In Camp David, dem Feriensitz der amerikanischen Präsidenten in den Bergen von Maryland, saß der Präsident am Freitag vor seinem Kabinett und teilte dem Land mit, wer in Wahrheit seine Wasserwerke angegriffen habe. Nicht Teheran, sagte er, sondern Saint Paul. „Ich glaube nicht, dass es ein iranischer Angriff war. Ich glaube, Minnesota steckt dahinter. Ich glaube, der Gouverneur (Tim Walz) steckt dahinter.“ Und, damit kein Zweifel bleibe, worauf die Diagnose beruhe: „Ich mache Minnesota dafür verantwortlich, weil sie grob inkompetent sind.“ Der Iran habe größere Sorgen, als sich um Minnesota zu kümmern.
So kam an einem stillen Nachmittag in Maryland die Nachricht in die Welt, ein gewählter Gouverneur habe die Trinkwasserversorgung seines eigenen Staates lahmgelegt. Man liest solche Sätze zweimal, nicht weil sie schwer zu verstehen wären, sondern weil man dem eigenen Auge misstraut.
Trump macht Minnesotas Gouverneur Tim Walz für den iranischen Cyberangriff auf die Wasserwerke des Bundesstaates verantwortlich.
„Ich glaube, ich gebe Minnesota die Schuld … dem korrupten Gouverneur von Minnesota.“
Die Nachrichtendienste waren zu einem anderen Schluss gekommen. Viele Recherchen zeichnen ein ganz anderes Bild. Es ist mehr als nur wahrscheinlich, dass der Iran hinter einem abgestimmten Angriff auf mehr als 30 kommunale Wassersysteme in Minnesota stehe, verübt am Sonntag und am Montag dieser Woche. Das FBI ermittelt. Bewiesen ist die Urheberschaft nicht, doch seit Monaten warnen Fachleute, Teheran nehme jene ungeschützt im Netz hängenden Steuergeräte der Wasser- und Energieanlagen ins Visier.
Der Schaden blieb begrenzt, was weniger an der Vorsorge lag als am Glück. Ein System war kurz vom Netz, bei einem anderen fielen die Fernsensoren aus; die Aufforderung, den Wasserverbrauch zu ändern, erging an niemanden. In der kleinen Stadt Braham entdeckte der Bauhof den Angriff früh am Montagmorgen, trennte das System ab und fuhr das Werk nach einer Sicherung binnen rund 90 Minuten wieder hoch; solange versorgte der Wasserturm die Einwohner. Andernorts, in Plymouth, wurden Steuergeräte gekapert, die Versorgung selbst blieb unberührt. Es war, so ein Fachmann, die leichteste Beute: kleine Versorger, deren Steuerungen offen im Netz standen, gesichert durch Passwörter, die niemand je geändert hatte.
Die Kunst, das Schwächere stark zu reden
Wer die Sache kennt, erkennt die Handschrift. Seit der Krieg gegen den Iran am 28. Februar begann, hat Teheran das Land mit solchen Angriffen überzogen, die meisten ohne Schlagzeile. Man kennt das Muster aus dem Spätjahr 2023, als an einer Pumpstation im pennsylvanischen Aliquippa ein Steuergerät einer den Revolutionsgarden nahestehenden Gruppe zum Opfer fiel; die dortige Technik stammte von einem israelischen Hersteller, dessen Geräte die Angreifer damals in mehreren Ländern trafen, gerade als Israel seinen Feldzug in Gaza begann, Antwort auf den Überfall der Hamas mit etwa 1.200 Toten.
Das Ziel solcher Angriffe ist selten die Zerstörung, sondern die Wirkung im Kopf, und sie richtet sich an 2 Zuschauer. Der eine ist das amerikanische Publikum, das erschrecken und den Krieg für seinen Preis nicht mehr wert halten soll, obwohl die Systeme sich als widerstandsfähig erweisen. Der andere sitzt in Teheran: Die Ausführenden wollen ihren Vorgesetzten zeigen, dass sie zum Kriegswerk beitragen. Die Botschaft lautet, erreichbar sei jeder, bis in die Kleinstadt.
Hier hakt der Präsident ein. Das FBI hatte schon am Donnerstagabend mitgeteilt, die Angreifer hätten Wasseranlagen in mindestens 7 Staaten getroffen und deren Betrieb beeinträchtigt. Ein Angriff auf 7 Staaten lässt sich schwer dem Gouverneur eines einzigen anlasten, es sei denn, man verzichtet auf den Zusammenhang zwischen Behauptung und Welt. Er streicht die 6 übrigen Staaten aus dem Bild und behält den einen, der von einem Demokraten regiert wird. Das FBI selbst, gefragt, ob der Iran der Urheber sei, wich aus und erklärte nur, man schütze die kritische Infrastruktur. Es ist die Sprache der Behörde, die weiß, was sie nicht sagen darf, während der Präsident sagt, was keine Behörde stützt.
Ein Lehrer der Redekunst im alten Athen rühmte sich einst, er könne die schwächere Sache zur stärkeren machen, und galt dafür als gefährlich, weil er die Rede von der Wahrheit ablöste. Was damals als Kunststück galt, ist heute Regierungsprosa. Die schwächere Sache, dass der eigene Krieg das eigene Wasser verwundbar gemacht hat, wird zur stärkeren umgeredet, dass ein politischer Gegner die Leitungen sabotiere.
Der Krieg, den niemand gewinnt
Die Wahl des Schuldigen ist keine Laune. Der Gouverneur war 2024 der Mann an der Seite der unterlegenen Kandidatin, und sein Staat steht seit Monaten auf einer Liste. Im Januar drohte der Präsident mit dem Aufstandsgesetz gegen Proteste über die Abschiebeoffensive; im März verklagte Minnesota seine Regierung, um an Beweise zu jenen tödlichen Schüssen zu kommen, mit denen Bundesbeamte zwei US-Bürger getötet hatten, Renée Good und Alex Pretti. Wer so vorbelastet ist, taugt zum Täter, auch wenn die Tat aus Teheran kam.

Der Gouverneur wies die Sache noch am selben Tag zurück. Der Präsident wisse genau, wer hinter dem Angriff stehe, und wisse auch, dass andere Staaten getroffen wurden; so sehe moderner Krieg aus, und es zeige erneut, dass es keinen Plan gebe, den Krieg gegen den Iran zu gewinnen. Wer den Angriff dem Nachbarn zuschiebt, muss über den Angreifer nicht reden, und wer über den Angreifer schweigt, muss auch nicht sagen, wie dieser Krieg enden soll, der im 5. Monat im eigenen Wassernetz angekommen ist.
Die Behörden mahnten, ihr Befund sei vorläufig; dass die Angreifer sich nur als iranisch ausgäben, halten frühere Geheimdienstleute für unwahrscheinlich, und bisher hat nichts die vorherrschende Einschätzung erschüttert. Sollte sie sich bestätigen, wäre es einer der schwersten Angriffe dieses Krieges. Die zuständige Sicherheitsbehörde meldete am Donnerstag eine deutliche Zunahme solcher Fälle und riet zum Schlichtesten, die Geräte vom Netz zu nehmen und die voreingestellten Passwörter zu ändern.
Am Ende steht ein Präsident, der lieber seinen Gouverneur zum Feind erklärt als den Feind zum Feind. Das erspart ihm die unbequemste Zahl des Tages, jene 7 Staaten, und die Frage dahinter: Was nützt die größte Streitmacht der Welt, wenn der Gegner nicht an ihr vorbei muss, sondern durch ein vergessenes Passwort in der Kleinstadt hindurchgeht.
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