Simon Andriesz wusste, wo er suchen musste. Aus seinen Jahren bei der Finanzfirma BGC, deren Chef damals Howard Lutnick war, kannte er die Gewohnheit der Führungsleute bei Cantor Fitzgerald, sich in E-Mails hinter ihren Initialen zu verbergen. Also durchsuchte er die Millionen Seiten, die das US-Justizministerium aus den Akten Jeffrey Epsteins freigegeben hatte, nach einem Kürzel: HWL. Was er fand, widerlegte, was der heutige US-Handelsminister jahrelang über sein Verhältnis zu Epstein behauptet hatte. In diesem September starb Andriesz mit 57 Jahren, nach aktuellem Recherchestand durch eigene Hand, Zu diesem Zeitpunkt befand er sich für einen zweimonatigen Aufenthalt in einem Trauma-Krisenzentrum.

Der Brite hatte Jahrzehnte im Wertpapiergeschäft verbracht und bei BGC in London einen Handelstisch für Termingeschäfte und Optionen geleitet, von November 2014 bis Januar 2017. Danach warf die Firma ihn hinaus, nachdem er intern auf Unregelmäßigkeiten in der Buchführung hingewiesen hatte. Was folgte, hat er später selbst beschrieben. Herzprobleme und eine Behandlung wegen seelischer Erschütterung. Dazu ein ruinierter Berufsweg und ein zerrüttetes Familienleben. Die US-Terminmarktaufsicht CFTC führte ihn als ausländischen Hinweisgeber, dessen Angaben maßgeblich zu einem Verfahren beigetragen hätten. Den Preis dafür trug er allein. Ein Hinweisgeber gewinnt selten. Er verliert in Raten, während die Firma, die er anzeigt, weiterläuft.

Das Papier, das den Minister einholte, war ein E-Mail-Wechsel aus dem Jahr 2018. Darin sprachen Lutnick und Epstein über AdFin, eine Firma für digitale Werbung, in die beide investiert hatten. Andriesz legte den Fund Abgeordneten des Aufsichtsausschusses im Repräsentantenhaus vor, bevor der Minister dort im Mai hinter verschlossenen Türen aussagte. Im Februar hatten wir die geschäftliche Verbindung unabhängig davon bereits offengelegt. Im Juli sprach Andriesz in einem britischen Rundfunkbeitrag selbst über seine Suche. Erfunden hat er nichts. Die Verträge und Mails lagen längst in den Akten des Staates; seine Leistung war, sie zu finden und ihr Gewicht zu erkennen, wo andere vorbeigelesen hatten.

Lutnicks Darstellung klang nach einem sauberen Schnitt. Er habe Epstein 2005 kennengelernt, als er und seine Frau neben dessen Anwesen in Manhattan gezogen seien, und bei einer Führung durch das Haus habe ihn etwas so abgestoßen, dass er beschlossen habe, nie wieder mit diesem Mann in einem Raum zu sein. Die Akten erzählen eine andere Geschichte. 2012 aß die Familie Lutnick mit Epstein auf dessen Privatinsel zu Mittag; vor dem Bewilligungsausschuss des Senats räumte er die Reise im Februar ein, an den Grund könne er sich nicht erinnern, belanglos sei sie gewesen. Im Dezember desselben Jahres unterzeichneten Gesellschaften der beiden eine Vereinbarung über Anteile an AdFin. Der Schriftverkehr lief bis 2014. 2018 drängte Lutnick seinen alten Bekannten, sich gegen den Ausbau eines Museums in der Nachbarschaft zu stellen, 10 Jahre nachdem Epstein sich 2008 der Prostitution mit einer Minderjährigen schuldig bekannt hatte und ein Jahr bevor er in Haft starb, während er auf seinen Prozess wegen Sexhandels wartete.

Aus unseren damaligen Recherchen: Das Dokument zeigt zwei Unterschriftenseiten zu einem „Series A Preferred Stock Purchase Agreement“. Auf der linken Seite unterzeichnete Howard W. Lutnick als Präsident für CVFHI, LLC. Auf der rechten Seite unterschrieb Jeffrey Epstein als Präsident der Southern Trust Company, Inc. Beide Signaturen beziehen sich auf eine Vereinbarung im Zusammenhang mit einer Vorzugsaktien-Investition in AdFin Solutions, Inc.
Während Andriesz dem Kürzel HWL nachging, recherchierten wir direkt über die AdFin. Beide Spuren liefen auf denselben Mann zu, jede für sich, ohne dass einer vom anderen bis dahin wusste. Unsere eigenen Recherchen hatten schon zuvor mehr zutage gefördert. Epstein gab 2017 50.000 Dollar für ein Wohltätigkeitsessen zu Lutnicks Ehren. Über mindestens sechs Jahre war der heutige Minister finanziell mit Epstein in AdFin verbunden, übernahm zusehends die Kontrolle und saß zuletzt im Vorstand. Von einem kleinen Minderheitsinvestor keine Spur, wie sein Umfeld behauptet habe. Gegen BGC selbst verhängte die US-Terminmarktaufsicht 2019 eine Strafe von drei Millionen Dollar wegen Mängeln bei Aufsicht und Buchführung.
Was Andriesz geleistet hat, bleibt sein Verdienst. Andriesz ging am 14. Juli 2026 mit seiner Geschichte in die Öffentlichkeit. In einem Berg aus Millionen Seiten das entscheidende Blatt zu finden, verlangt Ausdauer und einen genauen Blick. Beides hatte er, und so war diese zweite unabhängige Recherche in eine andere Richtung ein großer Gewinn.

Eine archivierte Version der AdFin-Website aus dem Juli 2015 führt Howard Lutnick als eines von fünf „Vorstandsmitgliedern und Investoren“ des Unternehmens. Jeffrey Epstein erscheint in dieser öffentlichen Auflistung nicht, obwohl er seine Anteile an der Firma weiterhin hielt.
Lesen Sie dazu unseren Artikel vom 24. Februar 2026: Recherchen zeigen auf: US-Handelsminister Howard Lutnick log: Sechs Jahre Geschäfte mit Epstein
Lutnick Anhörung zu Epstein: Die Insel, die Erinnerungslücken und die 250 Dokumente
Vor dem Ausschuss räumte Lutnick im Mai drei Begegnungen mit Epstein ein. Die Hausführung 2005 und ein Gespräch über ein Baugerüst 2011. Das Mittagessen auf der Insel 2012 kam hinzu. Erst durch die Aktenfreigabe, sagte er, habe er erfahren, dass Epstein an AdFin beteiligt gewesen sei. Seine frühere Beschreibung Epsteins als großen Erpresser nahm er zurück, die Worte seien übertrieben gewesen, Belege habe er keine. Mails unter seinem Namen hätten mitunter Mitarbeiter verschickt. Der republikanische Vorsitzende James Comer bescheinigte ihm, er habe kooperiert; die Demokraten hielten die späten Kontakte für unvereinbar mit allem, was er zuvor öffentlich erzählt hatte. Angeklagt ist Lutnick nicht. Eine enge Freundschaft mit Epstein stritt er ab und nannte die späteren Kontakte begrenzt. Ein Ausschuss des Kongresses ist kein Strafgericht, und so blieb es bei einem Protokoll, das eine Woche darauf erschien.

Neu war all das nicht. Schon 2020 und 2021 hatte Andriesz dem FBI gesagt, Lutnick unterhalte nicht gemeldete Geschäftsbeziehungen zu Epstein. Auch damalige Recherchen belegten das bereits. Die Behörde ging dem nicht nach. Jahre vergingen, ehe ein Ausschuss des Kongresses hinsah. Verfolgt hatte die Spur bis dahin kein Staatsorgan, nur ein entlassener Banker mit einer Suchmaske. Seine juristische Auseinandersetzung mit dem früheren Arbeitgeber verlor er im April 2025, als ein Bundesrichter seinen Antrag gegen einen Schiedsspruch abwies. Einen Teil seiner Hinweise, hieß es aus seinem Umfeld, hätten Aufsichts- oder Steuerbehörden später bestätigt.

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Zuletzt lebte Andriesz in Cornwall. Öffentlich wurde sein Tod durch Andy Agathangelou, den Gründer der Transparency Task Force, der ihn bei Treffen für Hinweisgeber hatte sprechen lassen. Man teile die Nachricht mit großer Trauer, ein geschätztes Mitglied der Gemeinschaft sei vergangene Woche gestorben, erklärte er, ohne einen Grund zu nennen. Dass ein Bericht von Suizid sprach, stützte sich auf ein einzelnes Blatt der Finanzpresse; eine amtliche Todesursache blieb offen. Das Handelsministerium und das FBI schwiegen. Kein Beleg verband seinen Tod mit Lutnick oder Epstein, auch nicht mit dem, was er ans Licht gebracht hatte. Agathangelou sprach von keinem Verbrechen. Er sprach davon, was ein Hinweisgeber aushalten muss, bis Beruf und Gesundheit ihn verlassen. Seine Erfahrung, hieß es, zeige, was Menschen droht, die Missstände melden.
Das Netz brauchte keine Stunde, um den Toten in eine lange Liste einzureihen. Matthew Wingell, der in New Jersey Gouverneur werden will, schrieb: „Das ist kein Spiel, Leute.“ Der Abgeordnete Thomas Massie, der seit Langem die Freigabe der Epstein-Papiere verlangt, lenkte die Aufmerksamkeit mit darauf. Belege dafür, dass jemand Hand an Andriesz gelegt habe, führte keiner von ihnen an. Epsteins eigener Tod in Haft 2019, amtlich ein Suizid, nährt solche Verdächtigungen bis heute. Aus Epsteins Ende eine Regel zu machen, unter die jeder weitere Tote fällt, ist bequem und beweist nichts.

Genaues Hinsehen lässt diese Liste unter den Fingern zerfallen. Epstein starb 2019 in New Yorker Haft, der Haupttäter. Jean-Luc Brunel, sein enger Vertrauter, der mit Epsteins Geld die Agentur MC2 aufgebaut hatte und wegen Vergewaltigung Minderjähriger und Menschenhandel verfolgt wurde, nahm sich 2022 in einer Pariser Zelle das Leben. So weit trägt der Verdacht. Dann wird er brüchig. Daniel Amar Siad, in den Akten als Beschaffer junger Frauen und Mädchen für Epstein geführt, an den er über Jahre Fotos und Profile geschickt und von dem er Geld bekommen haben soll, ein Darlehen über 25.000 Dollar eingeschlossen, starb im Juli 2026 bei Paris. Die Obduktion fand keine frische Gewalt. Festgestellt wurden ein schlechter Gesundheitszustand und Spuren eines früheren Infarkts. In Frankreich lagen gegen ihn schwere Vorwürfe vor, Vergewaltigung und Menschenhandel in einem gesonderten Fall. Steve Bing, Geschäftsmann und Filmproduzent, starb 2020 in Los Angeles; er kannte Epstein aus dem Umkreis seiner verstorbenen Freundin Allexanne Mitchum, deren Tante Carrie Mitchum später erzählte, man habe ihn gedrängt, über Anwälte auszusagen, was er wisse. Mehr als Mitwissen ist nicht belegt. Mark Middleton, einst Mitarbeiter im Weißen Haus unter Clinton, wohin Epstein in den 1990er Jahren mehrfach kam, hatte ihn dort getroffen; Unterlagen belegen den Kontakt, keine Beteiligung an den Verbrechen. Thomas Bowers schließlich, ein früherer Bankmanager, wird im Netz zu Epsteins Bankier gemacht, obwohl seine belegte Rolle bei Trumps Krediten lag und mit Epsteins Geschäften nachweislich nichts zu tun hatte.

Die Lust an der großen Verschwörung hat eine stille Nutznießerin: die Macht. Jede unbeweisbare Mordgeschichte zieht die beweisbare Lüge mit sich hinab ins Ungefähre, bis der Minister alles mit einer Handbewegung als Netzgeraune abtun kann. Um Lutnick zu schützen, muss niemand die Fakten leugnen. Es reicht, sie im Lärm der Spekulation verschwinden zu lassen. Andriesz hatte das Gegenteil versucht, Papier gegen Gerücht, ein Vertrag und ein Kürzel in einer Mail.
Die Suche nach dem geheimen Mörder verfehlt, worum es geht. Andriesz musste nicht beseitigt werden, damit ihm Unrecht geschah. Es genügte, dass eine Behörde auch diese Hinweise liegen ließ und ein Minister vor dem Kongress seine Geschichte zurechtbog und dennoch im Amt blieb. Der Mann, der die Wahrheit lieferte, verlor Gesundheit und Familie und wusste zuletzt nicht mehr weiter. Howard Lutnick ist weiter US-Handelsminister. Simon Andriesz ist tot, und das Netz macht aus ihm eine Erzählung, statt ihm zugehört zu haben, solange er noch da war. Das faden wir damals schon verstörend.
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Im EpsteinClub sind weltweit zuviele reiche A-löcher.
Wieder ist ein weiterer Zeuge weg. Er wird nicht vergessen und die Beweise auch nicht.
… du, die jagd geht weiter, davon lässt man sich nicht einschüchtern, sonst wäre es der falsche job für einen. das thema muss, und das thema wird aufgeklärt. da läuft viel mittlerweile und die rechenschaft kann geduldig sein, so wie wir alle ausdauernd sind.
Ihr habt Biss und Mut, dafür danke ich euch.
Dankeschoen