Welcome to The Kaizen Blog   Click to listen highlighted text! Welcome to The Kaizen Blog

Trump erklärt TikTok für ungefährlich, weil er dort die Nummer eins ist

VonRainer Hofmann

6. Juli 2026

Es gibt eine Art zu denken, bei der die Welt am eigenen Spiegelbild endet, und Donald Trump hat dafür ein neues Beispiel geliefert. Gefragt, ob Anteile von SpaceX gespendet würden, um sie in den sogenannten Trump Accounts zu verwenden, gab der Präsident keine Antwort auf die Frage. Stattdessen begann er davon zu sprechen, wie TikTok ihm geholfen habe, erneut Präsident zu werden. Er habe einen Nachrichtenbeitrag über die angeblichen Gefahren der App gesehen, sagte er, und dabei festgestellt, dass er dort die Nummer eins sei. Dann stellte er infrage, wie gefährlich diese App denn überhaupt sein könne. Wenn er die Wahrheit sagen solle, so Trump, habe sie ihm geholfen, die Wahl mit großem Vorsprung zu gewinnen.

Man muss diesen Gedankengang einen Moment nachzeichnen, um seine ganze Beschaffenheit zu erkennen. Eine App gilt als Sicherheitsrisiko, seit Jahren wird über sie gestritten, über den Abfluss von Daten, über den Einfluss eines fremden Staates, über die Wirkung ihrer Mechanismen auf junge Menschen. Nichts davon berührt Trump. Für ihn beantwortet sich die Frage nach der Gefahr an einem einzigen Maßstab, an seiner eigenen Stellung in der Rangliste. Er steht oben, also kann es so schlimm nicht sein. Es ist die Logik eines Menschen, der die Welt nicht danach beurteilt, was sie ist, sondern danach, was sie ihm nützt.

Präsident Trump: „Die neuen Zahlen sind gerade veröffentlicht worden. Wisst ihr, wer mit großem Abstand die Nummer eins auf TikTok ist? Trump. Ich!“ „Taylor Swift war auf Platz 11.“ „Ich bin mit riesigem Abstand die Nummer eins.“

Bezeichnend ist auch, wie beiläufig er dabei einräumt, worüber andere lange spekuliert haben. TikTok habe ihm zum Sieg verholfen. Es ist ein Satz, der eigentlich alle Alarmglocken läuten lassen müsste, denn er bestätigt genau das, was Kritiker seit Langem befürchten, dass nämlich diese Plattform politische Wirkung entfaltet, die weit über Unterhaltung hinausreicht. Trump aber spricht es aus wie ein Lob, nicht wie ein Eingeständnis. Was für andere ein Grund zur Sorge ist, ist für ihn ein Grund zur Dankbarkeit. Der mögliche Schaden für die Demokratie wird zur persönlichen Erfolgsbilanz umgedeutet.

Und dann, gefragt nach SpaceX, dieser fast schon entlarvende Satz. Er sei ein Cheerleader für Genies, sagte Trump, und er spreche mit vielen von ihnen, darunter Elon Musk, der das Raketenunternehmen gegründet hat. Ein Präsident, der sich selbst zum Anfeuerer der Mächtigen erklärt. Es ist eine bemerkenswerte Selbstbeschreibung, denn ein Cheerleader steht am Rand und applaudiert, er trägt keine Verantwortung für das Spiel, er jubelt nur. Für das höchste Amt eines Landes ist das eine seltsame Rollenwahl. Man erwartet von einem Präsidenten, dass er die Mächtigen kontrolliert, nicht dass er ihnen zujubelt.

Hier liegt der Abgrund, und er reicht tiefer als die einzelne Äußerung. Macht hat immer die Neigung, sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen. Sie beginnt damit, dass sie das Wohl des Ganzen mit dem eigenen Vorteil verwechselt, und sie endet damit, dass sie beides nicht mehr unterscheiden kann. Wenn eine Gefahr für das Land keine Gefahr mehr ist, sobald sie dem eigenen Aufstieg dient, dann ist die Grenze zwischen öffentlichem Amt und privatem Interesse nicht nur verwischt, sondern aufgehoben. Der Präsident wird zum Kunden seiner eigenen Politik, und das Land zum Hintergrund seiner Erfolgsgeschichte.

Am Ende bleibt ein kleiner, fast harmloser Wortwechsel, der doch ein ganzes Weltbild enthält. Eine Frage nach Aktien wird zur Selbstfeier. Eine Warnung vor einer App wird zum Kompliment an sie, weil sie dem Richtigen genützt hat. Und ein Präsident erklärt sich zum Bewunderer der Genies, statt sich als Diener der Bürger zu verstehen. Es ist nicht die große Skandalmeldung, es ist etwas Leiseres und darum Beunruhigenderes.

Es ist der beiläufige Beweis, dass für diesen Mann die Welt genau so weit reicht wie sein eigener Vorteil und keinen Schritt weiter.

Unabhängiger Journalismus · Kaizen Blog

Wir sind dort,
wo es wehtut

Wir sitzen nicht im Warmen und schreiben über die Welt – und wir hören auch nicht beim Schreiben auf. Unsere Hilfe ist dort, wo sie gebraucht wird. Wir sind ein kleines Team. Keine Investoren, keine Millionäre, keine große Redaktion im Hintergrund. Was wir haben, sind Herz, Wille und der Anspruch, Dinge aufzudecken, über die andere oft hinwegsehen. Wenn Sie möchten, dass diese Arbeit weiter möglich bleibt, unterstützen Sie den Kaizen Blog.

Unsere Arbeit lebt von denen, die hinschauen – und dafür einstehen, dass das möglich bleibt.

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x
Click to listen highlighted text!