gab das Rennen frei und bekam für einige Stunden genau die Hauptstadt, die ihm gefällt: laut, teuer, militärisch flankiert und vollständig auf ihn ausgerichtet.
Selenskyj weist jede Beteiligung an Nord-Stream-Sprengung zurück – deutsche Ermittler verfolgen weiter ukrainische Spur

Wolodymyr Selenskyj hat eine Beteiligung der ukrainischen Führung an der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines erneut klar zurückgewiesen. Bei einem Treffen mit den Staats- und Regierungschefs der nordisch-baltischen Acht in Kiew sagte der ukrainische Präsident, Deutschland wisse, dass die Ukraine weder an der Planung noch an der Durchführung der Operation beteiligt gewesen sei. Kiew sei zugleich bereit, die deutschen Ermittlungen vollständig zu unterstützen. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft und das Außenministerium stünden dazu bereits in ständigem Kontakt mit den europäischen Partnern. Der Fall selbst führt allerdings weiter nach Ukraine.
Deutschland ermittelt wegen der Sprengung von Nord Stream und Nord Stream 2 und hat inzwischen Haftbefehle gegen mehrere ukrainische Verdächtige erwirkt. Zwei Männer wurden festgenommen. Der Ukrainer Sergej Kusnezow wurde zunächst in Italien gefasst und später nach Deutschland ausgeliefert. Wladimir Schurawljow war bereits in Polen festgenommen worden, dort lehnte ein Gericht seine Auslieferung jedoch ab und setzte ihn wieder auf freien Fuß. Im August 2026 wurde er schließlich in Kroatien erneut verhaftet. Die deutschen Ermittler gehen davon aus, dass sieben ukrainische Staatsbürger an der Operation beteiligt waren. Dazu sollen vier Taucher, ein Sprengstoffexperte, der Kapitän der Segeljacht Andromeda sowie Kusnezow gehört haben, der nach Einschätzung der Ermittler die Gruppe führte. Ende September 2022 waren Nord Stream und Nord Stream 2 durch mehrere Explosionen nahe der dänischen Insel Bornholm schwer beschädigt worden. An drei der vier Leitungsstränge wurden anschließend insgesamt vier Lecks festgestellt.
Der Fall ist politisch seit Jahren explosiv, weil es nicht nur um die Frage geht, wer die Sprengsätze angebracht hat, sondern auch darum, wer den Auftrag gegeben haben könnte. Der Spiegel berichtete im Dezember, das ukrainische Verteidigungsministerium habe bestätigt, dass Kusnezow zur Zeit der Sabotage in den ukrainischen Spezialoperationskräften diente. Noch schwerer wiegt eine Entscheidung des deutschen Bundesgerichtshofs, die im Januar bekannt wurde. Darin heißt es, die Anschläge seien mit hoher Wahrscheinlichkeit im Auftrag eines ausländischen Staates organisiert worden. Aus dem weiteren Text des Beschlusses geht hervor, dass damit die Ukraine gemeint ist. Selenskyjs Erklärung steht damit einer deutschen Ermittlungsrichtung gegenüber, die inzwischen weit über die Annahme einer zufällig handelnden privaten Gruppe hinausgeht.
Einen Beweis dafür, dass Selenskyj oder die ukrainische Regierung selbst den Auftrag erteilten, gibt es damit allerdings weiterhin nicht. Genau diese Trennung dürfte für die weiteren Ermittlungen entscheidend bleiben: ukrainische Beteiligte auf der einen Seite, eine mögliche staatliche Auftraggeberschaft auf der anderen. Selenskyj weist Letzteres vollständig zurück und bietet Deutschland zugleich weitere Zusammenarbeit an.
Kanada zieht die Grenze – Carney lehnt Trumps Bedingungen ab und nimmt den Handelskrieg in Kauf

Mark Carney hat monatelang davor gewarnt, dass wirtschaftliche Abhängigkeit zur Waffe werden kann. Nun steht Kanada genau dort. Die Vereinigten Staaten belegten am Samstag kanadische Waren im Wert von rund 20 Milliarden Dollar mit Zöllen von 50 Prozent, nachdem Ottawa die Verhandlungen in letzter Minute abgebrochen hatte. Carney erklärte, Washington habe Bedingungen verlangt, die Kanada faktisch darin eingeschränkt hätten, eigene Handelsabkommen mit anderen Staaten abzuschließen. Für ihn war damit Schluss. „Das ist inakzeptabel“, sagte der Premierminister und machte daraus eine Frage der kanadischen Souveränität.
Am 8. September will Kanada im gleichen Umfang zurückschlagen. „Wir werden zurückschlagen“, sagte Carney. Damit tut Ottawa etwas, wovor viele Verbündete der USA bislang zurückgeschreckt sind: Es nimmt wirtschaftlichen Schaden in Kauf, statt Trumps Zolldruck nachzugeben. Für Kanada ist das besonders riskant. Fast drei Viertel seiner Exporte gehen in die Vereinigten Staaten, deren Wirtschaft ungefähr zehnmal größer ist. Neue Abkommen lassen sich unterschreiben, aber jahrzehntelang gewachsene Lieferketten und Abnehmer auf dem amerikanischen Markt lassen sich nicht innerhalb einiger Monate ersetzen. Carney räumt deshalb selbst ein, dass die kanadischen Gegenzölle Preise erhöhen und die Auswahl für Verbraucher verringern werden. Genau vor einer solchen Lage hatte er im Januar in Davos gewarnt. Damals sprach er von einem Bruch der bisherigen internationalen Ordnung und forderte mittelgroße Staaten auf, wirtschaftlichem Druck großer Mächte gemeinsam entgegenzutreten.
Trump antwortete einen Tag später mit einem Satz, der in Kanada nicht vergessen wurde: „Kanada lebt wegen der Vereinigten Staaten. Denk daran, Mark, wenn du das nächste Mal solche Aussagen machst.“ Seitdem hat Trump wiederholt darüber gesprochen, Kanada zum 51. Bundesstaat zu machen, und die gemeinsame Grenze als künstlich bezeichnet. Am Sonntag legte er nach und schrieb, Kanada wolle die Vorteile eines Bundesstaates, ohne einer zu sein. Der Premier von British Columbia, David Eby, erklärte dagegen, die von Washington verlangte Handelsbedingung hätte Kanada wirtschaftlich tatsächlich auf den Rang eines 51. Bundesstaates herabgesetzt. Carney wirft den USA inzwischen offen vor, die wirtschaftliche Verflechtung beider Länder als Waffe einzusetzen. Die amerikanische Unterschrift unter Vereinbarungen, sagte er, sei offenbar nur noch „mit Bleistift geschrieben“. Washington weist die kanadische Darstellung zurück. US-Handelsbeauftragter Jamieson Greer behauptet, Ottawa habe neue Forderungen eingebracht und bereits gemachte Zusagen zurückgezogen, obwohl die USA angeboten hätten, Zölle auf Stahl, Autos, Holz und andere Waren zu senken. Gleichzeitig kündigte er weitere amerikanische Maßnahmen als Antwort auf die kanadischen Gegenzölle an. Damit kann aus dem Streit sehr schnell ein wirtschaftlicher Tornado werden, bei der beide Seiten immer neue Waren verteuern. Kanada wäre dabei wirtschaftlich deutlich verletzlicher, politisch aber scheint Carney derzeit Rückhalt zu haben.
Die Wut auf Trump ist im Land groß. Politiker rufen zum Kauf kanadischer Produkte auf, und bei Fußballspielen in Vancouver und Montreal wurde am Wochenende die amerikanische Nationalhymne ausgebuht. Der Historiker Robert Bothwell sagt, kein anderes Land sei dem wirtschaftlichen Druck der Vereinigten Staaten so stark ausgesetzt wie Kanada. Erfolg bedeute deshalb nicht, diesen Handelskrieg ohne Verluste zu überstehen, sondern die eigene Unabhängigkeit gegen Trumps Versuch zu bewahren, Kanada unterzuordnen. Selbst in Europa wird genau hingesehen. Der frühere italienische Ministerpräsident und EU-Kommissar Paolo Gentiloni verbreitete Carneys Rede vom Samstag mit dem Satz, eine solche Ansprache würde er gern einmal in Europa hören. Dort hatte die EU im vergangenen Jahr zwar Gegenzölle vorbereitet, sie während der Verhandlungen mit Washington aber immer wieder ausgesetzt. Kanada geht nun weiter. Ob andere Staaten folgen, weiß niemand. Carney jedenfalls hat sich festgelegt. Schon im Frühjahr hatte er gewarnt, Amerika versuche Kanada zu brechen, um es anschließend besitzen zu können. Am Samstag erinnerte er daran und wiederholte sein Versprechen: „Das wird niemals, niemals passieren.“ – Europa könnte daraus lernen, könnte …
Russische Verkehrskameras in der EU – versteckte SIM-Karte und Befehle aus Russland

Die slowakische Regierung wollte ihr System zur Verkehrsüberwachung modernisieren und dafür 279 neue Radarkameras kaufen. Geliefert werden sollten sie von der zyprischen Firma Sodasus Ltd, die gegenüber den Behörden den Eindruck erweckte, selbst Hersteller der Geräte zu sein. Doch die Kameras kommen aus Russland und wurden von Simicon in St. Petersburg gebaut. Nach Recherchen wurde sogar die Bezeichnung der Geräte geändert, bevor sie für den slowakischen Markt angeboten wurden.
Anfang August hatte die Oppositionspartei Progressive Slowakei erstmals öffentlich Zweifel an der Herkunft geäußert. Das Innenministerium wies die Vorwürfe zunächst zurück, musste später aber einräumen, dass das slowakische Nationale Sicherheitsbüro die russische Herkunft bestätigt hatte. Bei der technischen Untersuchung wurde es noch erheblich brisanter. Die Experten fanden in einer Kamera einen versteckten Steckplatz für eine zweite SIM-Karte, der in der technischen Dokumentation überhaupt nicht aufgeführt war. Außerdem können die Geräte Befehle per SMS entgegennehmen. Dafür sind zwölf Telefonnummern hinterlegt, die in St. Petersburg sowie in den Regionen Leningrad und Kemerowo registriert sind. Welche Befehle auf diesem Weg ausgeführt werden können und wer Zugriff darauf hat, ist bislang nicht öffentlich geklärt. Das slowakische Innenministerium stoppte daraufhin die laufenden Tests mit zwei der neuen Kameras. Auch die Rolle des angeblichen Herstellers auf Zypern wirft Fragen auf. Sodasus Ltd wurde erst 2021 gegründet, öffentlich auffindbare Hinweise auf eine tatsächliche Produktion oder andere nennenswerte Geschäftstätigkeit nicht. Das Unternehmen ist uns bereits in der Vergangenheit mit dubiosen Verbindungen ohne nachvollziehbare Geschäftsabschlüsse untergekommen. Noch problematischer ist, dass solche Kameras offenbar längst nicht nur für die Slowakei vorgesehen waren. Nach Angaben der slowakischen Behörden werden Modelle aus russischer Produktion bereits in mehreren EU-Staaten eingesetzt.

Das Nationale Sicherheitsbüro verweist unter anderem auf die kroatische Firma Neroline, die entsprechende Geräte verkauft und seit rund zehn Jahren mit der Stadt Rijeka zusammenarbeitet. Wie gefährlich Kameras entlang wichtiger Verkehrswege werden können, hatten westliche Geheimdienste bereits im Mai 2025 beschrieben. Russische Militärhacker verschafften sich demnach Zugriff auf mehr als 10.000 Kameras in der Nähe von Militäranlagen, Bahnknoten und Grenzübergängen. Rund 80 Prozent befanden sich in der Ukraine, weitere in Rumänien, Polen, Ungarn und der Slowakei. Über die Bilder konnten Transporte von Militärgerät und Waffen in Richtung Ukraine beobachtet werden. Hinter diesen Angriffen stand nach Angaben westlicher Sicherheitsbehörden die russische Gruppe APT 28, auch Fancy Bear genannt, die dem Militärgeheimdienst GRU zugerechnet wird. Genau diese Vorgeschichte macht die Entdeckung in der Slowakei so heikel: Ein EU-Staat wollte hunderte Kameras entlang seiner Straßen installieren, deren tatsächlicher Hersteller zunächst verschleiert wurde und die über eine nicht dokumentierte SIM-Karte sowie Telefonnummern in Russland aus der Ferne angesprochen werden können.
Europa schimpfte über Trumps Klimakurs – und rudert jetzt selbst zurück

Als Donald Trump im vergangenen Jahr einen großen Teil der amerikanischen Klimapolitik zurückdrehte, kam die Kritik aus Europa, Großbritannien und Kanada schnell und laut. Nun lockern genau diese Staaten und Bündnisse ihre eigenen Vorgaben, weil die Kosten der Energiewende immer stärker auf Industrie, Haushalte und politische Mehrheiten drücken. Die Europäische Union will ihr System zur CO2-Bepreisung entschärfen und mehr Emissionsrechte im Markt lassen, damit energieintensive Unternehmen nicht noch stärker belastet werden. Zugleich sollen Hersteller länger Autos mit Benzinmotor verkaufen dürfen, obwohl ursprünglich ab 2035 praktisch Schluss mit neuen Verbrennern sein sollte.
Deutschland hatte auf diese Änderung gedrängt, Bundeskanzler Friedrich Merz verlangte von Brüssel ausdrücklich mehr Spielraum für die Autoindustrie. In Großbritannien wird inzwischen wieder über neue Ölbohrungen in der Nordsee gesprochen, obwohl neue Erkundungsbohrungen erst im vergangenen Jahr gestoppt worden waren. Auch die Vorgaben für Elektroautos kommen dort erneut auf den Tisch. Premierminister Andy Burnham lässt prüfen, ob die bisherigen Ziele für Hersteller überhaupt noch mit Nachfrage und Wettbewerbsfähigkeit zusammenpassen. Kanada geht noch weiter. Premierminister Mark Carney hat die beim Verbraucher unbeliebte CO2-Abgabe seines Vorgängers abgeschafft und unterstützt neue Öl- und Gasprojekte sowie zusätzliche Anlagen für den Export von Flüssiggas. Ausgerechnet Carney galt jahrelang als eines der bekanntesten Gesichter internationaler Klimapolitik.
In Europa zeigt sich der Konflikt besonders deutlich, weil Wind- und Solarenergie inzwischen rund 34 Prozent der Stromerzeugung liefern, gegenüber 20 Prozent im Jahr 2021, die Strompreise für Haushalte und Unternehmen aber trotzdem zu den höchsten der Industriestaaten gehören. Die EU hält offiziell weiter an mindestens 55 Prozent weniger Treibhausgasen bis 2030 und Klimaneutralität bis 2050 fest. Die Europäische Umweltagentur warnt jedoch, dass für das Zwischenziel von mindestens 42,5 Prozent erneuerbarer Energie bis 2030 das Ausbautempo gegenüber dem vergangenen Jahrzehnt praktisch verdoppelt werden müsste. Gleichzeitig ziehen sich große Energiekonzerne aus Teilen ihrer eigenen grünen Pläne zurück. Shell stoppte eine geplante Biokraftstoffanlage in den Niederlanden. BP will die jährlichen Ausgaben für Projekte zur Energiewende um mehr als 70 Prozent kürzen und wieder stärker auf Öl und Gas setzen. Equinor gab sein Ziel auf, bis 2030 zwischen zehn und zwölf Gigawatt neue erneuerbare Leistung aufzubauen. Der Grund ist kaum verborgen: Öl und Gas bringen derzeit mehr Geld, während viele grüne Projekte hohe Investitionen verlangen und nicht die erwarteten Renditen liefern.
Für Europas Industrie kommt ein weiteres Problem hinzu. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine brachen große Teile der billigen russischen Gasversorgung weg, und Europa musste für viele Milliarden Dollar teureres Flüssiggas aus den USA kaufen. Gleichzeitig verteuerte die europäische CO2-Politik die Stromproduktion zusätzlich. Emissionsrechte machen inzwischen etwa ein Viertel bis ein Drittel des Großhandelspreises für Strom aus. Stahlwerke, Zementhersteller und Chemieunternehmen erhalten dafür nur teilweise Ausgleich. Der britische Chemiekonzern Ineos kündigte bereits die Schließung zweier deutscher Werke an, nachdem zuvor Anlagen in Großbritannien und Belgien geschlossen und Standorte in Frankreich und Spanien stillgelegt worden waren. Ineos sprach offen von einem „industriellen Selbstmord“ Europas. Brüssel versucht nun, den Druck zu senken und will über die kommenden 15 Jahre mehr Emissionsrechte verfügbar halten. Genau das könnte allerdings ihren Preis stark drücken und damit auch den finanziellen Anreiz schwächen, auf CO2-arme Technik umzusteigen. Währenddessen brennen in Europa Wälder, Flüsse führen wegen Hitze und Trockenheit immer weniger Wasser und Wissenschaftler warnen weiter vor den Folgen der Erderwärmung.
Die Politik steht damit vor einem Problem, das sich nicht mehr mit großen Ankündigungen lösen lässt: Klimaziele bleiben bestehen, aber immer mehr Regierungen merken, dass ihre Bürger und Unternehmen die Kosten nicht unbegrenzt tragen werden. Trump nutzt diese Entwicklung längst für seine eigene Politik und erklärt Europa zum Beweis dafür, dass strenge Klimavorgaben Wirtschaft und Arbeitsplätze beschädigen. Sein Energieminister Chris Wright sprach sogar von einem „Klimakult“, der Europa geschwächt und Arbeitsplätze nach Asien getrieben habe. Europa ist von Trumps Kahlschlag bei Umweltregeln noch weit entfernt, doch der frühere Anspruch, immer weiter und immer schneller voranzugehen, ist vorbei. Was vor wenigen Jahren als unumkehrbare Klimapolitik verkauft wurde, wird heute bei Autos, Heizungen, Emissionsrechten, Öl und Gas neu verhandelt. Die Frage ist längst nicht mehr nur, wie schnell fossile Energien zurückgedrängt werden sollen, sondern ob Regierungen endlich die Wege gehen, Klimaschutz durchzusetzen, ohne die Kosten einseitig und mit wenig Weitsicht bei Industrie, Beschäftigten und Haushalten abzuladen.
