Ein Trostbrief erzählt wenig über den Getrösteten. Er erzählt vom Absender.
Donald Trump hat beide Kammern des amerikanischen Kongresses verloren. Millionen Wähler haben seiner Politik eine Absage erteilt, schriftlich, an der Urne. Mark Rutte fand dafür tröstende Worte. „Kopf hoch, wir machen weiter.“ So erzählte es der Generalsekretär der NATO selbst, in einer Gesprächssendung des niederländischen Fernsehens. Er habe Trump am Tag nach den Zwischenwahlen geschrieben. Der höchste politische Vertreter eines Militärbündnisses mit 32 Mitgliedstaaten sorgt sich also um die Gemütslage eines Mannes, dem gerade die parlamentarische Rückendeckung abhandengekommen ist. Für jemanden, der Europas Sicherheit mitverantwortet, scheint das Bedürfnis nach persönlicher Nähe erstaunlich groß geworden.
Rutte hat diese Form der Diplomatie längst zur Kunst erhoben. Beim NATO-Gipfel nannte er den Präsidenten „Daddy“. Seine schwärmerischen Nachrichten wurden öffentlich, weil der Empfänger sie selbst herumreichte. Trump liebt Schmeichelei, und Rutte stellt sie in Manufakturqualität her.
Dass Europa ohne die Vereinigten Staaten schlecht verteidigt wäre, weiß jeder ernsthafte Außenpolitiker. Im Bündnisvertrag steht allerdings nirgends, dass der Generalsekretär deshalb den Seelentröster geben muss. Zwischen diplomatischer Klugheit und freiwilliger Selbsterniedrigung verläuft eine Grenze. Rutte überschreitet sie mit der Gelassenheit eines Spaziergängers, der Grenzsteine für Gartenschmuck hält. Befremdlich wird die Zärtlichkeit vor dem Hintergrund der vergangenen Monate. Der Krieg gegen Iran hat viele Menschenleben gekostet und die wirtschaftliche Unsicherheit verschärft. Europas Regierungen tragen die Folgen amerikanischer Entscheidungen, auf die sie selten Einfluss haben, und Trump hat das Bündnis wiederholt unter Druck gesetzt. Seine Beschlüsse treffen Millionen Menschen jenseits der amerikanischen Grenzen. Getröstet wird ausgerechnet der Mann, der beschlossen hat. „Kopf hoch.“ Als ginge es um einen verpatzten Nachmittag auf dem Golfplatz.
Die amerikanischen Wähler haben bestimmt, wer sie im Kongress vertreten soll. Dieses Urteil verdient Respekt, zumal von einem Amtsträger, der von Berufs wegen demokratische Staaten verteidigen soll. Schweigen wäre möglich gewesen. Rutte zog es vor, im Fernsehen auszubreiten, wie fürsorglich er geschrieben habe.
Die NATO verfügt über gewaltige militärische Fähigkeiten. Ihr Generalsekretär pflegt eine andere Begabung. Er kann sich vor einem Präsidenten kleinmachen und dabei ausgesprochen zufrieden aussehen. Der Trostbrief hat seinen Absender verraten. Für Donald Trump mag das schmeichelhaft sein, für das Ansehen der NATO ist es erbärmlich.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English