Susie Wiles hat Donald Trump zurück ins Weiße Haus gebracht. Bereits seit Wochen vermutete man, dass Wiles abgelöst wird. Jetzt darf sie gehen. Am 6. November 2026, 3 Tage nach der verheerenden Niederlage der Republikaner bei den Kongresswahlen, verkündete der Präsident ihre Ablösung als Stabschefin. Ihr Nachfolger wird Stephen Miller, der Mann hinter den massenhaften Abschiebungen und einer Politik, in der die Verachtung für gerichtliche Grenzen längst zum politischen Handwerk gehört. Wiles werde künftig in Trumps politischer Organisation arbeiten, teilte der Präsident mit. Sie habe hervorragende Arbeit geleistet. Eine bemerkenswerte Würdigung für eine Frau, die nach seiner Niederlage ihren Schreibtisch räumen muss. Die Dankbarkeit eines Präsidenten hält offenbar genau bis zu jenem Augenblick, in dem er einen Schuldigen braucht.

Bereits in der Wahlnacht machte Trump Wiles vor anderen Anwesenden für das Ergebnis verantwortlich. Seitdem beschäftigte ihn die Frage ihrer Nachfolge. Er erkundigte sich bei Vertrauten nach Stephen Miller, während dieser seine Ambitionen seit Wochen über Mittelsleute verbreiten ließ. Seine engen Beziehungen zu mehreren Kabinettsmitgliedern verschafften ihm dabei einen erheblichen Vorteil. Nach Angaben von Personen, die seine Gespräche mitverfolgten, hatte Miller für seine Bewerbung ein besonders reizvolles Argument: Trump müsse den Krieg gegen Iran beenden. Ausgerechnet die treuesten Anhänger des Präsidenten betrachteten den Krieg als Verrat an seinen politischen Versprechen. Miller, bisher einer der kompromisslosesten Männer im Weißen Haus, bot sich damit als jemand an, der den politischen Preis weiterer Kriegführung verstanden habe. Ein bemerkenswertes Angebot aus dem Mund eines Mannes, der amerikanische Macht bislang gern dort verortete, wo andere Staaten ihre Souveränität verlieren.

Stephen Miller bei Trumps Halloween-Party. Ein Kostüm brauchte er nicht. Der Architekt der Massenabschiebungen steht für eine Politik, deren autoritäre und faschistische Züge längst über jede Verkleidung hinausgehen. Seine Verachtung für unabhängige Gerichte und seine Bereitschaft, die gewaltsame Aneignung fremder Gebiete zu rechtfertigen, sind wesentlich erschreckender als jede Halloween-Maske.
Stephen Miller kennt Trump seit dessen erstem Präsidentschaftswahlkampf. Während der gesamten 1. Amtszeit arbeitete er im Weißen Haus, nach Trumps Rückkehr baute er seinen Einfluss erheblich aus. Die radikale Einwanderungspolitik und die massenhaften Abschiebungen tragen seine Handschrift. Er gehört zu jenen Beratern, die politische Härte für eine Form von Regierungsfähigkeit halten. Als Trump über eine militärische Übernahme Grönlands nachdachte, entwarf Miller die Vorstellung einer amerikanischen Macht, die ausländische Regierungen stürzen und fremdes Territorium an sich bringen dürfe, sobald Washington darin einen nationalen Vorteil erkenne. Gegen Richter, die Trumps Entscheidungen begrenzten, richtete er Angriffe von ähnlicher Rücksichtslosigkeit. Ein Gerichtsurteil gegen die Zölle des Präsidenten bezeichnete er als „Justizputsch“. Andere Richter beschimpfte er als Marxisten und verrückte Kommunisten. Dieser Mann soll nun den Arbeitsalltag des amerikanischen Präsidenten organisieren und darüber mitbestimmen, welche Informationen und politischen Vorschläge dessen Schreibtisch erreichen. Die amerikanische Verfassung wird dadurch keinen Buchstaben verlieren. Wie geduldig ihre Grenzen künftig respektiert werden, ist eine erheblich unangenehmere Frage.
Wiles verabschiedete sich unterdessen mit einer öffentlichen Liebeserklärung an ihren Präsidenten. Die Arbeit für ihn sei die Ehre ihres Lebens gewesen. Sie sei stolz auf die gemeinsame Bilanz und werde seiner politischen Sache treu bleiben. Ihre Loyalität übersteht also selbst den eigenen Rauswurf. Noch vor wenigen Wochen hatte Trump Berichte über eine mögliche Ablösung zurückgewiesen. Jetzt lobt er Wiles und ersetzt sie durch einen Mann, der seit geraumer Zeit auf ihren Posten hinarbeitete. So enden Karrieren in der unmittelbaren Nähe eines Präsidenten, der persönliche Treue verlangt und Verantwortung nach Bedarf verteilt. Wiles, die frühere politische Strategin mit den besten Zugängen zum Präsidenten, verlässt am Montag ihre bisherige Stellung.

„Ich freue mich, bekannt geben zu können, dass Stephen Miller, derzeit stellvertretender Stabschef der Trump-Regierung und einer meiner engsten Vertrauten, ab Montag, dem 9. November 2026, das Amt des Stabschefs übernehmen wird. Susie Wiles, die hervorragende Arbeit geleistet hat, wird künftig für Trumps politische Organisation tätig sein. Ich möchte ihr für ihre Arbeit als Stabschefin danken. Sie hat großartige Arbeit geleistet!
Präsident DONALD J. TRUMP“
Fast zeitgleich mit ihrem Sturz öffnet sich eine weitere, weitaus schmutzigere Angelegenheit. Calley Means, früherer Regierungsberater aus dem Umfeld von Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., erhebt schwere Vorwürfe gegen Wiles und ihre Mitarbeiter. In einem ausführlichen Gespräch mit Joe Rogan beschuldigte er die bisherige Stabschefin, gesundheitspolitische Maßnahmen dem Interesse großer Geldgeber geopfert zu haben. Vorhaben zur Verringerung des Zuckerkonsums bei Kindern seien blockiert worden. Wiles habe ihm wiederholt erklärt, man brauche das Geld der Zuckerindustrie für die Zwischenwahlen. Auch bei der Zulassung aromatisierter elektronischer Zigaretten habe ihr Umfeld Druck ausgeübt. Unternehmen der Tabakindustrie unterstützten die Republikaner 2026 mit mindestens 20 Millionen Dollar. Die Vorwürfe sind bislang unbewiesen. Ihre politische Sprengkraft liegt in der Behauptung, ausgerechnet eine Regierung, die sich öffentlich dem Schutz amerikanischer Kinder verschrieben hat, habe wirtschaftliche Interessen über deren Gesundheit gestellt.
Means ging noch weiter. Unternehmen, die Katie Wiles, die als Lobbyistin tätige Tochter der Stabschefin, beauftragt hätten, seien besonders bevorzugt behandelt worden, behauptete er. Bei einem Erlass zur Förderung der Glyphosatherstellung habe das Weiße Haus Einwände aus dem Gesundheitsressort beiseitegeschoben. Der Vorgang fiel in eine Zeit, als der Oberste Gerichtshof über die Haftung des Herstellers Bayer zu entscheiden hatte. Das Gericht entschied später zugunsten des Unternehmens. Means beschuldigte außerdem Heidi Overton, die Trump inzwischen für die Leitung der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA vorgesehen hat, an juristischen Argumenten zugunsten von Bayer mitgewirkt zu haben. Wiles und ihr Umfeld hätten Kennedy wiederholt ausgebremst, obwohl dieser mit einer Reform des amerikanischen Gesundheitswesens angetreten sei. Die Regierung bestreitet, politische Entscheidungen zugunsten wirtschaftlicher Geldgeber getroffen zu haben. Senator Ron Wyden kündigte bereits Untersuchungen zu möglichen Begünstigungen der Tabakindustrie im Verantwortungsbereich Kennedys an.
Die Vorwürfe fallen in einen Augenblick, in dem Trump die parlamentarische Kontrolle entgleitet. Ab Januar verfügen die Demokraten über Mehrheiten, mit denen sie Zeugen vorladen und Unterlagen anfordern können. Wiles verliert ihr Amt, während ihre bisherige Tätigkeit Gegenstand schwerer Anschuldigungen wird. Miller gewinnt an Macht, obwohl seine politische Bilanz zu den umstrittensten Teilen dieser Präsidentschaft gehört. Und über allem steht ein Krieg gegen Iran, dessen Fortsetzung selbst unter Trumps treuesten Anhängern auf Widerstand stößt. Die Personalentscheidung verrät, wie dieser Präsident auf eine Niederlage reagiert. Er hat jene Frau entlassen, die seinen politischen Aufstieg organisierte, und übergibt die Leitung seines engsten Mitarbeiterstabes einem Mann, der gerichtliche Entscheidungen als Angriff auf die Regierungsmacht behandelt. Stephen Miller beginnt am Montag. Im Januar kommen die Demokraten mit ihren Untersuchungsausschüssen. Bis dahin wird sich zeigen, wie viel Einfluss der neue Stabschef auf einen Präsidenten ausüben kann, der gerade erst erfahren hat, dass auch seine Macht an einer Wahlurne endet.
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