Marilú Paredes ist 66 Jahre alt. Sie ist Venezolanerin, Großmutter und seit mehr als 40 Jahren verheiratet. In den Vereinigten Staaten erscheint sie zu einem vorgeschriebenen Termin bei der Einwanderungsbehörde ICE. Sie erfüllt damit eine behördliche Verpflichtung. Die Beamten nehmen sie fest. Wenig später wird sie gemeinsam mit neun weiteren Frauen von Louisiana nach Bangui abgeschoben, in die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Ein Land, das sie niemals besucht hat. Dort lebt niemand aus ihrer Familie, niemand wartet auf sie. Ihre Tochter berichtet von einem bestehenden Abschiebeschutz, der eine Rückführung nach Venezuela untersagt. Washington wählt stattdessen Afrika. Der Reisepass bleibt bei ICE. Marilú Paredes sitzt in einem fremden Land, ohne vertraute Menschen und mit erheblichen Schwierigkeiten, überhaupt neue Reisedokumente zu beschaffen. Aus einem vorgeschriebenen Behördentermin wird eine Entfernung von Tausenden Kilometern, die Verhandlungen gestalten sich als zäh.

Ihr Ehemann bleibt in den Vereinigten Staaten zurück. In jüngster Vergangenheit wurde ihm ein Bein oberhalb des Knies amputiert. Er erholt sich noch von der Operation. Gerade in dieser Zeit fehlt ihm die Frau, mit der er seit über 40 Jahren sein Leben teilt. Die Behörde kann eine Abschiebung als abgeschlossenen Vorgang verbuchen. Für die Familie beginnt damit ein Zustand, den keine amtliche Statistik angemessen beschreibt. Eine Frau sitzt in Zentralafrika fest. Ihr Mann versucht, nach einer schweren Amputation wieder zu Kräften zu kommen. Ob die Abschiebung in einen Drittstaat mit den bestehenden Schutzrechten vereinbar ist, verlangt eine rechtliche Klärung. Wir versuchen auch in diesem Fall, jede erdenkliche Hilfe zu leisten. Gerade bei Abschiebungen in Drittstaaten ist die Rechtslage außerordentlich kompliziert. Der Weg führt über Botschaften, Konsulate und Anwälte vor Ort. Wir haben in der Vergangenheit zahlreiche solcher Fälle begleitet und konnten auch Rückführungen durchsetzen. Doch diese Verfahren brauchen Zeit. Die Trennung hat längst stattgefunden.

In Bangui befinden sich weitere Frauen, die aus den Vereinigten Staaten abgeschoben wurden. Rund 80 Menschen trafen am 24. Oktober in der Zentralafrikanischen Republik ein, überwiegend Kubaner. Diese Zahl stammt aus den Schilderungen der Betroffenen und ist bislang unabhängig unbestätigt. Fünf Frauen berichten von katastrophalen Lebensbedingungen. Sie leben ohne ausreichende Hygiene und fürchten Krankheiten. Eine Frau beschreibt, dass sie weder die Landessprache spricht noch Dokumente besitzt, mit denen sie Geld von Angehörigen empfangen kann. Einige erfuhren erst während der Abschiebung, in welches Land sie gebracht werden. Amerikanische Behörden können den Atlantik zwischen zwei Kontinenten überwinden, ohne den Menschen an Bord eine verständliche Erklärung ihrer Zukunft zu geben.

Eine Frau konnte seit zwei Tagen nicht mehr baden. Eine andere leidet unter Bluthochdruck und Blutarmut und erhält ihre benötigten Medikamente seit der Abschiebung nicht mehr. Die Frauen beschreiben schlechte Behandlung und mangelnde medizinische Versorgung. Ihre Verzweiflung findet Worte, die von keinem Regierungsbeamten stammen: „Es ist, als wären wir schon tot. Wir sind hier angekommen, und jetzt werfen sie uns einfach hier hin.“ Die genaue Zahl der Abgeschobenen und sämtliche Vorwürfe sind bislang unabhängig nicht abschließend bestätigt. Auf Fragen nach dem Transport und den geschilderten Zuständen lag bei Veröffentlichung keine Antwort des amerikanischen Heimatschutzministeriums vor. Die Frauen sitzen weiterhin in Bangui und warten auf Antworten.
Die Vereinigten Staaten schieben Menschen mit endgültigen Ausweisungsverfügungen zunehmend in Staaten ab, aus denen sie nicht stammen. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren bei solchen Abschiebungen Vorwürfe von Misshandlungen und willkürlicher Haft. Zwar fliegen weiterhin Maschinen direkt nach Kuba, doch die kubanische Regierung akzeptiert nicht sämtliche Rückführungen. Washington sucht andere Aufnahmeländer. Was diese Entscheidungen für einzelne Menschen bedeuten, zeigt sich erst hinterher. Eine neue Grenze wird überschritten, eine fremde Sprache beginnt, und die Telefonnummern der eigenen Familie sind plötzlich die letzte Verbindung zu einem früheren Leben. Der Staat verfügt über Flugzeuge. Die Abgeschobenen brauchen zunächst einen gültigen Ausweis.
In Kalifornien hat die amerikanische Abschiebepolitik inzwischen einen weiteren Todesfall zu erklären. Am 24. Oktober wird im Abschiebegefängnis Otay Mesa bei San Diego ein 43-jähriger Mann aus Guatemala regungslos in seiner Zelle gefunden. Um 11.31 Uhr wird der Vorfall festgestellt. Etwa 7 Minuten später beginnt medizinisches Personal mit Wiederbelebungsmaßnahmen. Um 12.23 Uhr wird der Mann für tot erklärt. Die Einrichtung wird vom privaten Gefängnisunternehmen CoreCivic betrieben. Der Mann befand sich seit seiner Festnahme am 9. Oktober im Gewahrsam der Einwanderungsbehörde. Die Todesursache ist weiterhin ungeklärt. Zwischen seiner Einlieferung und seinem Tod lagen gerade einmal gut 2 Wochen.
ICE identifiziert den Toten zunächst als Roberto Jimenez Gutierrez. Die Familie widerspricht. Eine spätere Überprüfung durch die Gerichtsmedizin ergibt den Namen Guillermo Pascual Verganza. Selbst die Identität des Verstorbenen wird damit zum Gegenstand widersprüchlicher Angaben. Die Behörde verweist auf verschiedene verwendete Namen. Angehörige bestreiten außerdem die Darstellung über seine Vergangenheit. Der Mann kann sich zu keinem dieser Vorwürfe mehr äußern. Seine Familie verlangt zu erfahren, was während seiner Inhaftierung geschah. Von der staatlichen Pflicht, einen Menschen im Gewahrsam zu schützen, bleibt zunächst eine ungeklärte Todesursache und eine widersprüchliche Akte.
Die Bezirksaufsichtsrätinnen Terra Lawson-Remer und Paloma Aguirre verlangen vollständige Zusammenarbeit der Bundesregierung und von CoreCivic mit den Ermittlern. Sämtliche Unterlagen über die Inhaftierung und die medizinische Behandlung müssen erhalten bleiben. Der Bezirk San Diego musste zuvor bereits gerichtlich durchsetzen, dass seine Gesundheitsbehörde die Einrichtung überhaupt überprüfen durfte. Bei einer Untersuchung im Juni fehlten notwendige Impfstoffe. Tuberkulosefälle wurden nicht rechtzeitig gemeldet. Ein Inhaftierter wartete 18 Monate auf den Austausch eines benötigten medizinischen Hilfsmittels. Die Verantwortlichen fordern nun Auskunft über Veränderungen seit dieser Kontrolle. In einer Einrichtung, deren Tore sich nur nach einem Gerichtsbeschluss für Gesundheitsprüfer öffnen, liegt inzwischen ein weiterer Todesfall vor.
In Arizona liegt Andreea Marin auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Mesa. Die 38-jährige Rumänin ist seit dem 23. Oktober auf lebenserhaltende Geräte angewiesen. Sie leidet an einer bipolaren Erkrankung. Früher unterrichtete sie Englisch in Frankreich, absolvierte ein Masterstudium in Pädagogik und beschäftigte sich mit der Entwicklung von Kindern. Ihr Bruder erinnert sich an eine Frau, die ihre Arbeit liebte und eng mit ihrer Familie verbunden war. Nun liegt sie bewusstlos im Krankenhaus. Die Familie verlangt eine vollständige Untersuchung ihres Zusammenbruchs im Abschiebegefängnis Eloy. Mit einem Einwanderungsanwalt und Bürgerorganisationen bearbeiten wir aktuell auch diese Tragödie.

Die 38-jährige Andreea Marin wurde am 23. Oktober nach einem mutmaßlichen Suizidversuch im ICE-Abschiebegefängnis Eloy in Arizona ins Krankenhaus eingeliefert. Ihre Familie fordert eine umfassende Untersuchung und kritisiert die unzureichende psychiatrische Versorgung. Marin liebte Tiere und reiste jahrelang mit ihrem Kater Thomas durch Europa.
Marin wurde nach einem Vorfall während einer psychischen Krise im Oktober 2025 wegen eines mutmaßlichen Angriffs auf einen Gefängnismitarbeiter angeklagt. Eine Verurteilung lag nicht vor. Ihre Eltern bemühten sich bereits damals um eine Behandlung. Nach einer Stabilisierung arbeitete sie wieder in Tempe. Am 1. Oktober 2026 versäumte sie einen Gerichtstermin. Das Schreiben mit der Benachrichtigung war unzustellbar zurückgekommen. Trotzdem wurde ein Haftbefehl ausgestellt. Wochen später hält die Polizei Marin wegen eines überfahrenen Stoppschildes an und nimmt sie aufgrund des offenen Haftbefehls fest. Ein Richter ordnet noch am selben Abend ihre Freilassung an und setzt den Gerichtstermin neu fest. Als Marin die Polizeistation verlässt, wartet ICE.
Weniger als zwei Wochen später wird sie bewusstlos in ihrer Zelle gefunden. Das Personal des Abschiebegefängnisses meldet einen medizinischen Notfall. Rettungskräfte bringen sie in ein Krankenhaus. Dort erfährt die Familie durch medizinisches Personal von ihrer Einlieferung. Die Angehörigen hatten zuvor wiederholt versucht, ihre notwendige Behandlung sicherzustellen. Sie erhielten die Zusicherung, dass die medizinische Betreuung im Gefängnis ihre Medikamente gewährleisten werde. Nach der Einlieferung berichten die Transportkräfte den Ärzten von einem mutmaßlichen Suizidversuch durch Erhängen. Was sich tatsächlich in der Zelle ereignete, ist weiterhin ungeklärt. Eine bipolare Erkrankung verschwindet nicht hinter einer verschlossenen Zellentür.
Als Marins Mutter ihre Tochter im Krankenhaus besucht, findet sie die Bewusstlose an Händen und Füßen ans Bett gefesselt vor. Die Mutter bricht zusammen. Der Bruder beschreibt, wie seine Eltern angesichts der Situation verzweifeln. Ein Einwanderungsbeamter versucht, ihn aus dem Krankenzimmer zu drängen und das Löschen seiner Aufnahmen durchzusetzen. Wir werden die Aufnahmen hier jedoch nicht zeigen. Krankenhausmitarbeiter verteidigen sein Recht, bei seiner Schwester zu bleiben. CoreCivic bestätigt die Einlieferung einer bewusstlosen Person und verweist auf sofort eingeleitete Rettungsmaßnahmen. Das Unternehmen betont seine Verpflichtung zum Schutz der Inhaftierten. Der demokratische Senator Mark Kelly und die Kongressabgeordnete Adelita Grijalva verlangen eine unabhängige Untersuchung.

Auch Ronny befindet sich in ICE-Gewahrsam. Er lebt mit seiner Partnerin Lindsey und ihrer Tochter in den Vereinigten Staaten. Der Antrag zur Anerkennung ihrer familiären Beziehung wurde bereits genehmigt. Das anschließende Verfahren zur Befreiung von bestimmten aufenthaltsrechtlichen Hindernissen läuft. Eine weitere Entscheidung steht kurz bevor. Dann erfolgt die Festnahme. Seine Familie muss nun um seine Freilassung kämpfen und gleichzeitig versuchen, das Einwanderungsverfahren fortzusetzen. Aus einem beinahe abgeschlossenen Weg zu einem rechtmäßigen Aufenthalt wird eine neue Trennung. Lindsey und ihre Tochter bleiben zurück. Der rechtliche Ausgang ist offen und wir hoffen, auch diesen Fall zügig abschließen zu können.
Seit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im Januar 2025 sind mindestens 60 Menschen im Gewahrsam der Einwanderungsbehörde gestorben. Etwa 70 Prozent der derzeit Inhaftierten haben keine strafrechtliche Verurteilung. Abschiebehaft dient der Durchsetzung des Einwanderungsrechts, sie ist keine strafrechtliche Freiheitsstrafe. Gleichzeitig verzeichnen private Gefängnisunternehmen steigende Einnahmen durch die wachsende Zahl der Inhaftierten. Berichte über verweigerte medizinische Behandlung und schwer erkrankte Menschen begleiten diese Entwicklung. In Eloy lebt der kubanische Gefangene Alexander Hernandez noch immer hinter Gittern, nachdem er einen Suizidversuch überlebt hat. Er berichtet von quälenden Rückenschmerzen und verweigerter Behandlung. Eine schwangere Frau, Maria Valero Brinez, fürchtet in derselben Einrichtung um ihr ungeborenes Kind. Sie erlebt Blutungen während einer Risikoschwangerschaft und kämpft um medizinische Versorgung.
In Bangui wartet eine 66-jährige Großmutter ohne ihren Ehemann auf eine ungewisse Zukunft. In San Diego verlangt eine Familie Antworten über einen Toten, dessen Namen die Behörden zunächst falsch angaben. Andreea Marin liegt an medizinische Geräte angeschlossen im Krankenhaus. Ronny fehlt seiner Partnerin und ihrer Tochter. Die amerikanische Regierung verfügt über die Macht, Menschen festzunehmen und außer Landes zu bringen. Die Verantwortung für deren Leben beginnt spätestens dort, wo sie ihrer Freiheit beraubt werden. In Trumps Amerika werden Abschiebungen gezählt, Haftplätze geschaffen und neue Verträge abgeschlossen. In einem Krankenhaus in Arizona sitzt derweil eine Mutter vor ihrer bewusstlosen Tochter. Sie wartet darauf, dass ihr jemand erklärt, was mit ihr geschehen ist.
Fortsetzung folgt …
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