Der digitale Pinsel ist die letzte Zuflucht dessen, der die Welt nicht mehr biegt. Donald Trump hat an einem Nachmittag fünfzehn Bilder und ein Video in sein eigenes Netz geworfen, und sie zeigen die älteste Bewegung eines scheiternden Mannes: Er befiehlt das Bild, weil ihm die Sache nicht mehr gehorcht. Ob seine digitalen Zuarbeiter den Unsinn bauen oder er selbst, ist gleich, er stellt ihn unter seinen Namen und unterschreibt damit jeden Strich. Wo seine Zölle den Handel würgen und die Korruption die Ämter durchzieht, übermalt er die Landkarte und ernennt sich selbst zur Geschichte. In der Uniform der Revolution reitet er neben George Washington, auf einem zweiten Bild sitzt der Gründervater in seinem Amtszimmer und lauscht ihm ehrfürchtig. Aus dem Ontariosee macht ein schwarzer Strich „America“, aus dem quer durchgestrichenen New Mexico ebenso. Sein neustes Projekt. Ein Mann malt sich erst dann in den Marmor der Ahnen, wenn er ahnt, dass die Nachwelt ihn dort nicht dulden wird. Namen sind das Gedächtnis eines Volkes, und er radiert sie aus, als gehöre ihm auch die Erinnerung. Unsterblichkeit lässt sich nicht wählen, also greift er mit dem Filzstift nach ihr.
Jeder Diktator entdeckt irgendwann, dass sich Bilder leichter regieren lassen als Länder. Ein Hafen streikt nicht auf dem Gemälde, ein Preis steigt nicht im Filzstift. Und ein Krieg fordert im Bild keine Toten. Also verlegt er die Herrschaft dorthin, wo er noch gewinnt, auf den Bildschirm, und überlässt das Wirkliche sich selbst. Die Kunst des Übermalens ist bequem, und sie ist tödlich, weil das Übermalte weiterlebt und weiterschadet.

Unter der Übermalung liegt das Land, das ihm nicht mehr folgt. Seine Handelskriege verteuern, was die Menschen täglich kaufen, und treiben alte Verbündete fort. Verträge, die Jahrzehnte hielten, kündigt er per Zuruf, und die Zeche zahlen die kleinen Leute an der Kasse. Im Amt füllt er sich und den Seinen die Taschen, ungeniert, während der Iran-Krieg, den er mit anzettelte, in ein teures Patt erstarrt ist. Er leugnet den Wandel des Klimas und verheizt die Zukunft seiner Enkel für die Gegenwart der Ölfelder. Kein gemaltes Reich deckt diese Rechnung, sie wächst, gerade während er auch noch den Mond zur amerikanischen Beute erklärt. Regieren hieße, sie zu bezahlen; er zieht es vor, sie zu übermalen.

Zwischendurch gibt er den Angestellten am Fenster eines McDonald’s, die Schürze um, die Hand zum Gruß, und lässt sich im selben Aufwasch zum größten Präsidenten aller Zeiten ausrufen. Für seine Weltraumtruppe entwirft er eine Galauniform wie aus einem Kriegsfilm der Zukunft, ganz in Schwarz. Er reicht dem Volk die Spiele und behält das Brot. Das tägliche Gelächter über den Clown prüft nichts, und aus dem Lachen wird die Gewöhnung, in der das Ungeheuerliche zum Wetter wird, über das man morgens kurz spricht und dann zur Arbeit geht.
Unter dem Karneval aber liegt die Drohung, und sie meint es ernst. Vor dem Kapitol schreitet er auf dem letzten Bild durch eine nächtliche Stadt, flankiert von gepanzerten Maschinen mit glühenden Augen, darüber die Zeile „They will never sleep again“. Dieselbe Hand, die eben Seen umbenannte, befiehlt die Armee und die Atomwaffen. Die Frage nach seiner Amtsfähigkeit stellt sich mit jedem dieser Bilder schärfer, und sie nicht zu stellen wäre fahrlässig gegenüber allen, die er treffen kann.

Gefährlicher als Wladimir Putin oder Kim Jong Un ist er gerade in diesem Punkt, weil er die Niederlage nahen sieht. Die Zwischenwahlen dürfte er verlieren, seine Macht steht auf der Kippe, und ein Kaiser, dessen Krone wackelt, greift nach allem, was ihn noch groß erscheinen lässt. Unter ihm werden Rechtspopulismus und Rassismus zum Alltag, der Faschismus verliert seinen Schrecken durch bloße Wiederholung. Was er nicht besitzen kann, will er beschädigen, vom Klima bis zum Ansehen des eigenen Landes. Ein auswärtiger Tyrann rechnet mit Jahren, dieser Mann rechnet mit Monaten, und die kurze Frist macht ihn tollkühn. Am gefährlichsten wird er in dem Augenblick, in dem er glaubt, nichts mehr verlieren zu können.

Darum eine Ansage an alle, die noch wach sind. Ein solcher Mann gehört aus dem höchsten Amt heraus, und die Verfassung hält die Werkzeuge dafür bereit. Die Amtsenthebung und der 25. Verfassungszusatz gehören dazu. Die Gerichte und die Wahlurne ebenso. Gewalt braucht es dafür nicht, nur Entschlossenheit und die Gesetze, die längst bereitliegen, und Menschen, die den Mut haben, sie anzuwenden. Der erste Schritt ist, ihm das Lachen zu verweigern, mit dem er sich tarnt. Denn dieses Lachen ist die Narkose, unter der die Rechnung ungestört weiterläuft. Ein Volk, das sich nicht mit dem Bild seines Herrschers verwechseln lässt, zeigt ihm die Grenze, die er selbst nicht mehr sieht, und weist ihn dahinter zurück.
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