Willkommen in Amerika, wo demnächst der Sonntag wieder heiliger wird als die Verfassung, Tinder als Sicherheitsrisiko gilt und der Staat nicht mehr neutral ist, sondern offizieller Beziehungstherapeut. Die Heritage Foundation – bekannt als kreatives Panikzentrum für alles, was nicht nach 1950 duftet – hat ihr neues Familienmanifest veröffentlicht. Es klingt wie das Drehbuch einer Netflix-Dystopie, bloß ohne Ironie, aber dafür mit “Heirats-Bootcamp” und Abneigung gegen künstliche Befruchtung. Satan weiche von mir.

„Ein Baby ist kein politisches Accessoire“ – könnte man meinen. Doch für die Autoren des Berichts ist genau das die Aufgabe der nächsten Regierung: den Mutter-Vater-Kind-Komplex mit der Brutalität eines Tarnkriegskommandos zu verteidigen. Roger Severino, Chefideologe der Initiative und vermutlich heimlicher Leser von Hochzeitsratgebern mit Ledercover, ruft nach einer Art Exorzismus gegen die Moderne. Alles, was außerhalb des heteronormativen Ehebetts gezeugt, geliebt oder gelebt wird, soll künftig staatlich geblockt, versteuert oder verachtet werden. Ein Tag der Ruhe, bitte. Und zwar für alle. „Universal Day of Rest“, schreiben sie. Klingt wie eine Rehabilitationsmaßnahme für überarbeitete Engel, ist aber die Idee, den Sonntag offiziell zum staatlich verordneten Liegetag zu machen – aufbauend auf den sogenannten “Blue Laws”, jenen Vorschriften, die früher schon mal Alkohol und Spaß am siebten Tag verboten. Jetzt also kein Tinder mehr, keine Dates, keine Netflix-Sünde – sondern Bibel, Brot und Bootcamp.
Wer zusammen wohnt, soll zum “Ehe-Bootcamp”. Heirate oder stirb. Die Idee dahinter: Kochen, Putzen, Beten – aber zu zweit und bitte mit Ring. Online-Dating hingegen? Teufelswerk. Denn laut Heritage führt digitales Kennenlernen zu weniger Ehen. Man könnte aber auch sagen: Es führt zu mehr Auswahl, weniger toxischen Beziehungen und einer gewissen Selbstbestimmung. Aber das wäre vermutlich zu viel Realität für das Team Nostalgie. Währenddessen tut der Präsident das, was er am besten kann: Es sieht aus wie Regierung, aber es ist nur die Imitation von Bedeutung – gemacht für jene, die den Unterschied nicht mehr merken. Er lobt sich für niedrigere IVF-Kosten (IVF steht für In-vitro-Fertilisation, also eine künstliche Befruchtung außerhalb des Körpers) und lässt gleichzeitig seine Vordenker erklären, dass Kinder nur moralisch vertretbar sind, wenn sie in einem frommen Traualtar-Setting entstehen. Sogar eingefrorene Embryonen sind jetzt wieder Thema, seit Alabama beschlossen hat, dass ein Eiswürfel auch ein Bürger sein kann – solange er christlich aufgezogen wird. Trump als Familienvater der Nation.
Steuergeschenke nur für Ringträger. Heritage will, dass der Staat kinderlose Singles und Alleinerziehende künftig wie die ökonomischen Sündenböcke der Nation behandelt. Wer sich nicht vermehrt wie gewünscht oder gar in der falschen Konstellation liebt, soll zahlen. Die Steuerpolitik müsse „Ehe fördern, nicht Strafe sein“, so der Bericht. Was implizit heißt: Strafe für alle anderen. Und Gleichberechtigung? Ein Konzept von gestern. Eric Rosswood, ein US-amerikanischer Autor, LGBTQ-Aktivist und Vater zweier Kinder mit Ehemann, fasst es höflich zusammen: „Ich glaube nicht, dass Liebe und Fürsorge geschlechts- oder genetisch gebunden sind.“ Für Heritage hingegen ist klar: Biologische Eltern in heiliger Ehe sind das Ideal, alles andere ist Abweichung mit Therapiebedarf.
- 1. Vielfalt bekämpfen – weil Freiheit stört.
- 2. Widerspruch unterdrücken – weil Kritik gefährlich ist.
- 3. Erinnerung auslöschen – weil Geschichte sie entlarvt.
- 4. Mitgefühl verächtlich machen – weil Empathie ihre Logik zerstört.
- 5. Selbstbestimmung angreifen – weil Kontrolle ihr Ziel ist.
- 6. Freie Medien diskreditieren – weil Wahrheit nicht steuerbar ist.
- 7. Debatten abwürgen – weil Argumente stärker sind als Parolen.
- 8. Schwache entrechten – weil sie Stärke nur als Härte begreifen.
- 9. Bildung und Kunst deformieren – weil Denken Widerstand erzeugt.
- 10. Hoffnung zerstören – weil sie nichts zu bieten haben außer Angst.
Der Staat als moralischer Gärtner. „Die Regierung soll das Unkraut entfernen“, heißt es in dem Bericht. Gemeint sind damit keine Drogen, sondern politische Programme, die Patchworkfamilien, Alleinerziehenden oder queeren Menschen das Leben erleichtern. Denn diese „vergiften den Boden“, so der Originalton. Wer also dachte, Regierung sei für alle da – falsch gedacht. Künftig geht es wieder zurück zur Anstandslehre mit Bundesadlerlogo. Heritage hat sich in den letzten Jahren von einem Think Tank in einen Feel-Tank verwandelt – voll von reaktionären Sehnsüchten, moralischem Dünkel und politischen Wunschfantasien. Man nennt das dort „Familienpolitik“. Man könnte es aber auch einfach nennen: eine ideologische Kernsanierung der Gesellschaft, verpackt als Wohlfühloffensive.
Wer sich fragt, ob es sich hier um eine politische Vision oder ein theologisches Manifest handelt, bekommt im Subtext die Antwort: Beides. Und die Regierung soll es liefern – auf Papyrus, mit Weihrauch, und steuerlich absetzbar.
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