An diesem abgelegenen Küstenstreifen Maines, wo jeder Tag wie ein Bild aus Licht und Wasser wirkt, ist der Oberste Richter der Vereinigten Staaten für viele einfach „John“. John, der über 20 Sommer auf Hupper Island verbracht hat, einem Rückzugsort rund 90 Meilen nordöstlich von Portland, ohne Autos, mit kaum zwei Dutzend Häusern. John, der mit Nachbarn Gefälligkeiten tauscht und ihren Spott über seine Bootskünste erträgt. Und John, der am Morgen auf dem Dock von Port Clyde saß, gegenüber der Insel, bei Kaffee und Zimtschnecke.

Lange war sein Leben hier eine Abfolge von Eintopf und leichten Freundschaften, so erzählten es in einem Sommer mehr als zwei Dutzend Einwohner. In den letzten Jahren hat der Oberste Gerichtshof das Leben der Amerikaner umgepflügt und Präsident Trump immer mehr Macht zugeschanzt. Mit den Urteilen wuchs hier ein sehr persönlicher Zorn auf den Mann, der sie mitträgt.

Seine Sommerfrische ist zum Streitfall geworden. Nachbarn gehen aufs Wasser und nennen sich „Kajak-tivisten“, bilden Flottillen vor seinem Inselhaus und halten wasserfeste Schilder hoch. Ein Kolumnist der Gegend empfahl, ihm den Mittelfinger zu zeigen. Selbst alte Freunde, die niemals mitpaddeln würden, ziehen sich aus Kummer über seine Entscheidungen zurück, besonders über das Urteil von 2024, das dem Präsidenten weite Immunität vor Strafverfolgung zusprach. Heute umgibt ihn weit mehr Sicherheitspersonal als früher.

Diese kleine Welt zeigt, wie umstrittene Urteile und das sinkende Vertrauen die Richter einsamer gemacht haben als je zuvor. Die wachsende Gefahr für Amtsträger tut das Ihre. „So wie ich es sehe, läuft die Schranke in beide Richtungen“, sagte Mary Anne Mason, Freundin und frühere Kanzleipartnerin, die in Port Clyde lebt. Ihm falle es schwerer, auf Leute zuzugehen, und umgekehrt genauso. Die Halbinsel ist gespalten, ob man einen Richter seinen Unmut spüren lassen soll oder ihn in Ruhe lässt, weil sein Amt gegen Druck unempfindlich sein muss. Für die Demonstranten ist die Stunde zu ernst für solche Feinheiten. Lebenslang ernannte Richter, sagen sie, ließen den Bürgern keine andere Möglichkeit.

Das graue, schindelgedeckte Haus am Wasser kaufte Roberts 2006, im Jahr nach seinem Aufstieg an die Spitze des Gerichts. Der Ort sagt unmissverständlich: weg aus Washington. Die Insel ist nur mit dem Privatboot erreichbar, keine Fähre, keine Brücke. Von Anfang Juli bis Anfang Oktober trat er in eine andere Welt, zwischen betuchten Sommergästen und einheimischen Hummerfischern, unter ihnen Demokraten wie Republikaner. Sein früherer Kanzleipartner Kevin Lipson, seit 40 Jahren hier, hatte ihn auf die Insel geholt und das Haus gefunden. Es galt eine ungeschriebene Regel, ihn nicht auf das Gericht anzusprechen. Fragte ein Fremder nach seinem Beruf, sagte er nur, er sei Richter. Trotz starker Reaktionen auf manche Urteile, von der Abschaffung der Grenzen für Wahlkampfspenden bis zur Rettung von Barack Obamas Gesundheitsgesetz, galt er vielen als vertrauenswürdiger, vernünftiger Mann, ein Verteidiger der Verfassung.

Der erste Riss kam nach dem Abtreibungsurteil, mit einer Kolumne von Becca Shaw Glaser in der inzwischen eingestellten Lokalzeitung, 2022. Sie, Gärtnerin und Aktivistin von dieser Küste, schrieb, sie ertrage es nicht länger, wie ihr Staat einen Richter willkommen heiße, der das Wahlrechtsgesetz geschleift und gegen ein Verfassungsrecht auf gleichgeschlechtliche Ehe gestimmt habe. In jenem Sommer habe er zudem das Urteil Dobbs gegen Jackson getragen, das Ende des bundesweiten Rechts auf Abtreibung. Sähe man ihn in einen Laden treten, so ihr Aufruf, solle man ihm sagen, was man von ihm und seinem „unrechtmäßigen, erzkonservativen Gericht“ halte. „Brüllt, buht, flüstert“, schrieb sie, zeigt ihm den Daumen nach unten oder den Finger, verweigert ihm die Bedienung. Bootsproteste vor seinem Haus empfahl sie auch. „Er könnte euch sehen.“
Dabei war seine Haltung in Dobbs feiner gewesen, ein einsamer, verlorener Vorstoß, das Recht bis zur 15. Woche zu erhalten. Er stimmte dennoch mit der Mehrheit, führte das Gericht, und sie sah ihn in der Verantwortung. Leserbriefe spalteten sich, viele warfen ihr vor, zu Gewalt aufzurufen. Shaw Glaser verlor bald ihre Kolumne, die Zeitung entschuldigte sich bei dem Richter. Dann folgten ihr andere. Neue Briefe empörten sich über ihre Behandlung, Aufkleber tauchten auf: „Roe, Roe, Roe Your Vote“.

Zwei Jahre später sprach das Gericht Trump weitreichende Immunität zu für Handlungen in seinem Amt vor dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021. Roberts schrieb die Mehrheitsmeinung. Während Trump die Grenzen der Verfassung verschob, winkte das Gericht viele seiner Maßnahmen durch, formal vorläufig und doch ein Umbau des Staates. Seine wahre Stimmbilanz kannte niemand, weil vieles über das verschwiegene Eilverfahren lief, in dem Beschlüsse ohne Stimmenzahl und oft ohne Begründung ergehen. Für mehr Macht des Präsidenten war er lange zu haben. Maine hatte zwei Mal gegen Trump gestimmt, und viele Nachbarn fanden ihn quälend zögerlich, wenn es galt, dem Präsidenten entgegenzutreten.
Die Proteste auf dem Wasser begannen im Vorjahr und gehören nun zum Bild. 2-mal im Sommer stellen sich 2 Reihen auf, Kajaks mit verhakten Riemen kurz vor seinem Haus, dahinter Menschen auf dem Dock. Mehr als ein paar Dutzend waren es nie, die Botschaft trug trotzdem weit. Ein Künstler baute Kängurus aus Pappe, nach dem „Känguru-Gericht“, und benannte sie nach den konservativen Richtern. An den Straßen stehen Schilder: „Roberts hat die Verfassung aus dem Spiel genommen“, und: „Mainer gegen die Roberts-Agenda“. Eines Morgens im September stand quer über einer Kreuzung in bunter Kreide „Equal Justice Under Law“, der Satz von der Fassade des Gerichts.

Roberts schwieg. Als Vorsitzender spricht er fast nur durch geschriebene Urteile und wirkt auf die Empörten fern. Einmal traf die Protestierenden ein anderes Mitglied seines Hauses. Nach einer Kundgebung im August 2025 kam eine junge Frau auf sie zu und fragte, was sie erreichen wollten und ob sie an seine Frau und seine Kinder gedacht hätten. Sie sei Josephine Roberts, 25, die Tochter des Richters. Ihr Vater sei nicht einmal zu Hause, er achte ihre eigenen linken Ansichten und sei ein wunderbarer Vater. Shaw Glaser, noch immer entsetzt über die Urteile, notierte danach ein Gefühl von Mitgefühl für die Tochter.
Jane Roberts ist keine Unbekannte für uns

Ihr Name steht nicht zum ersten Mal in unseren Zeilen. Bereits seit Monaten recherchieren wir wieder in dieser Angelegenheit. Als Headhunter für Spitzenkanzleien brachte Jane Roberts 10,32 Millionen Dollar an Provisionen nach Hause. Gezahlt haben Unternehmen und Kanzleien, einige davon mit laufenden Verfahren an dem Gericht, dem ihr Mann vorsitzt. Die Ehe trennt die Konten, nicht die Welten. Ein Richter soll über Fälle entscheiden, als kenne er die Beteiligten nicht, während am Küchentisch die Rechnungen eben jener Welt eingehen. Man braucht kein Misstrauen, um hier stutzig zu werden, Rechnen genügt. Unabhängigkeit ist kein Titel, den man trägt, sie ist ein Abstand, den man hält. Zwischen der Richterbank und der Provision dieser Familie war dieser Abstand nie größer als ein Flur.
In diesem Sommer lud Jane Roberts den Zigarrenklub von Port Clyde ein, man freue sich auf alle. Doch die Saison kochte, ein Senatsrennen und im Juli die Tötung eines 25-jährigen kolumbianischen Lieferfahrers durch Einwanderungsbeamte südlich von Portland. Die Zustimmung zum Obersten Gericht fiel in einer Umfrage auf ein historisches Tief von 33 Prozent. Am Dock trat Lipson auf Ellen Koches zu, die ein Schild befestigte. „Ich fotografiere Ihr Kennzeichen, finde heraus, wo Sie wohnen, und demonstriere vor Ihrem Haus“, sagte er. „Ist das eine Drohung?“ Es sei ein Versprechen. Ein Bundesgesetz verbietet das Demonstrieren vor Richterhäusern, verfolgt wird es kaum, und der Jurist Timothy Zick nannte den Protest vom Wasser aus eine offene Rechtsfrage.

Der Roberts-Gerichtshof: Citizens United, Entmachtung der Börsenaufsicht SEC, massive Schwächung der Umweltbehörde EPA, Abschiebung ohne ordentliches Verfahren, Schwächung der organisierten Arbeitnehmerschaft und Ausweitung der Immunität des Präsidenten.
Roberts zog sich zurück. Nach wachsenden Drohungen gegen Amtsträger, darunter ein Anschlagsversuch auf Richter Brett Kavanaugh 2022, wurde der Schutz verschärft. Sonntags nach der Kirche blieb er dem Dock nun fern. Der Wandel sei schwer mit anzusehen, sagte Tamara Cody, eine alte Freundin. Der Gerichtshof machte längst keine Sommerpause mehr und kippte Trumps Versuch, die Regeln für die Briefwahl zu ändern. Im August schrieb Roberts einen seltenen, scharfen Widerspruch gegen den Umbau des Ballsaals im Weißen Haus. Zum Unabhängigkeitstag aber feierte er mit rund 60 Nachbarn auf einer Wiese, mit dem Segen eines Rabbiners und „God Bless America“.

Wendy Schlotterbeck, die hier schon sommerte, als es weder Docks noch Strom gab, ertrug den Anblick des Feiernden nicht. Sein Gericht hatte eben erst den Schutz für trans Sportlerinnen und Minderjährige beschnitten und Trumps Einwanderungshärte durchgelassen. Drei ihrer Angehörigen sind trans, Freunde wurden verhaftet. Sie hätte ihm gern in die Augen gesehen und gefragt, ob er wisse, was seine Urteile ihrer Familie antun. Stattdessen ging sie. Am nächsten Morgen paddelte sie zum ersten Mal vor sein Haus, ein Schild in der Hand, „Gerechtigkeit für alle“, in der Hoffnung, er sehe es. Eine Ernennung auf Lebenszeit hält den Mann außer Reichweite jeder Wahl, die Insel außer Reichweite des Ortes. Geblieben ist ein Nachbar im Kajak, den er vom Ufer aus übersieht.
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