Tödliche Sekunden nach dem Schuss – Wie Hilfe verweigert wurde und die Ermittlungen entzogen werden

VonRainer Hofmann

Januar 8, 2026

Hinweis: Dieser Artikel enthält sehr sensibles Material.

Die 37-jährige Renee Nicole Good sitzt schwer verletzt, Sekunden entscheiden. Ein Arzt versucht, zu ihr zu gelangen. ICE-Beamte blockieren den Zugang. Umstehende werden angewiesen, sich „einfach zu beruhigen“. Dieses Verhalten lässt keinen Spielraum für Beschönigungen. Sie dokumentieren nicht Chaos, sondern Kontrolle – und eine Entscheidung: keine Hilfe.

Unsere Recherchen, die wir soeben abgeschlossen haben, bestätigen diesen Ablauf eindeutig. Auch wenn die Überlebenschancen von Renee Nicole Good in diesem Moment gering gewesen sein mögen, wurde ihr unmittelbare medizinische Versorgung verweigert. Relevant ist nicht allein der tödliche Schuss. Relevant ist, dass danach Hilfe verweigert wurde – und dass heute verhindert wird, genau das unabhängig zu untersuchen. Hinzu kommt ein Schritt, der die Zweifel vertieft. Die Ermittlungsbehörde des Bundesstaats Minnesota hat bestätigt, dass die US-Staatsanwaltschaft sie daran gehindert hat, sich an der Untersuchung der tödlichen Schussabgabe eines ICE-Beamten zu beteiligen. Damit wurde dem Bundesstaat die Mitwirkung entzogen. Die Ermittlungen liegen nun ausschließlich beim Federal Bureau of Investigation, geführt unter der Leitung von Kash Patel. Man könnte sagen, dass in diesem Moment – in jenem präzisen Augenblick, in dem die Zuständigkeit wechselt – eine unsichtbare Grenze überschritten wird. Nicht die Grenze zwischen zwei Behörden, sondern jene zwischen zwei Wahrheiten: der öffentlichen und der staatlichen.

Transparenz, dieses Wort, das in demokratischen Gesellschaften wie ein Talisman beschworen wird, verschwindet hier mit der Leichtigkeit eines Taschenspielertricks. An ihre Stelle tritt jene eigentümliche Form der Undurchsichtigkeit, die sich selbst als „Zuständigkeit“ tarnt. Die unabhängige Kontrolle wird ersetzt durch das, was man euphemistisch „interne Klärung“ nennen könnte: eine Bundesbehörde untersucht sich gewissermaßen jenen Teil ihrer selbst, der mit der gegenwärtigen politischen Linie aufs Innigste verwoben ist. Ist es nicht seltsam, dass ausgerechnet dort, wo es um Tod geht, um verweigerte Hilfe, um Gewalt, die nicht rückgängig zu machen ist – dass gerade dort die Türen geschlossen werden? Als wäre der Tod selbst ein administratives Detail, das besser hinter verschlossenen Türen verhandelt wird. Wir regeln das unter uns, für uns.

Ein Arzt wird abgehalten, Zivilisten werden beruhigt, während eine Frau im Sterben liegt. Wer hier von Routine spricht, verkennt die Tragweite. Selbst wenn medizinische Rettung am Ende nicht erfolgreich gewesen wäre, ist die Verweigerung unmittelbarer Hilfe ein eigener Vorgang mit eigenem Gewicht. Er wirft Fragen nach Verantwortlichkeit, nach Befehlen und nach der Priorität von Abschirmung gegenüber Menschenleben auf. Dass nun auch die Ermittlungen selbst unter eine Decke gezogen werden, macht den Fall noch düsterer. Es geht einfach um die schlichte Forderung nach vollständiger Aufklärung.

Renee Nicole Good ist tot. Was bleibt, sind Bilder, eine Reihe bestätigter Fakten – und ein Verfahren, das sich der öffentlichen Kontrolle entzieht. Genau deshalb darf dieser Fall nicht schweigen.

Fortsetzung folgt …

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4 Gedanken zu „Tödliche Sekunden nach dem Schuss – Wie Hilfe verweigert wurde und die Ermittlungen entzogen werden“
  1. Das setzt dieser unglaublich tragischen Tat die Krone auf.

    Das Opfer wird zum Täter stilisiert.
    Der ICe Agent wurde überfahren und ringtone nit seinem Leben

    Der armen Renee Good wurde das simplest verwehrt.
    1. Hilfe in einem absoluten Notfall.

    Alles von der ersten Interaktion, bis zum jetzigen Sachstand soll auf Trumps Linie gebracht werden.
    Die Wahrheit? Nein es braucht eine dramatische Geschichte um einen „armen ICE Agent“ zu schützen.
    Einen Typen der sich aktiv ohne Not dazu entschlossen hat eine Frau zu erschießen.
    Aber in Trumps Geschichte ist der ICE Agent das Opfer, Renee Good die Täterin.

    So wird den Behörden in Minnesota der Fall entzogen und das FBI ermittelt.
    Kashmir Patel wird Trump sicher den Gefallen tun, alles passend zurecht zu biegen.

    Damit geht auch der Mörder ohne Konsequenzen weiter seiner Tätigkeit nach.
    Wissend, auch wenn er einfach Jemanden im Einsatz erschießt, passiert ihm nichts.

    Und die Gerechtigkeit für Renee Good bleibt auf der Strecke.

    Ich glaube mich dunkel zu erinnern, dass Angehörige auf eine unabhängige Obduktion und forensische Ermittlung bestehen können.
    Aber das ist sicher unbezahlbar.

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