Grönland unter Druck – Macron zerlegt USA-Entwicklung frontal – Rubio Treffen mit Regierungsvertretern geplant

VonRainer Hofmann

Januar 8, 2026

Marco Rubio hat angekündigt, sich in der kommenden Woche mit dänischen und grönländischen Regierungsvertretern zu treffen. Es ist ein Treffen, das nicht aus diplomatischer Routine entsteht, sondern aus wachsendem Druck. Denn die Trump-Regierung hat ihre Absicht bekräftigt, die Kontrolle über Grönland zu erlangen – nicht militärisch, so heißt es offiziell, sondern letztlich durch einen Kauf. Dass diese Erklärung ausgerechnet jetzt kommt, ist kein Zufall. Nach der Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro greift Präsident Donald Trump ein Argument wieder auf, das er schon in seiner ersten Amtszeit bemühte: Die größte Insel der Welt sei für die Sicherheit der Vereinigten Staaten unverzichtbar, insbesondere angesichts der wachsenden Präsenz Chinas und Russlands in der Arktis.

In Kopenhagen und Nuuk schrillen seitdem die Alarmglocken. Dänemarks Außenminister Lars Løkke Rasmussen und Grönlands Außenministerin Vivian Motzfeldt hatten Rubio um ein Gespräch gebeten, nachdem frühere Anfragen unbeantwortet geblieben waren. Nun kommt das Treffen zustande – in einer Phase, in der die Tonlage aus Washington schärfer geworden ist. Aus Sicht der dänischen Regierung ist die Lage eindeutig: Grönland ist ein selbstverwaltetes Gebiet des Königreichs Dänemark, seine Zukunft kann nicht ohne die Zustimmung der Menschen dort entschieden werden. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ging noch einen Schritt weiter und zerlegte die Entwicklung frontal. Vor den französischen Botschaftern im Élysée sprach er von einer Welt, die sich sichtbar vom Recht verabschiede und dem „Gesetz des Stärkeren“ ausliefere. Die Vereinigten Staaten entfernten sich schrittweise von ihren Verbündeten und streiften internationale Regeln ab, sagte Macron – mit spürbaren Folgen für die Menschen. In dieser neuen Unordnung werde ernsthaft darüber spekuliert, ob Grönland militärisch bedroht werde, ob Kanada zum 51. Bundesstaat der USA gemacht werden könne oder ob Taiwan weiter eingekreist werde. Macron zeichnete das Bild einer zunehmend dysfunktionalen Welt, in der Großmächte wie die USA und China offen der Versuchung folgten, Einflusszonen neu zu verteilen – nicht im Dialog, sondern nach Macht und Gelegenheit.

Diese Position wird inzwischen offen von Europa gestützt. Der Präsident des Europäischen Rates stellte klar, dass über Grönland nicht über die Köpfe seiner Bevölkerung hinweg verhandelt werden könne und dass Dänemark und Grönland die volle Solidarität der Europäischen Union hätten. Auch die Regierungschefs Kanadas, Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Polens, Spaniens und des Vereinigten Königreichs schlossen sich der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen an und verteidigten die Souveränität Grönlands. Der Hinweis auf die NATO-Mitgliedschaft Grönlands unterstreicht dabei die Brisanz: Ein Gebiet, das Teil des westlichen Militärbündnisses ist, wird von einem Bündnispartner öffentlich als Objekt strategischer Übernahme diskutiert.

Parallel dazu verschärft sich der Ton in Washington weiter. In einem Interview erklärte Vizepräsident JD Vance, Dänemark habe seine Aufgaben beim Schutz Grönlands „offensichtlich“ nicht ausreichend erfüllt. Trump sei bereit, „so weit zu gehen, wie es nötig ist“, um amerikanische Interessen in der Arktis zu sichern. Vance wiederholte die Behauptung, Grönland sei für die Raketenabwehr der Vereinigten Staaten von zentraler Bedeutung und damit nicht nur für die nationale, sondern für die globale Sicherheit entscheidend. Dass Dänemark ein verlässlicher militärischer Partner gewesen sei – im Zweiten Weltkrieg ebenso wie im sogenannten Krieg gegen den Terror – reiche aus seiner Sicht nicht aus, um heutige Versäumnisse zu relativieren. Wer vor 25 Jahren richtig gehandelt habe, könne heute dennoch falsche Entscheidungen treffen, so Vance sinngemäß.

Während Europa um Grönland ringt, öffnet sich zugleich ein weiteres Kapitel amerikanischer Machtpolitik in Lateinamerika. Trump deutete in einem Interview an, dass die direkte Aufsicht der Vereinigten Staaten über Venezuela länger andauern könnte. Einen Zeitrahmen nannte er nicht. Nach der Festnahme Maduros wird das Land nun von Delcy Rodríguez geführt, die nach Trumps Darstellung trotz öffentlicher Kritik kooperativ sei. Die venezolanische Regierung liefere alles, was Washington für notwendig halte, sagte der Präsident.

Zusammengenommen ergeben diese Entwicklungen ein klares Bild. Die USA verknüpfen militärische, politische und wirtschaftliche Interessen wieder stärker mit territorialen Ansprüchen. Grönland wird dabei nicht als gleichberechtigter Akteur behandelt, sondern als strategischer Faktor in einem globalen Machtspiel. Die Reaktionen aus Europa zeigen, dass diese Logik nicht widerspruchslos akzeptiert wird. Ob das angekündigte Treffen zwischen Rubio, Dänemark und Grönland zur Deeskalation beiträgt oder lediglich den nächsten Schritt einer offenen Konfrontation markiert, ist offen. Sicher ist nur: Die Auseinandersetzung um Grönland hat den Bereich diplomatischer Routine längst verlassen und berührt eine zentrale Machtfrage unserer Zeit.

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