Die letzten Sekunden von Renee Nicole Macklin Good liegen nun nicht mehr nur in verwackelten Handyvideos von Passanten, sondern auch in einer Aufnahme aus der Sicht jenes ICE-Beamten, der geschossen hat. Ein 47-Sekunden-Clip, veröffentlicht von der rechten Seite Alpha News und anschließend vom Heimatschutzministerium selbst über soziale Medien weiterverbreitet, zeigt die Begegnung aus der Perspektive von Jonathan Ross. Sirenen heulen im Hintergrund. Ross geht um den Honda Pilot herum, kreist das Fahrzeug, filmt mit dem Handy, während sich die Situation zuspitzt. Und je öfter man diese Sekunden ansieht, desto weniger passt die offizielle Erzählung zu dem, was tatsächlich zu sehen und zu hören ist. Aktuell bearbeiten wir das Video, da uns eine Szene stutzig macht, die Fragen aufwerfen könnte. Diese Untersuchung wird bis Sonntag abgeschlossen sein.
Wenn ein Beamter wirklich glaubt, dass das Auto eine unmittelbare Waffe ist, dann läuft er nicht lässig darum herum und dokumentiert es, dann steht er nicht dort mit dem Handy wie ein Mensch, der sich sicher fühlt. Wer die Frau als akute Gefahr wahrnimmt, verhält sich nicht so. Genau diese Diskrepanz brennt sich in die 47 Sekunden ein.
Renee Good, 37 Jahre alt, Mutter, US-Bürgerin aus Colorado, sitzt am Steuer. Eine Hand am Lenkrad, die andere am geöffneten Fenster. Sie wirkt nicht wie jemand, der einen Menschen töten will. In dem neuen Video ist zu hören, wie sie sagt, sie sei nicht wütend. Ihre Ehefrau Becca steht draußen, das Handy hochgehalten, filmt ebenfalls. Sie ruft in Richtung der Beamten, dass Renee US-Bürgerin sei und Veteranin. Und sie wirft ihnen in einem Moment, der erschreckend beiläufig wirkt, einen Satz hin, der wie ein bitterer Hohn klingt: Sie sollen sich doch erst mal Mittag holen, „großer Junge“. Das ist keine heroische Szene, kein aufgeladenes Ritual. Es ist diese besondere Mischung aus Angst, Trotz und dem Versuch, die Kontrolle über die eigene Würde zu behalten, wenn bewaffnete Männer einen Wagen umstellen.
Klar zu sehen ist, dass Becca Good aus dem Auto steigt, was die Parksituation erklärt. Renee Good blieb im Auto, da Becca Good lediglich die Pfeifen abgeben wollte.
Dann kippt es. Andere Beamte nähern sich der Fahrerseite. Einer brüllt, sie solle aus dem Auto kommen. Ross steht nun vorne links am Fahrzeug, nahe der Front. Renee setzt kurz zurück, dreht dann das Lenkrad in Richtung Beifahrerseite und fährt an. Ross eröffnet das Feuer. Mindestens zwei Schüsse. Die Kamera springt, zeigt Himmel, dann wieder Straße. Das Auto schießt weg, prallt später gegen geparkte Fahrzeuge. Irgendjemand schreit eine Beschimpfung, hässlich, entmenschlichend. Der Moment ist vorbei, doch die Wirkung beginnt erst.
Die Schussabgaben übersteigen auch den Grund der „Fehleinschätzung einer Situation“ – Die Konsequenzen können nur eine Richtung kennen.
Die Trump-Regierung behauptet seit dem ersten Tag, Ross habe in Notwehr gehandelt, weil Renee versucht habe, ihn zu überfahren. Vizepräsident JD Vance und eine Sprecherin des Heimatschutzministeriums erklärten nach Veröffentlichung des Clips, das Video stütze die Darstellung der Regierung. Vance schrieb sinngemäß, man sei belogen worden, der Beamte habe sich verteidigt, sein Leben sei in Gefahr gewesen. Minneapolis’ Bürgermeister Jacob Frey bezeichnete diese Rechtfertigung als Müll. Und genau hier liegt der Riss: Die Bundesregierung macht aus einer Frau im Auto eine Täterin, aus dem Schuss eine Pflicht. Doch selbst Fachleute, die nicht für Aktivisten sprechen, sondern seit Jahren Polizeigewalt analysieren, sagen: Der Clip klärt nichts, er wirft neue Fragen auf.
Das Video ändert nichts an der grundsätzliche Einschätzung zur Gewaltanwendung nicht, aber es stellt die Ausbildung des Beamten infrage. Denn Ross hält eine Waffe in der einen Hand und ein Handy in der anderen, während er filmt. Wer hat ihm beigebracht, dass das in einer brenzligen Lage lässig sein soll. Wer erlaubt, dass ein Beamter seine eigenen Hände beschäftigt, seinen Blick verengt, seine Wahrnehmung auf einen Bildschirm zwingt, während Sekunden über Leben und Tod entscheiden. Wenn ein Beamter wirklich glaubt, dass das Auto eine unmittelbare Waffe ist, dann läuft er nicht lässig darum herum und dokumentiert es, dann steht er nicht dort mit dem Handy wie ein Mensch, der sich sicher fühlt. Wer die Frau als akute Gefahr wahrnimmt, verhält sich nicht so. Genau diese Diskrepanz brennt sich in die 47 Sekunden ein.
Noch gravierender wird es, wenn man sich die offiziellen Regeln ansieht, die für ICE-Einsätze gelten. Nach einer internen Richtlinie sollen Beamte zu Beginn einer Maßnahme Körperkameras aktivieren und die Aufzeichnung während der gesamten Interaktion laufen lassen. In schweren Fällen, bei Tod oder beim Einsatz von Schusswaffen, muss das Material gesichert werden. Doch das Heimatschutzministerium beantwortete bislang nicht die zentrale Frage: Trugen Ross oder die anderen Beamten Körperkameras. Waren sie eingeschaltet. Wenn ja, wo ist das Material. Wenn nein, warum nicht. Stattdessen wird ein Clip verbreitet, der nicht aus einem neutralen System stammt, sondern aus der Hand des Schützen, gefilmt mit einem Gerät, das in einer Eskalation nichts in der Hand zu suchen hat. Und dann wird genau dieses Material durch die Bundesregierung selbst als Beleg genutzt.
In dem neuen Clip ist zu sehen, dass der Schütze filmt, während er gleichzeitig bewaffnet agiert. Genau dieser Punkt verändert die Bewertung nicht automatisch, aber er verschiebt die Fragen: Welche Ausbildung deckt so ein Vorgehen ab. Welche Dienstvorschriften werden in der Praxis gelebt. Und warum wirkt das Verhalten nicht wie das eines Beamten, der in Sekunden um sein Leben fürchtet.
Im Krieg wird auf einen Gegner vorbereitet, der als feindliche Kraft gedacht ist. Im Inland gilt ein anderer Maßstab: Kontrolle, Deeskalation, Schutz Unbeteiligter, saubere Beweissicherung. Wer in einem zivilen Einsatz eine Hand durch ein Handy bindet, verengt automatisch Blick und Aufmerksamkeit, verliert Feinmotorik und Zeitreserven und erhöht das Risiko von Fehlentscheidungen. Genau deshalb sind Dokumentation und Gewaltanwendung normalerweise getrennt organisiert: feste Kameras am Körper, feste Abläufe, klare Verantwortlichkeiten.
Wir haben den Clip nicht nur nach der Schussabgabe analysiert, sondern die Frage gestellt, welche Trainingsregeln so ein „Handy plus Waffe“ überhaupt erlauben. Wenn eine Person als unmittelbare Gefahr gilt, sieht man in der Regel Rückzug, Distanzgewinn, Deckung, klare Kommandos und Fokus auf das Bedrohungsobjekt. Ein Beamter, der um ein Fahrzeug herumgeht und dabei filmt, wirkt dagegen nicht wie jemand, der im selben Moment von einer tödlichen Kollision ausgeht. Das ist keine Nebensache, sondern berührt die Grundlogik von Gefahrenerkennung.
In Eskalationen greifen Menschen zu Routinen, die ihnen Kontrolle geben. Filmen kann dabei wie eine Selbstversicherung wirken: Ich halte fest, was passiert. Gleichzeitig kann es Stress verstärken, weil der Blick zwischen Umgebung und Bildschirm springt. Dazu kommt ein psychologischer Effekt: Wer schon „Beweis“ sammelt, kann unbewusst in eine Haltung rutschen, in der er eine Gefahr eher bestätigt als prüft. In einer Lage mit Sirenen, Geschrei und mehreren Akteuren kann das die Lage schneller kippen lassen.
Für Einsätze dieser Art existieren bei ICE Regeln zum Einsatz von Körperkameras, gerade weil schwere Vorfälle überprüfbar sein müssen. Wenn stattdessen ein kurzer Handyclip aus der Hand des Schützen die zentrale Quelle wird, ist das immer problematisch: Er zeigt nur einen Ausschnitt, er ist perspektivisch gebunden, er kann durch Bewegung und Winkel täuschen. Eine lückenlose Aufarbeitung braucht vollständige, gesicherte Aufnahmen und klare Protokolle, nicht nur ein Stück Material, das politisch verwertet wird.
Der Druck auf Transparenz wächst auch deshalb, weil Minnesota nicht akzeptiert, dass Washington die Aufarbeitung vollständig kontrolliert. Die Staatsanwältin des Hennepin County, Mary Moriarty, rief die Öffentlichkeit auf, sämtliches Video und Beweismaterial direkt an ihr Büro zu senden. Sie sagte offen, sie sei beunruhigt, weil die Trump-Regierung staatliche und lokale Behörden von der Untersuchung fernhalten will und weil unklar sei, ob Beweise vollständig geteilt würden. Moriarty machte zudem klar, dass der Schütze nicht automatisch vor jeder strafrechtlichen Prüfung geschützt ist, auch wenn Vance das behauptet. Ihr Satz ist wichtig, weil er eine rote Linie zieht: Ein Bundesabzeichen ist kein Freifahrtschein. Auch nicht in einem Land, in dem die Bundesregierung derzeit so handelt, als könne sie jede Kontrolle abklemmen, sobald es politisch unbequem wird.
Die Reaktion in Minneapolis war sofort und massiv, auch weil diese Stadt die Erinnerung an staatliche Gewalt nicht abschütteln kann. Dort, wo 2020 George Floyd starb, löst ein weiterer Tod durch Behördenhandeln keine Routine aus, sondern eine Welle. Hunderte zogen zum Ort der Schüsse, später in die Innenstadt, zur Bundesanlage, die als Schaltzentrale der aktuellen Razzien gilt. Es wurde getrommelt, auf Töpfe geschlagen, „ICE raus“ gerufen, Schilder hochgehalten, die die schlichteste Botschaft tragen, die man in so einer Lage formulieren kann: nicht schießen. Die Schulbehörde reagierte, indem sie den Unterricht für den Rest der Woche absagte, aus Vorsicht, und eine Online-Option bis zum 12. Februar anbot. Man kann über solche Entscheidungen streiten, aber sie zeigen, wie tief die Erschütterung geht: Eine Stadt organisiert ihren Alltag neu, weil ein Bundesbeamter am helllichten Tag in ein Auto schießt und eine Mutter stirbt.
Becca Good, Ehefrau von Renne Good hat in dieser Woche einen Satz geschrieben, der sich durch alles frisst. Sie sagte, sie hätten am 7. Januar angehalten, um Nachbarn zu unterstützen. Darum stieg sie aus. Sie hatten Pfeifen, die sie verteilen wollten. Die anderen hatten Waffen. Diese Formulierung ist keine rhetorische Verzierung, sondern eine Tatsachenbeschreibung. Da standen Menschen, die Lärm machen können, die Aufmerksamkeit erzeugen können, die im besten Fall Hilfe herbeirufen können. Und ihnen gegenüber standen Männer, die über Leben und Tod entscheiden können, in Sekunden, mit einem Druck auf den Abzug. Becca schrieb auch, dass Güte aus Renee herausgestrahlt habe, dass sie nun allein ihren Sohn großziehen müsse und ihm beibringen wolle, dass es Menschen gibt, die an einer besseren Welt bauen. Und dass jene, die das getan haben, Angst und Zorn in sich tragen. Das ist das Gegenteil von Hass. Es ist der Versuch, nicht selbst zu versteinern.

Doch der Fall ist längst kein lokaler Einzelfall mehr. Er steht in einer Kette von Ereignissen, die seit Beginn von Trumps neuer Durchsetzungswelle immer dichter werden. Der Tod von Renee Good ist nach Angaben der Berichterstattung mindestens der fünfte Todesfall, der mit solchen Razzien und Einsätzen in Verbindung gebracht wird, seit Trump im Amt ist. Und während Minneapolis noch trauert und protestiert, passierte in Portland am nächsten Tag das Nächste: Vor einem Krankenhaus schossen Beamte der Grenzpolizei auf ein Fahrzeug und verletzten zwei Menschen. Das Heimatschutzministerium identifizierte sie als venezolanische Staatsangehörige, Luis David Nico Moncada und Yorlenys Betzabeth Zambrano-Contreras. Beide wurden nach Operationen als stabil bezeichnet, während die Bundesregierung behauptete, der Fahrer habe versucht, das Fahrzeug als Waffe einzusetzen. Kein Beamter sei verletzt worden. Der Polizeichef von Portland, Bob Day, bestätigte, es gebe einen gewissen Bezug zur Bande Tren de Aragua, weil die beiden im Rahmen einer Ermittlung zu einer Schießerei im Juli aufgefallen seien, aber sie seien nicht als Verdächtige benannt worden. Und er sagte ausdrücklich, selbst eine mögliche Nähe zu einer Bande rechtfertige nicht automatisch, dass geschossen wird. Auch in Oregon kündigte das Justizministerium des Bundesstaats Ermittlungen an. Auch dort marschierten Hunderte und protestierten vor dem ICE-Gebäude.
Diese Parallelität ist es, die den Rahmen sprengt. Zwei Städte, zwei Schusswaffeneinsätze, zwei Mal behauptet Washington Notwehr, zwei Mal bleiben zentrale Fragen offen, zwei Mal explodiert die Straße. Und über allem liegt die Größe der laufenden Operation. Das Heimatschutzministerium nennt den Einsatz im Raum Minneapolis und St. Paul die größte Durchsetzungsaktion dieser Art, die es je gegeben habe. Mehr als 2.000 Beamte seien beteiligt, über 1.500 Festnahmen habe es bereits gegeben, sagte Heimatschutzministerin Kristi Noem. Zugleich zeigen Unterlagen, dass Kräfte aus einer zuvor geplanten Razzienserie in Louisiana abgezogen und nach Minnesota verlegt werden. Eine Operation, die bis Februar laufen sollte, wird umgeschichtet, weil der politische Schwerpunkt plötzlich anders gesetzt wird. Das ist kein normaler Verwaltungsakt. Das ist eine Machtentscheidung.

In diesem Klima wirkt die Veröffentlichung des Ross-Videos wie ein kalkulierter Schritt. Erst wurde das Material von einem rechtsextremen Portal verbreitet, dann durch das Heimatschutzministerium geadelt, als wäre es ein amtlicher Beweis. Dabei steht im Raum, ob es überhaupt Körperkameraaufnahmen gibt, ob Standards eingehalten wurden, ob eine neutrale Dokumentation existiert. Und während die Regierung versucht, aus 47 Sekunden den Freispruch zu pressen, sagen auch andere Fachleute: Gerade diese 47 Sekunden zeigen, wie unprofessionell, wie riskant und wie widersprüchlich das Handeln des Schützen wirkt, weil niemand, der sich wirklich in akuter Lebensgefahr wähnt, nebenbei filmt.
Die zentrale Frage bleibt deshalb dieselbe, und sie wird durch den Clip nicht kleiner, sondern größer: Warum wurde geschossen. Nicht, warum es zu einem Konflikt kam, nicht, warum Menschen wütend auf ICE sind, nicht, warum Proteste wachsen. Sondern warum in einem Moment, in dem ein Auto langsam anrollt, in dem kein Kontakt sichtbar ist, in dem der Beamte nicht ausweicht, weil er überfahren wurde, sondern zurückspringt, nachdem er bereits geschossen hat, der Abzug gedrückt wird. Und warum eine Bundesregierung, die behauptet, nur die schlimmsten Täter zu jagen, diesen Tod sofort politisch auflädt, die Frau öffentlich beschimpft und den Schützen verteidigt, bevor eine unabhängige Aufarbeitung überhaupt stattfinden kann.

Renee Good war keine gesuchte Gewalttäterin. Sie war eine Mutter, eine Ehefrau, eine Frau, die in dieser Stadt ankommen wollte, die laut ihrer Frau glaubte, Menschen müssten einander schützen. Und jetzt wird ihr Tod zu einem Baustein in einer Kampagne, die sich selbst als Ordnung verkauft und dabei immer öfter Waffen sprechen lässt. Was bleibt, ist der Satz, der auch durch das neue Video nicht widerlegt wird, sondern noch härter klingt: Wir hatten Pfeifen. Sie hatten Waffen. Und seit Freitag wissen wir: Sie hatten auch die Kamera in der Hand.
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Ich kann gar nicht beschreiben, wieviel Abscheu ich empfinde.
Auch die Tatsache, dass, wenn ich rausgehe, einkaufen, oder Veranstaltungen besuche oder was auch immer, ich mit großer Wahrscheinlichkeit Menschen um mich herum habe, die das gut finden. Die „selber schuld“ in ihre Tastatur klopfen, oder „endlich zeigt’s euch mal jemand“.
Potenzielle Mörder, wenn wir den Kampf gegen Rechts verlieren.
So ist es. Googeln Sie mal „Mühlviertler Hasenjagd“…
Mir fehlen einfach nur noch die Worte, was in der Welt passiert.😢😢😢 Vielen Dank für diesen starken Artikel, der in jeder Form überzeugt. 👍👍👍
Und in MAGA Kreisen und auch hier wird getönt „sie hatte selber Schuld“.
Ross wird als Held gefeiert.
Ich sehe einen Mann, der mit seinem (privaten?) Handy filmt.
Ich sehe keine Bodycam.
Ich höre zwei widersprüchliche Anweisungen „Raus aus dem Auto“ und „fahren sie weg“
Ich sehe eine Frau, die versucht sich vorsichtig aus dieser bedrohlichen Situation zu entfernen.
Und dann fallen 3 Schüsse.