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Facebook trainiert Menschen, die Orientierung abzugeben – ein Geschenk für den Rechtspopulismus

VonTEAM KAIZEN BLOG

16. September 2026

Der bequemste Weg zur Information beginnt heute oft mit einer Bewegung des Daumens. Facebook öffnen und nach unten wischen. Dann warten, was erscheint. Ein Krieg neben einem Familienfoto, Werbung neben einem Unfall. Danach Politik, danach Unterhaltung. Alles steht auf derselben Fläche, als hätten Bedeutung und Belanglosigkeit dasselbe Gewicht. Orientierung entsteht dabei kaum. Dafür entsteht Gewohnheit.

Facebook hat Millionen Menschen darauf trainiert, Information als Lieferung zu erwarten. Der Leser sucht nicht mehr unbedingt nach einer Redaktion oder einem Thema. Er wartet auf das, was ihm vorgelegt wird. Bleibt ein wichtiger Beitrag aus, fehlt häufig schon der Gedanke, selbst nachzusehen. Der Artikel verschwindet dann nicht aus dem Netz. Er verschwindet aus dem Bewusstsein. Facebook trainiert seine Nutzer darauf, Auswahl mit Wirklichkeit zu verwechseln. Schon 2015 zeigte „Reasoning about Invisible Algorithms in News Feeds“ von Motahhare Eslami und ihrem Team, dass 62,5 Prozent der 40 untersuchten Facebook-Nutzer nicht wussten, dass ihr Nachrichtenstrom algorithmisch vorsortiert wurde. 2020 beschrieb Deepti Singh Apte in „Explicit Autonomy, Implicit Control“, wie Facebook Autonomie sichtbar lasse und Verhalten zugleich über eine Architektur lenke, die sie als „implicit soft-control“ fasste.

2024 untersuchte „Asymmetric Consumptive News Feed Curation?“ mit 1.525 Teilnehmern, wie Nutzer den Algorithmus durch ihr eigenes Verhalten weiterfüttern und damit beeinflussen, was ihnen künftig begegnet. Eine 2026 von Samantha M. Jones und Erin A. Heerey von der Western University veröffentlichte Studie zeigte, dass solche Algorithmen die Auswahl der Menschen so weit verengen können, bis ihnen fast nur noch das begegnet, was das System für sie vorsortiert. Dahinter steht eine gefährliche Entwicklung, wo viele Menschen das Suchen selbst verlernen. Immer mehr Nutzer öffnen nur noch ihren Nachrichtenstrom und warten darauf, was ihnen vorgesetzt wird, statt gezielt nach Informationen zu suchen. Je weniger sie selbst suchen, desto stärker bestimmt der Algorithmus, was überhaupt noch in ihrem Blickfeld landet. Damit wächst die Kontrolle über den einzelnen Leser und zugleich über die Medien, deren Reichweite davon abhängt, was eine Plattform sichtbar macht und was sie im Strom verschwinden lässt.

Der gefährliche Teil passiert lange vor dem 1. Klick: Der Tisch ist bereits gedeckt, und der Nutzer hält das Menü für die Welt. Er scrollt durch eine vorsortierte Wirklichkeit und nennt das Auswahl. Orientierung wird Stück für Stück abgegeben, oft bevor überhaupt auffällt, dass etwas fehlt. Genau darin liegt die Macht solcher Plattformen. Sie müssen Inhalte nicht verbieten. Oft genügt es, Sichtbarkeit zu verteilen. Ein Beitrag wird häufig gezeigt, ein anderer kaum. Die Entscheidung darüber fällt in einem technischen System, dessen Regeln Außenstehende nur teilweise kennen. Für den Nutzer sieht das Ergebnis harmlos aus. Er öffnet Facebook und bekommt eine Welt präsentiert, die bereits vorsortiert wurde.

Investigativer Journalismus lebt vom Gegenteil dieser Bequemlichkeit. Er sucht dort, wo etwas verborgen werden soll. Er folgt Akten und Aussagen, manchmal jahrelang. Er zwingt Zusammenhänge zurück ans Licht, die sich nicht freiwillig melden. Doch nach der Veröffentlichung beginnt eine zweite Hürde: Ein Teil des Publikums erwartet inzwischen, dass selbst diese Arbeit bequem zwischen Katzenfoto und Geburtstagsgruß auftaucht. Tut sie das nicht, bleibt sie für viele unsichtbar.

Das ist für unabhängige Redaktionen gefährlich. Recherche kostet Zeit und Geld. Danach entscheidet eine fremde Plattform mit darüber, wie viele Menschen das Ergebnis tatsächlich sehen. Die Redaktion besitzt den Artikel. Den Weg zum Leser besitzt sie nur noch teilweise. Eine private Firma sitzt dazwischen und verteilt Aufmerksamkeit nach Kriterien, die mit journalistischer Relevanz wenig zu tun haben müssen.

Noch schwerer wiegt der Verlust an Orientierung. Eine gute Nachrichtenseite zeigt auf einen Blick, was vorhanden ist. Große Aufmacher stehen neben kleineren Meldungen. Der Leser erkennt Themenfelder und kann selbst auswählen. Zurückspringen kann er jederzeit. Er sieht Zusammenhänge, weil mehrere Informationen gleichzeitig vor ihm liegen. Ein Nachrichtenstrom auf Facebook zerlegt diese Ordnung in einzelne Stücke. Das nächste Stück ersetzt das vorige.

Damit verändert sich auch das Lesen. Aus Auswahl wird Reaktion. Der Nutzer begegnet dem, was vor ihm auftaucht, und reagiert darauf. Ein Kommentar hier, ein Herz dort. Danach geht es weiter. Die Bewegung bleibt erhalten, während der Zusammenhang verdunstet. Ein komplexer politischer Vorgang steht plötzlich zwischen einem privaten Foto und einer Anzeige für Schuhe. Die Form flüstert ununterbrochen: Das hier ist wichtig, solange es auf dem Bildschirm steht.

Orientierung braucht dagegen Ruhe. Sie braucht einen Ort, an dem Informationen nebeneinander bestehen dürfen, ohne sich gegenseitig in Sekunden zu verdrängen. Investigativer Journalismus braucht genau diesen Raum, weil seine Arbeit selten aus einem einzigen Satz besteht. Dokumente und Vorgeschichten brauchen Zusammenhang. Wer nur auf das wartet, was ihm Facebook vorsetzt, bekommt häufig Fragmente. Fragmente sind bequem. Ein Bild der Wirklichkeit entsteht daraus nur schwer.

Die gesellschaftliche Gefahr beginnt dort, wo diese Bequemlichkeit zur Normalität wird. Menschen geben einen Teil ihrer Auswahl ab und bemerken den Verlust kaum, weil alles weiter funktioniert. Der Bildschirm ist voll. Nachrichten sind vorhanden. Der Eindruck von Informiertheit bleibt bestehen. Nur die Frage, was fehlt, wird immer seltener gestellt.

Gerade investigative Arbeit lebt jedoch von dieser Frage. Was fehlt? Warum passt Aussage A nicht zu Dokument B? Eine Redaktion kann Monate damit verbringen, genau diese Lücken freizulegen. Beim Publikum endet diese Mühe dann mitunter an einer banalen Schwelle: Der Beitrag wurde ihm nicht automatisch hingestellt. Eine jahrelang antrainierte Bequemlichkeit kann so stärker werden als die Neugier, auf der Journalismus überhaupt beruht. Eine Redaktion kann den mächtigsten Akteur überprüfen und den saubersten Beleg veröffentlichen. Erreicht die Recherche ihre Leser nicht, weil die Plattform andere Inhalte bevorzugt, gewinnt nicht automatisch die bessere Information. Es gewinnt die stärkere Verteilung. Das ist eine schlechte Nachricht für jede Öffentlichkeit, die sich für aufgeklärt hält.

Wo Facebook auswählt, was sichtbar wird und was verschwindet, bekommt der Populismus einen eingebauten Vorsprung. Wut ist schnell. Feindbilder sind noch schneller. Der Satz vom „verratenen Volk“ oder vom „bedrohlichen Fremden“ passt mühelos zwischen Urlaubsfoto und Katzenvideo und zieht mehr Reaktion als jede ruhige Einordnung. Rechte Demagogen haben das begriffen. Sie brauchen keine langen Beweise. Oft reicht ein Reizwort und 8 Sekunden Aufmerksamkeit. Zugleich verlernen viele Menschen das eigene Suchen. Sie warten auf den Strom. So rutscht Orientierung aus der Hand des Lesers in die Finger der Plattform. Reichweite folgt dann immer öfter dem grellen Zorn und immer seltener der besseren Information.

Die neuere Forschung macht Facebook für den Rechtspopulismus zu weit mehr als einem neutralen Verteiler. Thomas R. Davidson und Jenny Enos von der Rutgers University untersuchten in einer 2024 veröffentlichten Studie mehr als 400 Parteien in 30 europäischen Ländern. Auf Facebook erhielten populistische Parteien mehr Reaktionen als andere Parteien. Einen verbreiteten Vorteil fanden die Forscher dabei ausschließlich bei rechtspopulistischen Parteien. Mihai Mutascu, Cristina Strango und Camelia Turcu untersuchten anschließend alle 27 EU-Staaten und kamen 2025 zu dem Ergebnis, dass politisch ausgerichtete Kommunikation auf Plattformen wie Facebook zum Wahlerfolg rechter Parteien beitragen könne. Für linkspopulistische Parteien fanden sie diesen Vorteil nicht. 2026 werteten Jakob Linaa Jensen, Anders Olof Larsson, Melanie Magin und weitere Forscher 2.700 Facebook-Beiträge aus dem Europawahlkampf in Dänemark, Finnland und Schweden aus. Für Schweden fanden sie Hinweise darauf, dass radikal rechte Rhetorik auch auf den übrigen politischen Diskurs übergreifen könne. Facebook erfindet den Rechtspopulismus nicht, es fördert ihn. Aber die Forschung zeigt immer deutlicher, wie gut seine Sprache auf dieser Plattform funktioniert.

Facebook hat dieses Verhältnis bequem gemacht.

Das ist sein größter Erfolg und zugleich sein gefährlichster. Niemand muss den Nutzer zwingen, auf eigene Suche zu verzichten. Die Plattform erledigt ihm genug Arbeit, bis Eigeninitiative wie Mühe wirkt. Eine Adresse direkt aufzurufen dauert Sekunden. Trotzdem erscheint dieser Schritt vielen inzwischen größer als 20 weitere Wischbewegungen. Der Schaden zeigt sich deshalb nicht nur in Reichweitenzahlen. Er zeigt sich in einer veränderten Haltung gegenüber Information. Man wartet und nimmt entgegen. Die Hoffnung lautet, dass Wichtiges schon auftauchen werde. Aus dem Bürger, der sich informiert, wird langsam ein Empfänger, der beliefert werden möchte. Das klingt bequem. Demokratie und investigativer Journalismus waren allerdings noch nie Lieferdienste.

Investigativer Journalismus kann diesen Mechanismus nur begrenzt durchbrechen, solange er sein Publikum fast vollständig über fremde Plattformen erreicht. Deshalb wird direkte Nutzung wieder wichtiger. Eine eigene Nachrichtenseite gibt dem Leser die Auswahl zurück. Sie zeigt, was veröffentlicht wurde, statt nur das zu zeigen, was ein technisches System gerade bevorzugt. Vor allem gibt sie Orientierung zurück. Diese Orientierung ist kein hübsches Zusatzangebot. Sie erlaubt dem Leser, Wichtiges neben anderem Wichtigen zu sehen und Gewicht selbst zu verteilen. Er kann einen langen Text lesen, danach eine kurze Meldung öffnen. Er entscheidet, wann er weitergeht. Kein unsichtbarer Taktgeber schiebt bereits das nächste Stück unter seinen Daumen.

Der Unterschied wirkt klein: Facebook öffnen oder eine journalistische Seite direkt aufrufen. In Wahrheit steckt darin eine Entscheidung über geistige Selbstständigkeit. Auf der Plattform wartet der Nutzer auf Auswahl. Auf der Nachrichtenseite trifft er sie selbst.

Eine freie Öffentlichkeit beginnt manchmal mit etwas erstaunlich Unspektakulärem: selbst nachsehen.

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