Raketen aus dem Schatten – Russland testet die nächste Eskalationsstufe über der Ukraine

VonRainer Hofmann

Januar 9, 2026

Kurz vor Mitternacht meldete die ukrainische Luftwaffe eine ungewöhnliche Warnung. Von Kapustin Jar, einem russischen Testgelände für strategische Raketen nahe dem Kaspischen Meer, sei der Start einer ballistischen Rakete möglich. Wenig später erschütterten Explosionen die Region um Lwiw im Westen der Ukraine. Ob tatsächlich eine nuklearfähige Mittelstreckenrakete aus diesem Gebiet eingesetzt wurde, bestätigte Kiew nicht. Doch allein die Möglichkeit markiert eine neue Qualität der Bedrohung.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, wäre es erst das zweite Mal seit Beginn des Krieges, dass Russland eine Rakete von einem seiner strategischen Teststandorte gegen die Ukraine einsetzt. Bereits 2024 hatte Moskau mit der Oreschnik eine neue Mittelstreckenrakete abgefeuert, ebenfalls von Kapustin Jar aus. Damals trug sie Attrappen statt Sprengköpfen und richtete nur begrenzten Schaden an. Die Botschaft war dennoch eindeutig: Russland zeigte, wozu es technisch fähig ist – und dass es bereit ist, diese Fähigkeiten politisch einzusetzen.

In der Nacht wurden in Kiew mehrere Wohnhäuser von russischen Drohnen und Raketen getroffen, während Russland erneut einen groß angelegten kombinierten Angriff auf die Ukraine ausführte. Es gibt Tote und Verletzte. Nach Angaben von 03:15 Uhr Ortszeit dauern die Angriffe weiterhin an, weitere Raketen befinden sich in der Luft, und in weiten Teilen des Landes gilt noch immer Luftalarm. Im Bezirk Browary wurden ein fünfjähriges Kind und drei Erwachsene aus dem Keller eines Hauses gerettet, nachdem das Gebäude durch einen russischen Angriff getroffen worden war. Alle Betroffenen mussten ins Krankenhaus gebracht werden, unter anderem wegen einer Kohlenmonoxidvergiftung und weiterer Verletzungen.

Auch diesmal fällt der Zeitpunkt nicht zufällig. Die Ukraine hat russische Forderungen nach Gebietsabtretungen in Gesprächen zurückgewiesen. Gleichzeitig hat die US-Regierung in Venezuela mit der Festnahme von Nicolás Maduro einen engen Verbündeten Moskaus aus dem Spiel genommen. In dieser Lage wirkt der mutmaßliche Raketenstart wie ein Signal an mehrere Adressaten zugleich.

Die ukrainische Luftwaffe datierte die Warnung auf etwa 23:30 Uhr. Kurz darauf berichtete der Bürgermeister von Lwiw, Andrij Sadowyj, von Explosionen und Schäden an kritischer Infrastruktur. Details nannte er nicht. Auffällig ist jedoch die Nähe des Einschlagsortes zur polnischen Grenze. Polen ist Mitglied von NATO und EU. Ein Angriff in dieser Region rückt den Krieg geografisch näher an das Bündnis heran, ohne dessen Grenze formell zu überschreiten. Schon beim Einsatz der Oreschnik im November 2024 hatte Präsident Wladimir Putin die Rakete öffentlich benannt und ihren Einsatz begründet. Er sprach von Vergeltung für die Erlaubnis der USA und Großbritanniens, dass die Ukraine westliche Waffen tief im russischen Hinterland einsetzen dürfe. Damals traf die Rakete ein Luftfahrtwerk in Dnipro. Der Schaden blieb gering, der symbolische Effekt war groß.

Nach Angaben des Pentagon basiert die eingesetzte Rakete auf der RS-26 Rubezh, einer ursprünglich interkontinentalen Rakete, die für kürzere Reichweiten umgebaut wurde. Sie trägt mehrere Gefechtsköpfe, die sich im Flug trennen. Die Ukraine verfügt über keine Systeme, die eine solche Waffe abfangen könnten. Allein diese technische Tatsache verändert das Kräfteverhältnis, selbst wenn die Raketen mit konventionellen oder leeren Sprengköpfen bestückt sind. Parallel zu den Explosionen im Westen erlebte das Land eine weitere Nacht massiver Angriffe. In Kiew und Umgebung schlugen Drohnen und Raketen in Wohngebieten ein. Mehrere Wohnhäuser wurden getroffen. In Brovary wurden ein fünfjähriges Kind und drei Erwachsene aus dem Keller eines Hauses gerettet, nachdem das Gebäude beschädigt worden war. Sie erlitten unter anderem eine Kohlenmonoxidvergiftung und mussten ins Krankenhaus gebracht werden. In einem anderen Teil der Hauptstadt wurde eine ganze Familie Berichten zufolge getötet, nachdem ihr Wohnhaus direkt getroffen worden war.

Im Kiewer Stadtteil Darnyzja kam es zu einem sogenannten Doppelangriff. Zunächst traf ein russischer Angriff ein Wohnhaus. Als Rettungskräfte vor Ort Hilfe leisteten, folgte ein weiterer gezielter Einschlag. Nach bisherigen Angaben wurde dabei ein Sanitäter getötet, drei weitere medizinische Einsatzkräfte wurden verletzt.

Auch Stunden später war kein Ende der Angriffe absehbar. Um kurz nach drei Uhr morgens lief der Luftalarm weiter, Raketen befanden sich noch in der Luft. In mindestens einem Fall geriet ein Gebäude nach dem Einschlag in Brand. Selbst Schutzräume boten keinen verlässlichen Schutz mehr. Tote und Verletzte wurden aus mehreren Regionen gemeldet. Dass Wohngebiete gezielt oder zumindest billigend in Kauf genommen werden, ist längst kein Ausnahmefall mehr. Die Angriffe dieser Nacht fügen sich in ein Muster ein, das sich seit Monaten verdichtet. Russland setzt auf Masse, auf Kombinationen aus Drohnen und Raketen, auf Überlastung der Abwehr und auf Einschüchterung der Zivilbevölkerung. Der mögliche Einsatz einer nuklearfähigen Trägerrakete fügt diesem Muster eine weitere Ebene hinzu.

Und Europa?

Vier Lücken, die man nicht wegmoderieren kann

  • keine gemeinsame europäische Abschreckungsstrategie
  • keine klaren roten Linien, die auch Konsequenzen hätten
  • keine politische Initiative, die über Verwaltung des Krieges hinausgeht
  • keine Antwort auf Angriffe, die immer näher an die EU-Grenzen rücken
Stand: Januar 2026

Die politische Botschaft ist klar, auch ohne offizielle Bestätigung aus Moskau. Russland demonstriert Reichweite, Unberechenbarkeit und die Bereitschaft zur weiteren Eskalation. Die Nähe zu Polen verstärkt den Druck auf den Westen, ohne eine formale rote Linie zu überschreiten. Für die Ukraine bedeutet das eine Nacht mehr aus Angst, Feuer und Verlusten. Für Europa ist es ein weiterer Hinweis darauf, wie nah dieser Krieg inzwischen an seine Grenzen heranrückt. Was bleibt, ist das Bild eines Landes unter Dauerbeschuss. Kinder, die aus Kellern gerettet werden. Familien, die in ihren Wohnungen sterben. Städte, die im Minutentakt Sirenen hören. Und darüber die Drohung mit Waffen, die nicht mehr nur zerstören, sondern auch ein politisches Versprechen tragen: dass Russland bereit ist, den nächsten Schritt zu gehen.

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