Hinweis der Redaktion: Wir haben uns bewusst entschieden, das Wahlwerbematerial von Vivek Ramaswamy nicht zu zeigen. Ebenso verzichten wir aus Respekt vor Amy Acton auf die Veröffentlichung von Bildern aus ihrer Kindheit. Die Missbrauchserfahrungen eines Kindes dürfen Jahrzehnte später nicht erneut zum Gegenstand öffentlicher Zurschaustellung werden. Für uns ist das eine Frage des Anstands und der journalistischen Verantwortung.
Amy Acton war 12 Jahre alt, als ihr Stiefvater Cledith „Bud“ Arthur wegen des Vorwurfs verhaftet wurde, sie vergewaltigt zu haben. Die Mutter blieb bei ihrem Ehemann. Die Kinder wurden ihrer Obhut entzogen. Arthur entzog sich dem Strafverfahren, indem er mit seiner Frau verschwand. Donna Arthur blieb bis zu seinem Tod mit ihm verheiratet. Fast 5 Jahrzehnte später sitzt dieselbe Frau vor einer Kamera und erklärt, ihre Tochter sei eine Lügnerin. Bezahlt wird die Verbreitung dieser Botschaft von der Wahlkampforganisation des Republikaners Vivek Ramaswamy, der Gouverneur von Ohio werden möchte. 4 Millionen Dollar will sein Team dafür ausgeben. Eine Kindheit, über die Gerichtsakten Auskunft geben, wird damit zum Gegenstand bezahlter politischer Demütigung.

Der Angriff trifft eine Frau, die ihre Mutter seit ihrem 12. Lebensjahr nach eigenen Angaben nicht mehr gesehen hat. Acton, Ärztin und frühere Gesundheitsdirektorin Ohios, berichtete öffentlich über Armut und die Gewalt ihrer Kindheit. Ihr Bruder Philip Stearns bestätigte die Misshandlungserfahrungen. Er selbst habe viel Gewalt erlebt, Amy jedoch immer das Schlimmste abbekommen. Seine Schwester habe versucht, ihn zu schützen. 1978 wurde ihr Stiefvater wegen des Vorwurfs angeklagt, das Mädchen vergewaltigt zu haben. Er bestritt die Anschuldigung, entzog sich jedoch der Strafverfolgung. Zu einer Verurteilung kam es deshalb nie. Die Kinder blieben zurück.
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Donna Arthur bestreitet nun vor laufender Kamera wesentliche Teile dieser Vergangenheit. Amy habe ein ernsthaftes Problem, behaupte Unwahrheiten über ihre Kindheit und brauche selbst Hilfe. Ausgerechnet die Frau, deren damalige Entscheidungen zur Trennung von ihren Kindern führten, wird von Ramaswamys Wahlkampfteam zur Zeugin gegen die Glaubwürdigkeit ihrer Tochter gemacht. Die Gründe für das jahrzehntelange Schweigen zwischen beiden fehlen in dem Werbefilm. Der Zuschauer soll eine Mutter sehen, die über ihr erwachsenes Kind urteilt. Dass dieses Kind einst ohne sie aufwachsen musste, würde die gewünschte Wirkung vermutlich erheblich beschädigen.
Am 19. Oktober 2026 tauchte die Aufnahme zunächst ohne erkennbare Angabe ihres Auftraggebers im Internet auf. Wenig später bestätigte Ramaswamys Wahlkampforganisation die Verantwortung. Die geplanten Ausgaben von 4 Millionen Dollar lassen erkennen, welchen politischen Wert sie dem Angriff beimisst. Ramaswamy erklärte anschließend, seine Werbung habe mit sexuellem Missbrauch in der Kindheit überhaupt nichts zu tun. Seine Gegnerin verbreite Unwahrheiten, darum gehe es. Ein erstaunlich sorgfältig gezogenes Schweigegebot für einen Mann, der gerade die Mutter einer mutmaßlich als Kind vergewaltigten Frau in den Mittelpunkt seiner Werbung gestellt hat.
Geradezu erbärmlich rechtfertigt Vivek Ramaswamy seinen widerwärtigen Wahlkampfspot gegen Amy Acton: „Politik ist ein hartes Geschäft. Man zeigt auf, wo man die Schwächen seiner Gegner sieht.“ Welche Schwäche meint er? Dass Acton als 12-Jährige nach eigenen Angaben von ihrem Stiefvater vergewaltigt wurde? Dass ihre Mutter bei dem wegen Vergewaltigung angeklagten Mann blieb und ihre Kinder zurückließ? Genau diese Mutter holte Ramaswamy vor die Kamera, um ihre Tochter öffentlich als Lügnerin vorführen zu lassen. Und nun erklärt er das zur gewöhnlichen Härte des politischen Wettbewerbs. Die Demütigung einer Frau, deren Kindheit von sexueller Gewalt gezeichnet wurde, nennt er offenbar Wahlkampf. Für diese Rechtfertigung fehlt jedes anständige Wort. Für das, was Ramaswamy hier betreibt, findet sich eines: Niedertracht.
Philip Stearns beantwortete diese Darstellung ohne diplomatische Umwege. Ramaswamy habe den sexuellen Missbrauch seiner Schwester durch den Ehemann ihrer Mutter zu einem politischen Angriff gemacht. Donna Arthur sei selbst nach der Verhaftung des Mannes bei ihm geblieben. Stearns bezeichnete den Kandidaten als verachtenswerten Menschen, der andere verletze, solange ihm dies zum gewünschten Erfolg verhelfe. Seine Worte wiegen auch deshalb schwer, weil er mit Amy aufgewachsen ist und die damaligen familiären Verhältnisse aus eigener Erfahrung kennt. Die Geschwister können ihrer Vergangenheit nicht entkommen. Nun müssen sie erleben, wie ein Wahlkampfteam diese erneut gegen sie richtet.
Ohios republikanischer Gouverneur Mike DeWine bezeichnete die Werbung als zutiefst verstörend und forderte ihre Rücknahme. Er kennt Acton aus ihrer Tätigkeit als Gesundheitsdirektorin seiner Regierung. Frühere Gouverneure beider Parteien schlossen sich der Kritik an. DeWine hält allerdings an seiner Unterstützung für Ramaswamy fest. Er verurteilt damit die Methode, während seine politische Unterstützung dem Verantwortlichen weiterhin gehört. Eine eigentümliche Gewissensteilung, die in Wahlkämpfen offenbar leichter gelingt als im gewöhnlichen menschlichen Umgang.
Donald Trump verteidigte die Werbung öffentlich und bezeichnete sie als äußerst wirkungsvoll. Auch Vizepräsident JD Vance stellte sich hinter Ramaswamy. Vance erklärte sogar, ihn widere die Kritik republikanischer Parteifreunde an dem Werbefilm an. Die Sorge einiger Republikaner um die Behandlung einer Frau, die sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit schildert, erregt den Vizepräsidenten demnach stärker als die Entscheidung, ihre entfremdete Mutter öffentlich gegen sie auftreten zu lassen. Ramaswamy selbst weigert sich weiterhin, den Film zurückzuziehen.
In Cleveland durchbrach die Redaktion einer fast 200 Jahre alten Zeitung ihre zuvor festgelegte Entscheidung, bei der Gouverneurswahl keine Wahlempfehlung auszusprechen. Sie unterstützte am 25. Oktober ausdrücklich Amy Acton. Einen Missbrauch in der Kindheit gegen die betroffene Person einzusetzen, überschreite eine Grenze, die Menschen unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit verteidigen sollten, begründete die Redaktion ihren Schritt. Die politische Auseinandersetzung hatte inzwischen einen Zustand erreicht, in dem selbst redaktionelle Zurückhaltung als unzureichende Antwort erschien.
Auch vor Ramaswamys Wahlkampfauftritten versammeln sich inzwischen Demonstrierende. Auf Plakaten werfen sie ihm vor, Kindesmissbrauch für Wählerstimmen auszunutzen. Restaurants geraten unter Druck, sobald sie den Kandidaten empfangen. Im Internet erhalten Veranstaltungsorte schlechte Bewertungen. Ein republikanischer Parteivertreter berichtete anonym, Menschen riefen an und erklärten, sie wollten Ramaswamy nicht bei sich haben.
Viele Gaststätten haben bereits Konsequenzen gezogen. Elliot’s Wood Fired Kitchen in Newark sagte eine geplante Veranstaltung ab. Das Old Dog Ale House & Brewery in Delaware zog ebenfalls seine Zusage zurück. Für einen weiteren Termin der Republikanischen Partei am Dienstag steht beim Veranstaltungsort inzwischen lediglich, dieser werde noch bekannt gegeben. Ramaswamy findet offenbar zunehmend schwerer einen Raum, in dem er seine Politik ungestört verkaufen kann. Seine Kampagne hat eine familiäre Verletzung aus dem Jahr 1978 öffentlich wieder aufgerissen. Jetzt müssen sich selbst Gastwirte überlegen, ob sie dafür ihre Türen öffnen wollen.
Am 3. November wird in Ohio gewählt. Der Werbefilm läuft weiter. Donna Arthur beschuldigt ihre Tochter öffentlich der Lüge, während ihr Sohn die Missbrauchsgeschichte seiner Schwester bestätigt. Trump und Vance verteidigen den republikanischen Kandidaten. Die Familie, deren Geschichte Ramaswamy für seine Werbung verwendet, muss mit den Folgen leben. Auf dem Bildschirm lässt sich ein Mensch innerhalb von 60 Sekunden beschädigen. Die Jahre, die hinter diesen Bildern liegen, bekommt niemand zurück.
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