Kein Zurück mehr – Tausende protestieren gegen ICE-Gewalt und Trumps Offensive im Innern

VonRainer Hofmann

Januar 11, 2026

Die Wut ist nicht mehr zu übersehen. In mehr als 1.000 Städten und Gemeinden versammeln sich an diesem Wochenende Menschen auf Plätzen, Straßen, vor ICE-Gebäuden, Rathäusern, Einkaufszentren, Brücken, Schulen. Der Auslöser: Drei Schüsse, ein toter Mensch, gefilmt aus der Perspektive des Täters. Der Name der Frau: Renée Nicole Good. Die Umstände: bekannt. Die Bilder: überall. Die Antwort: laut.

Minneapolis
Minneapolis

Minneapolis war am Samstag das Zentrum der landesweiten Proteste. Tausende Menschen zogen durch die Stadt, in der ICE-Agent Jonathan Ross eine unbewaffnete Frau in ihrem Auto erschoss – mitten im Wohngebiet. Die Wut über diesen Vorfall hat sich mit anderen Erfahrungen verdichtet: der Schuss auf zwei Menschen in Portland durch US-Grenzbeamte nur einen Tag später, Berichte über willkürliche Festnahmen, Videoaufnahmen von bewaffneten Beamten, die Bürger bedrohen. Es ist kein Einzelfall mehr, sondern eine Linie. Die Proteste sind organisiert, dezentral, breit getragen. Gruppen wie Indivisible, Voto Latino, United We Dream, MoveOn und die ACLU gehören zu einem Bündnis, das sich „ICE Out For Good“ nennt. Auch in konservativen Hochburgen wie Lubbock, Texas oder Danville, Kentucky gehen Menschen auf die Straße. In Coral Springs, Florida tragen Demonstrierende Plakate mit Aufschriften wie „ICE stoppen“ und „Nie wieder ist jetzt“. In Concord, Massachusetts stehen sie vor einer Kirche. In Washington marschieren sie zum Weißen Haus.

Portland

Die Forderungen sind klar: Aufklärung über die Erschießung von Renée Nicole Good. Rückzug der ICE-Einheiten aus Wohngebieten. Keine bewaffneten Einsätze mehr in Schulen, Kirchen, Bibliotheken. Und ein Ende der zunehmenden Gewalt gegen Menschen, die sich gegen die Abschiebepolitik der Regierung stellen. Denn diese Gewalt ist real. Im Jahr 2025 starben über 30 Menschen in ICE-Gewahrsam – mehr als in jedem anderen Jahr der letzten zwei Jahrzehnte. Recherchen dokumentierten seit Juni 2025 mindestens 16 Schusswaffeneinsätze durch ICE-Beamte, dazu 15 weitere Fälle, in denen Menschen mit gezogener Waffe bedroht wurden. Die Dunkelziffer dürfte höher sein, da viele Vorfälle nicht öffentlich gemacht werden.

Los Angeles

Die Reaktionen auf die Erschießung von Renée Good könnten gegensätzlicher nicht sein. Während Präsident Trump von Notwehr spricht und sein Heimatschutzministerium den Clip des Einsatzes über Social Media verbreitet, nennen Lokalpolitiker die offiziellen Darstellungen „Propaganda“. Minnesotas Gouverneur Tim Walz erklärte: „Trump hat tausende bewaffnete Bundesbeamte in unseren Bundesstaat geschickt – und es hat genau einen Tag gedauert, bis jemand tot war.“ Minneapolis’ Bürgermeister Jacob Frey mahnte zur Gewaltfreiheit, nannte die Eskalation am Freitagabend vor einem Hotel mit rund 1.000 Protestierenden aber einen gezielten Versuch von Provokateuren, Unruhe zu stiften. Die Polizei meldete einen leicht verletzten Beamten, 29 Festnahmen, keine größeren Sachschäden. In Richfield, einem Vorort von Minneapolis, richteten ICE-Beamte mit verdeckten Gesichtern ihre Waffen auf Journalisten. Im Süden der Stadt wiesen Beamte einen Autofahrer unter Androhung von Gewalt an, sie nicht weiter zu verfolgen. Die Person hatte sie gefilmt.

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Unterdessen lief der ICE-Großeinsatz weiter, 14 neue Akten kamen nur heute bei uns dazu und damit liegen mittlerweile über 1.000 Akten nur auf unseren Schreibtischen. Menschen berichteten von Autos, die zurückgelassen wurden, nachdem Fahrer verhaftet wurden. In einem Fall blieb ein Hund allein im Wagen. O’Hara, der Polizeichef von Minneapolis, sagte: „Die Einsätze laufen überall in der Stadt.“ Die Notrufzentrale erhielt dutzende Hinweise auf Festnahmen, Sichtungen schwer bewaffneter Gruppen, abgestellte Fahrzeuge. Die Regierung hält an ihrer Darstellung fest: In beiden Fällen – Minneapolis und Portland – hätten die Fahrer ihre Fahrzeuge als Waffen eingesetzt. In den Videos ist zu sehen, dass Renée Good zwar leicht nach vorne fuhr, das Lenkrad aber klar vom Beamten wegdrehte. Ihr Wagen wurde durchsiebt.

Jede Nacht versammeln sich Demonstrierende vor dem Canopy Hilton Hotel in Minneapolis, weil dort ICE‑Beamte untergebracht sind. Sie schlagen auf Töpfe, Trommeln und Metallteile, um die Einsatzkräfte wachzuhalten. Ein Schild vor dem Eingang trägt die klare Botschaft: „Wir haben es schon einmal getan – und wir werden es wieder tun.“ Seit dem tödlichen Einsatz eines ICE‑Beamten in der Stadt wächst der Protest täglich. Einige Demonstrierende wurden festgenommen, andere sprechen offen von einer Eskalation, wenn ICE nicht abzieht. Der Druck auf das Hotel wächst. Die Geschäftsführung schweigt.

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Die Regierung schweigt zur Eskalation. Stattdessen werden neue Einheiten nach Minnesota verlegt. Laut Heimatschutzministerium ist es der größte ICE-Einsatz in der Geschichte der Twin Cities. Über 2.000 Bundesbeamte sind im Einsatz. Offiziell geht es um Ermittlungen wegen Sozialbetrugs im Zusammenhang mit somalischen Communities. Doch der Zusammenhang mit der Erschießung von Renée Good liegt auf der Hand. Vor dem Whipple-Gebäude, einem ICE-Stützpunkt in Minneapolis, stehen Demonstranten bei eisiger Kälte. Aztekische Tänzer führen rituelle Bewegungen auf, Kinder halten Schilder. Andere singen. Einige haben Tränen in den Augen. In einer Szene sagt ein Beamter zu Frauen in Autos: „Treffen Sie heute keine schlechte Entscheidung.“ Die Frauen blockieren die Straße.

In den Protesten steckt Trauer. Aber auch eine Entschlossenheit, die spürbar ist. Es geht nicht mehr um ein einzelnes Ereignis. Es geht darum, wer diese Gesellschaft sein will. Und was sie zulässt.

Einen Tag nach der Erschießung von Renee Nicole Good in Minneapolis wurde im Heimatschutzministerium eine neue Richtlinie unterzeichnet, ohne öffentliche Ankündigung, ohne Debatte, ohne erkennbare Begründung. Die Anordnung untersagt Kongressabgeordneten künftig den freien Zugang zu ICE-Einrichtungen und überträgt die Entscheidung über Besuche vollständig der Behörde selbst. Bis dahin galt das Recht auf unangekündigte Kontrollen als fester Bestandteil parlamentarischer Aufsicht. Der Zeitpunkt ist auffällig, weil er unmittelbar auf einen tödlichen Einsatz eines ICE-Agenten folgt, der landesweit Proteste ausgelöst hat. Während Fragen zum Einsatzablauf, zur Bewaffnung und zur Verantwortung offen sind, wird externe Kontrolle eingeschränkt. Mehrere Abgeordnete berichten bereits jetzt von verweigertem Zutritt oder kurzfristig zurückgezogenen Zusagen. Betroffen sind Haftzentren ebenso wie Abschiebe- und Einsatzstandorte. Offiziell wird auf Sicherheit und Betriebsabläufe verwiesen, konkrete Gründe werden nicht genannt. Juristen weisen darauf hin, dass das Besuchsrecht gesetzlich verankert ist. Die Richtlinie verschiebt damit das Machtgefälle zwischen Exekutive und Parlament. Gerade in einem Moment, in dem Aufklärung notwendig wäre, wird sie erschwert.

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2 Gedanken zu „Kein Zurück mehr – Tausende protestieren gegen ICE-Gewalt und Trumps Offensive im Innern“
  1. Sehr mutige Menschen!
    Bitte demonstriert weiter, lasst Euch nicht provozieren oder unterkriegen.

    Wenn das Recht auf Kontrollbesuche gesetzlich verankert ist, dann kann es doch nicht einfach mit einer Anordnung gekippt werden, oder?
    Das konnte doch nur der Kongress mit einer Gesetzesänderung.
    Oder sehe ich da was falsch?

    In Deinem Video zum „entspannten Journalismus“ sehe ich maskierte Männer, die drohen.
    Aber was ich nicht sehe sind Bodycams.

    Hilton hat das Hotel, was sich weigerte ICE Beamte unterzubringen, aus ihrem Buchungssystem gekickt.
    Die Haltung der Geschäftsleitung des Hotels würde nicht die Haltung der Hilton Gruppe widerspiegeln 🤬
    wahrscheinlich hat das betroffene Hotel auch Angst vor irgendwelchen Sanktionen.
    Aber hier ist Zivilcourage gefragt.
    Sicher sind 50% der Angestellten Mugranten, oft nur mit „parole“, nicht mal Greencard.
    Also alles Menschen, die auf der Abschussliste von ICE stehen.

    Ich glaube, denen würde ich als Zimmermädchen paar Bettwanzen unters Deckbett packen 🙈

    Und MAGA verhöhnt und macht sich lustig.
    gerade kursiert wieder die Mär von den bezahlten Demonstranten.
    Und „ihr könnt soviel demonstrieren, wie ihr wollt. Trump ist und bleibt Präsident. Due Abschiebungen gehen weiter, genau das haben wir gewählt“ 🤬

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