Es gibt Abende, an denen ein einzelner Satz mehr wiegt als eine ganze Rede, und der Abend in Chicago war so ein Abend. Barack Obama saß im neuen Presidential Center neben Stephen Colbert, das Licht warm, das Publikum still, und er sagte etwas, das in einer funktionierenden Demokratie eigentlich nie hätte ausgesprochen werden müssen: Ein Präsident dürfe das Justizsystem nicht gegen seine politischen Gegner einsetzen. Vor zehn Jahren wäre dieser Satz auf taube Ohren gefallen, weil ihn niemand für nötig gehalten hätte. An diesem Abend hörten alle hin.
Colbert hatte gefragt, welche Befugnisse ein Präsident niemals haben sollte. Obama antwortete leise, fast bedächtig, und gerade diese Ruhe gab den Worten ihr Gewicht. Das Weiße Haus, sagte er, habe dem Justizministerium nicht vorzuschreiben, gegen wen ermittelt werde. Der Generalstaatsanwalt sei der Anwalt des Volkes, nicht der persönliche Rechtsbeistand des Mannes im Oval Office. Donald Trumps Namen nahm Obama dabei kein einziges Mal in den Mund. Er musste es nicht. Jeder im Saal verstand, von wem die Rede war, und gerade diese Auslassung machte das Gesagte schärfer, als es jede offene Anschuldigung vermocht hätte.

Die Ausgangslage war auch jedem klar. Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus reißen die Berichte nicht ab, wonach das Justizsystem zum verlängerten Arm persönlicher Rechnungen umgebaut werde. Pam Bondi, die ehemalige Justizministerin, soll laut mehreren Quellen Anweisung erhalten haben, gegen jene vorzugehen, die Trump im Weg standen. Adam Schiff war auf dieser Liste, der Mann, der im ersten Amtsenthebungsverfahren eine tragende Rolle spielte. Auch James Comey, der frühere FBI-Direktor. Trump selbst hat das nie verschleiert. Auf Truth Social schrieb er über Schiff, Comey und Letitia James, sie seien schuldig wie die Hölle, es werde nur eben nichts passieren. Ein Satz, der in einem Rechtsstaat nicht aus dem Weißen Haus kommen darf, weil er den Rechtsstaat selbst beschädigt.
Genau dort setzte Obama an, ohne es benennen zu müssen. Wenn der Staat anfange, Freunde zu belohnen und Feinde zu bestrafen, werde die Strafjustiz zur politischen Waffe. Bei den Begnadigungen wurde er konkreter. Ein Präsident solle keine Menschen begnadigen, die ihm Geld in den Wahlkampf gespült oder sich an seinen Geschäften beteiligt hätten. Dann kam der Satz, bei dem das Publikum kurz auflachte, weil dieses Lachen der einzige Weg war, den Ernst dahinter zu ertragen. Obama habe eigentlich gedacht, das sei ein recht offensichtliches Prinzip.

Die Zahlen, über die er nicht sprechen musste, sprechen für sich. Mehr als 1600 Begnadigungen allein in Trumps zweiter Amtszeit. Das Wall Street Journal berichtete, dass intern bereits über pauschale Begnadigungen für Mitarbeiter und Unterstützer nachgedacht werde. Trump soll dabei einen Satz fallen gelassen haben, der wie ein schlechter Scherz klingt und doch keiner ist. Er werde jeden begnadigen, der sich dem Oval Office auf zweihundert Fuß genähert habe.
Auch das Militär kam zur Sprache. Ein Präsident sei Oberbefehlshaber, sagte Obama, aber die Armee gehöre nicht ihm. Die Loyalität der Streitkräfte gelte der Verfassung, nicht einem einzelnen Mann im Weißen Haus. Trump hatte in den vergangenen Monaten mehrfach versucht, sich als alleinigen Mittelpunkt staatlicher Macht zu inszenieren. Kritiker werfen ihm vor, Armee, Sicherheitsbehörden und Justiz schrittweise auf persönliche Treue umzubauen.
Beim Thema Geld wurde Obama dann am direktesten. Ein amerikanischer Präsident, sagte er, solle keine privaten Nebengeschäfte unterhalten, in die Unternehmen oder ausländische Akteure investieren könnten. Wieder kein Name. Wieder wusste jeder, wer gemeint war. Es war, als läse Obama eine Liste vor, ohne sie je als Liste anzukündigen, und genau das war die Eleganz seines Auftritts.

Colbert nutzte den Moment später für einen leiseren Schlag, der trotzdem saß. Seine Sendung endet am 21. Mai nach elf Jahren bei CBS. Viele Leute hätten ihm geraten, selbst für das Präsidentenamt zu kandidieren, sagte er, und fragte Obama halb im Spaß, wie dumm diese Idee sei. Obama lächelte. Die Messlatte, antwortete er, habe sich in den letzten Jahren verändert. Er glaube, Colbert würde deutlich besser abschneiden als manche, die man zuletzt gesehen habe.
Der Zeitpunkt dieses Abends war kein Zufall. Colbert hatte Trump fast täglich aufs Korn genommen und verlor seine Sendung, nachdem Paramount, der Mutterkonzern von CBS, einen Rechtsstreit mit Trump beigelegt hatte. Trump reagierte mit offener Häme. Auf Truth Social schrieb er, er liebe es absolut, dass Colbert gefeuert worden sei, das Talent sei ohnehin schlechter als die Einschaltquoten. Jimmy Kimmel kassierte gleich mit, der habe sogar noch weniger Talent.
Obama brauchte an diesem Abend keine lauten Angriffe, keine Polemik, keine Nennung des Namens. Vielleicht lag genau darin die eigentliche Botschaft. Ein ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten musste in einer Talkshow Sätze aussprechen, die einmal so selbstverständlich waren, dass sie niemand auf einer Bühne hätte hören wollen. Wenn das Selbstverständliche wieder gesagt werden muss, hat es längst aufgehört, selbstverständlich zu sein.
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Ach wäre er doch bloß wieder President…
Obama repräsentiert wirklich Alles, was Trump nicht ist.
Gebildet
Empathisch
Diplomatisch
Redegewandt
Und noch viele weitere positive Eigenschaften.
Obama hat es nicht nötig Jemanden mit Namen zu nennen um auf dessen Verfehlungen hinzuweisen.
Er Hat es nicht nötig sich auf das Niveau von Trump herab zu lassen.
Leider verstehen MAGA nur polterndes aber substanzloses Geschrei.
Wie hier die Anhänger der AfD