Wo Amerika nicht mehr sicher ist – und Familien leise Abschied nehmen

VonRainer Hofmann

Januar 11, 2026

Die Zahl ist erschreckend und doch kaum Thema: Vierzig Prozent der US-Amerikanerinnen zwischen 15 und 44 Jahren denken laut Gallup über eine Auswanderung nach. Damit ist diese Altersgruppe doppelt so ausstiegsbereit wie der Durchschnitt der Bevölkerung – ausgerechnet jene, die Leben schenken, Familien gründen, Zukunft gestalten wollen. Die Gründe sind vielfältig, aber einer sticht heraus: Waffengewalt.

Die Grafik zeigt, wie sich der Wunsch von US-Amerikanerinnen und Amerikanern, dauerhaft ins Ausland zu ziehen, seit 2009 verändert hat – stark abhängig davon, ob sie die amtierende Regierung befürworten oder ablehnen. Seit dem Jahr 2017 ist dieses Migrationsinteresse deutlich politischer geworden. Menschen, die die Regierung ablehnen, äußern inzwischen wesentlich häufiger den Wunsch, das Land dauerhaft zu verlassen. Besonders unter Donald Trump stieg dieser Anteil bei den Gegnern der Regierung zeitweise auf über 25 Prozent. Während der Amtszeit von Joe Biden blieb der Wert insgesamt stabil, jedoch unter dem Höchststand. Im Jahr 2025, unter der zweiten Amtszeit von Trump, erreicht die Auswanderungsabsicht unter Regierungsgegnern mit 29 Prozent einen neuen Spitzenwert. Gleichzeitig liegt sie bei Anhängern der Trump-Regierung nur bei vier Prozent. Die Daten machen deutlich, wie sehr politische Polarisierung inzwischen auch ganz persönliche Zukunftsentscheidungen prägt.

2025 zählte das Gun Violence Archive mehr Massenschießereien als es Tage im Jahr gibt. 75 Mal wurden Schulen zu Tatorten. Dass eine Mutter wie Renee Nicole Good in ihrem Auto erschossen wird – von ICE-Beamten, mitten in einer Stadt wie Minneapolis – ist längst kein Einzelfall mehr. Es ist der Punkt, an dem selbst überzeugte Amerikanerinnen sagen: Wir müssen weg. Für unsere Kinder. Für uns selbst.

Familien die sich damit beschäftigen, wie Emma aus Colorado, Mutter zweier Kleinkinder, mit irisch-amerikanischer Doppelstaatsbürgerschaft. Sie denkt über Europa nach – seit der Schießerei in Evergreen, seit Aurora, seit dem Gefühl, dass der kulturelle Ton im Land aggressiver geworden ist. Auch ein Ehepaar an der Westküste – er Veteran, sie Professorin – berichtete, wie die Angst in den USA allgegenwärtig sei, aber in Europa schlicht verschwinde. Die Kinder dort dürften mehr. Der Alltag sei freier, aufmerksamer, menschlicher.

Die Daten zeigen, dass vor allem junge Frauen in den USA zunehmend den Wunsch äußern, das Land dauerhaft zu verlassen. Während sich der Migrationswunsch junger Männer zwischen 2008 und 2024 relativ konstant entwickelte und zuletzt bei 27 Prozent lag, stieg er bei jungen Frauen (15–44 Jahre) deutlich an – bis auf 40 Prozent im Jahr 2024. Damit liegt der Wert bei US-Amerikanerinnen weit über dem Durchschnitt anderer OECD-Länder. Der Anstieg setzte besonders ab 2016 ein und erreichte während der ersten Trump-Präsidentschaft sowie erneut ab 2022 neue Höchstwerte. Die Zahlen deuten auf eine wachsende gesellschaftliche Entfremdung hin, insbesondere unter jungen Frauen, deren Lebensperspektiven und Rechte sich in den USA zunehmend bedroht sehen.

Viele dieser Überlegungen bleiben unausgesprochen, fast schamhaft. Niemand will alles zurücklassen. Doch der Gedanke, dass der eigene Sohn eines Tages nicht mehr lebend von der Schule kommt, wird stärker als das Heimweh. Imani Bashir verließ 2015 die USA, nachdem Sandra Bland im Polizeigewahrsam starb. Sie wollte ihren Sohn nicht in einem Land großziehen, das schwarze Kinder nicht schützt. Heute lebt sie wieder in Washington – nicht aus Überzeugung, sondern wegen eines kranken Vaters. Sie sagt: „Kein Tag vergeht, an dem ich nicht Angst habe – vor der Regierung, vor einem Irren, der eine Schule angreift.“

Vielen Amerikanern fällt es immer schwerer, bei all der Gewalt noch ruhig zu bleiben. Lange tröstete sie sich mit Zahlen, Wahrscheinlichkeiten, der Hoffnung auf Besserung. Doch nach dem Anschlag auf ihre frühere Universität in Brown begann auch sie, europäische Studienplätze für ihre Töchter zu googeln. Nur für ein paar Tage – aber etwas war anders. Ein leiser Riss im Glauben an das eigene Land. Vielleicht wird nichts daraus. Vielleicht doch. Aber allein, dass dieser Gedanke nicht mehr abwegig scheint, sagt alles über den Zustand Amerikas.

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2 Gedanken zu „Wo Amerika nicht mehr sicher ist – und Familien leise Abschied nehmen“
  1. Demnach würden die USA personell noch mehr austrocknen als jetzt schon… Welche Katastrophe für Kultur, Gesellshaft, Produktion und Infrastruktur…!

  2. Trump würde das, in seiner Blindheit für Realität, sogar feiern.
    Raus mit den Woken, mit den Linken, mit den Schwulen/Lesben, den Transgender.
    Wie praktisch wenn sie selber gehen.

    Zurück bleibt der Kern der MAGA Sekte.

    Willkommen in Gilehead.
    Frauen werden zu Gebärmaschinen, damit die neue Generation der Trumpisten schnell größer wird.
    Verhütung? Verboten.
    wer bicht mindestens 1 Kind pro Jahr gebiert, muss sich vor der Behörde erklären.

    Zurück zur Gegenwart.
    Es würde mich nicht wundern, wenn es gebährfähigen Frauen, über kurz oder lang verboten wird, das Land zu verlassen.

    Hoffentlich wachen mehr auf und nehmen es nicht nur hin.

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