Donald Trump sagte es nicht heimlich, nicht verlegen und nicht versehentlich. Er sagte es vor Publikum in West Palm Beach, mit jener groben Freude, die bei ihm immer dann hörbar wird, wenn Macht nicht mehr erklärt, sondern vorgeführt werden soll. Die amerikanische Marine handle bei der Beschlagnahmung von Schiffen im Zuge der Blockade der Straße von Hormus inzwischen „wie Piraten“, sagte Trump. Man habe das Schiff übernommen, die Ladung übernommen, das Öl übernommen. Es sei ein sehr einträgliches Geschäft. „Wir sind wie Piraten“, sagte er sinngemäß, nur um gleich nachzuschieben, man spiele keine Spiele.
Genau darin liegt das Verstörende. Trump benutzt Piraterie nicht als Vorwurf, sondern als Angeberei. Er spricht über staatliche Gewalt, über beschlagnahmte Ladungen, über blockierte Seewege und wirtschaftliche Erpressung, als ginge es um eine besonders gelungene Geschäftsstrategie. Was früher zumindest noch hinter der Sprache von Sicherheit, Ordnung und internationaler Verantwortung versteckt wurde, steht bei ihm plötzlich offen da. Nicht als Ausrutscher, sondern als politisches Selbstverständnis.
Seit Monaten baut Washington auf See eine Ordnung um, die offiziell Freiheit der Schifffahrt heißen soll, praktisch aber immer stärker nach Zugriff, Zwang und Beute aussieht. Am 1. September 2025 begann das Pentagon mit „Operation Southern Spear“, einer Kampagne aus Luftangriffen und Abfangaktionen in der Karibik. Begründet wurde sie mit dem Kampf gegen Drogenkartelle und Schmuggler aus Venezuela. Inzwischen reicht die Operation bis an die Pazifikküste Ecuadors. Dort wurden Fischer getötet, verschleppt und gefoltert. Mehr als 170 Menschen sollen bereits ums Leben gekommen sein.

Dann folgte am 3. Januar 2026 eine Operation, die selbst in der langen Geschichte amerikanischer Eingriffe in Lateinamerika brutal herausragt. US-Spezialkräfte entführten Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro. Mehr als 100 Menschen starben. An seine Stelle trat Delcy Rodríguez, ebenfalls aus dem chavistischen Lager, aber offenbar aus Sicht Washingtons berechenbarer. Nach Verhandlungen in Caracas über die Öffnung des venezolanischen Energiesektors für ausländisches Kapital flog Innenminister Doug Burgum mit Gold im Wert von 100 Millionen Dollar zurück in die Vereinigten Staaten – bestimmt für heimische Raffinerien.
Warum wir den militärischen Einsatz der USA vor internationalen Instanzen prüfen lassen

Wir haben uns diesen Schritt nicht einfach gemacht. Eine Anzeige vor internationalen Instanzen ist kein Symbolakt, kein politisches Statement für zwischendurch und erst recht kein bequemes Unterfangen. Sie bedeutet richtig Arbeit, juristische Präzision, Abwägung – und das Wissen, dass Widerstand sicher ist. Genau deshalb haben wir sie eingereicht. Wir wenden uns an drei internationale Gerichtshöfe und Kontrollinstanzen zugleich: an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, an die Interamerikanische Menschenrechtskommission in Washington sowie ergänzend an den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte in San José. Nicht aus politischem Aktionismus, sondern weil die rechtliche Komplexität des Sachverhalts eine parallele Befassung mehrerer internationaler Instanzen verlangt. Lesen Sie hier den gesamten Artikel und die Klage am Internationalen Gerichts für Menschenrechte
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Auch Panama geriet in diese neue maritime Politik. Am 30. Januar entzog der Oberste Gerichtshof des Landes dem chinesischen Unternehmen CK Hutchison eine jahrzehntelange Konzession für die Containerterminals Balboa und Cristóbal. Der Schritt wurde weithin als Ergebnis amerikanischen Drucks verstanden. Die Infrastruktur fiel nicht etwa an Panama zurück, sondern wurde an den dänischen Konzern Maersk weitergereicht. Ein ähnliches Vorgehen verfolgen die Vereinigten Staaten offenbar auch in Peru, rund um den Hafen Chancay.
Am 28. Februar startete Trump schließlich „Operation Epic Fury“ gegen Iran – und der militärische Aufwand führte fast sofort in eine strategische Sackgasse. Seit der brüchigen Waffenruhe gilt auf See eine bizarre neue Realität. Iran verlangt Gebühren für sichere Durchfahrt durch die Straße von Hormus. Die US-Marine versucht gleichzeitig, Schiffe abzufangen, die zuvor in einem iranischen Hafen geladen haben, und droht Unternehmen mit Sanktionen, wenn sie die iranischen Gebühren zahlen.

So entsteht ein System, das kaum noch mit klassischer Sicherheitspolitik zu erklären ist. Die Vereinigten Staaten setzen militärische, juristische und politische Mittel ein, um Handelsströme zu stören, rivalisierendes Kapital herauszudrängen und verbündetes Kapital an amerikanische Interessen zu binden. Auf dem Papier geht es um Freiheit der Meere. In der Praxis geht es um Kontrolle über Häfen, Öl, Transitwege, Raffinerien und ganze Lieferketten.

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Trump nennt das Piraterie, als wäre es ein Witz. Doch der Begriff führt in eine ältere und dunklere Wahrheit. Reiche haben auf See immer so gehandelt, wenn sie ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen wollten. Im 16. und 17. Jahrhundert nutzte Spanien ähnliche Abfangtaktiken im Mittelmeer gegen die Osmanen, während es zugleich um südamerikanische Häfen und Handelswege kämpfte. Piraterie war nie nur das Bild vom Mann mit Augenklappe und Säbel. Sie konnte Rebellion sein, Überleben, Auftragsgewalt oder Machtpolitik im Dienst eines Staates.
Wer Pirat genannt wurde, entschied selten die Tat allein. Es entschied die Macht, die den Namen vergab. In den Niederlanden gilt Piet Hein bis heute als Held. In Spanien erinnert man sich an ihn vor allem als Piraten. Dasselbe Prinzip wirkt bis heute. Der eine Staat spricht von Sicherung der Handelswege. Der andere sieht Raub. Die eine Regierung nennt es Druck auf kriminelle Netzwerke. Die Betroffenen erleben Entführung, Beschlagnahmung, Erpressung und Tod. Gerade deshalb ist Trumps Satz so entlarvend. Er zeigt nicht nur einen Präsidenten, der Gewalt verniedlicht. Er zeigt eine imperiale Macht, die immer weniger Lust hat, ihre eigenen Handlungen noch in den Mantel des Rechts zu kleiden. Anfang der Woche verteidigten die Vereinigten Staaten noch Panamas angebliche Souveränität gegen chinesischen wirtschaftlichen Druck und warben zugleich für ein internationales Bündnis zur Befreiung der Straße von Hormus. Wenige Tage später prahlte Trump damit, Schiffe, Ladungen und Öl zu übernehmen.
Das ist keine Ordnung der Freiheit. Das ist eine Ordnung des Stärkeren. Die alten Worte bleiben stehen – Souveränität, Sicherheit, maritime Freiheit, Bekämpfung von Terror und Drogenhandel. Doch dahinter tritt immer deutlicher ein anderes Prinzip hervor: Wer die Flotte hat, nimmt sich, was er durchsetzen kann. Piraten waren immer auch nützliche Feindbilder. Früher ließen sich mit ihnen Kriege, Handelsmonopole und Kolonialgewalt rechtfertigen. Heute übernehmen Begriffe wie Drogenterroristen dieselbe Funktion. Sie machen Menschen zu Zielen, Schiffe zu Beute und fremde Küsten zu Einsatzräumen. Sie verwandeln Gewalt in Verwaltungssprache und Raub in Strategie.
Trump braucht dafür kaum noch Verkleidung. Sein Satz „Dem Sieger gehört die Beute“ beschreibt seine Außenpolitik genauer als jede offizielle Erklärung des Weißen Hauses. Auf See zeigt sich damit nicht Stärke, sondern der Zustand einer Macht, die immer häufiger nimmt, weil sie immer weniger überzeugen kann.
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