Washington D.C. (KB) – Granit entsteht unter Druck. Er trägt, was man auf ihn stellt, und schweigt darüber. An diesem Donnerstag entdeckte Donald Trump einen Liebhaber dieses Schweigens. Beim Rundgang über das Gelände des Weißen Hauses stellte er den Reportern Xi Jinping als Experten für Stein vor. Xi liebe guten Granit, versicherte er. Der Gast stand daneben. Seine Miene habe sich nicht verändert, heißt es. Vielleicht verstand er mehr vom Material, als sein Gastgeber ahnte. Der Tag begann in der Grammatik der Macht. Roter Teppich, darauf militärische Ehren. Die Flaggen beider Staaten nebeneinander, als genügte Nähe schon für Eintracht. Hunderte Angehörige der Streitkräfte standen bereit. Über ihren Köpfen zog ein B-2-Tarnkappenbomber hinweg, eine Maschine, gebaut, um nicht gesehen zu werden, vorgeführt an einem Tag, an dem alles gesehen werden wollte. Donald und Melania Trump empfingen Xi und dessen Ehefrau Peng Liyuan. Jedes Bild sollte Größe beweisen. Größe braucht allerdings Zeugen, und Zeugen sehen mehr, als man ihnen zeigt.

Ein Foto ist ein Zeuge, der nicht widersprechen kann. Donald Trump hat am Donnerstag einen solchen Zeugen auf Truth Social gestellt. Er selbst, reglos salutierend, neben dem gerade gelandeten chinesischen Präsidenten Xi Jinping auf dem Rollfeld der Joint Base Andrews. Über beiden zieht ein Militärjet hinweg. Das Bild stammt offenbar von einer künstlichen Intelligenz, und es zeigt einen Tag, den es so nie gab. Gemerkt hat es so gut wie niemand. Ein Foto kann nicht widersprechen. Deshalb lässt Trump es gleich malen. Auf dem echten Rollfeld gingen zwei Ehefrauen mit, und ein Präsident zuckte zusammen, als der Bomber kam. Im Bild salutiert ein Held vor Wesen aus dem All. Welcher der beiden Tage in die Geschichte eingehen soll, hat Trump bereits entschieden.
Draußen sah die Welt anders aus. Anhänger Pekings und Gegner der chinesischen Regierung standen nur wenige Straßen voneinander entfernt, dazwischen ein dichter Riegel aus Polizei. Hier die chinesische Nationalhymne. Dort tibetische Flaggen im Wind. Ein weiterer Zug schob sich Richtung Weißes Haus, mit Rufen nach Freiheit für Taiwan und nach einem Ende des Völkermords an den Uiguren. Auch der Name Jimmy Lai hallte über den Asphalt. Ein Staatsgast reist nie allein. Mit ihm reisen die Menschen, über die sein Staat verfügt, und manche von ihnen kommen nur noch auf Pappschildern mit.
Präsident Xi wird von Präsident Trump begrüßt. Im Hintergrund sind am Anfang Demonstranten mehr oder weniger deutlich zu hören, im letzten Drittel der Aufnahme hingegen sehr deutlich.
Die ersten Risse zeigten sich ausgerechnet dort, wo die Bilder entstehen sollten. Noch vor Xis Ankunft drängte sich sein mitgereister Pressetross um die besten Plätze, der Streit um Kamerapositionen wurde laut. Anweisungen des Secret Service, die Positionen zu wechseln, sollen chinesische Journalisten und Fotografen teilweise schlicht ignoriert haben.

Die Frau in der roter Jacke, Pressekoordinatorin der chinesischen Delegation, diskutiert mit einem chinesischen Fotografen, eingekreist von Sicherheitsleuten und Objektiven. Auf einem anderen schiebt eine Sicherheitsmitarbeiterin einen chinesischen Fotografen mit körperlichem Nachdruck aus dem Bereich. Später soll ein chinesischer Fotograf auf dem Weg zu einem Termin eine amerikanische Journalistin beiseitegeschubst haben. Rund um das Weiße Haus und den Lafayette Park standen zusätzliche Sicherheitskräfte, an den Zufahrten wurden Berechtigungen geprüft. Überraschend war, dass ausgerechnet jene die Ordnung zuerst störten, die sie für die Heimat ins Bild setzen sollten. Ein Protokoll kann jeden Schritt vorschreiben. Den Ellbogen erreicht es nicht.

Drinnen, im Oval Office, fiel ein Satz, den kein Satiriker besser hätte platzieren können. Die chinesische Presse sei besonders freundlich, habe Trump beim Fototermin gesagt, berichten anwesende Fotografen. Draußen lag das Gerangel da bereits hinter allen Beteiligten. Ob Trump davon wusste, lässt sich nicht sagen. Worte und Wirklichkeit gingen an diesem Tag getrennte Wege.

Mit der eigenen Presse hatte das Weiße Haus ein anderes Problem, und dieses war hausgemacht. Mehrere Redaktionen stritten mit der Regierung um ihren Zugang. Weil bestimmte Journalisten ausgeschlossen worden waren, stellten große amerikanische Fernsehsender zum Auftakt des Treffens keine gemeinsame Liveübertragung bereit. Die Begegnung der Präsidenten der USA und Chinas, gewöhnlich ein Ereignis, für das Programme unterbrochen werden, begann damit als Nebenschauplatz eines Hausstreits um Presseausweise. Erst gegen Mittag erhielten die betroffenen Reporter ihren Zugang zurück. Die Tür stand wieder offen. Für einige Stunden.

Am Abend wurde erneut ausgesiebt, feiner diesmal, mit der Pinzette. CNN und MS NOW waren grundsätzlich wieder akkreditiert. Nach eigenen Angaben hätten sie mit bestimmten Journalisten dennoch nicht die Ankunft Xis und der Gäste am Nordeingang begleiten dürfen, dem North Portico. CNN habe einen Fotografen und einen Tontechniker schicken dürfen. Reporter und Produzent seien abgewiesen worden. Bei MS NOW habe die Journalistin Laura Barrón-López draußen bleiben müssen, während andere Reporter und Produzenten des Senders hineindurften. Politico wird unter den Betroffenen dieses Abends nicht genannt. Die gemeinsame Fernsehübertragung blieb den ganzen Abend ausgesetzt. Objektiv und Mikrofon waren willkommen, die Frage nicht. Ein Auge ohne Stimme stört kein Fest. Mit dem Gedränge der chinesischen Fotografen hatte all das nichts zu tun: Dort rempelten Ellbogen, hier entschied eine Liste. Tagsüber lobte der Präsident die Freundlichkeit fremder Journalisten, abends las er die eigenen nach Namen aus.
Rund drei Stunden saßen Trump und Xi am Donnerstag beieinander. Verhandelt wurde über Handel und künstliche Intelligenz. Taiwan kam auf den Tisch, ebenso der Nahe Osten. Dann der Krieg in der Ukraine. Zwischen den zwei größten Volkswirtschaften der Welt trägt inzwischen fast jede wirtschaftliche Entscheidung einen Machtanspruch in sich. Und jede Machtfrage eine Preisliste. Trump sprach öffentlich die Sprache der Männerfreundschaft. Er und Xi hätten eine „wahrhaft großartige Freundschaft“ entwickelt. Beim Bankett steigerte er sich noch: Nie hätten sich beide besser verstanden. Von der oft aggressiven Rhetorik früherer Jahre gegen China blieb diesmal kaum ein Wort übrig. Worte lassen sich über Nacht austauschen. Interessen nicht.

Xi antwortete leiser und in längeren Linien. Er sprach in Bedingungen. Die Interessen beider Staaten seien tief miteinander verbunden, sie sollten Konflikt und Konfrontation meiden. Die militärische Kommunikation zwischen beiden Ländern müsse besser werden. Der Wettbewerb müsse begrenzt bleiben. Einmal mehr führte er die sogenannte Thukydides-Falle an, die Vorstellung, dass der Aufstieg einer neuen Macht und die Furcht der alten vor diesem Aufstieg in den Krieg treiben können. Mancher Gedanke altert nicht. Er wartet. Trump redete von Gefühlen, Xi von Regeln. Freundschaft lässt sich beschwören. Bedingungen muss man erfüllen.
Für chinesische Unternehmen in den Vereinigten Staaten forderte Xi eine faire Behandlung. Chinas Tür stehe amerikanischen Firmen weit offen, die dort investieren und Geschäfte machen wollten. Wirtschaftlich blieb es bei einer Atempause. Finanzminister Scott Bessent hatte mitgeteilt, beide Seiten hätten ihre Handelspause um weitere zwei Monate verlängert. Statt am 10. November solle sie nun am 10. Januar auslaufen. Die großen Streitfragen wurden vertagt, die Zölle ebenso wie chinesische Käufe amerikanischer Waren. Dasselbe gilt für die seltenen Erden. Auch die Beschränkungen im Technologiehandel blieben, wo sie waren. Gewonnen ist Zeit, der billigste Rohstoff der Politik. Frieden im Handelsstreit bedeutet sie noch lange nicht. Als Bittsteller kam Xi dabei keineswegs. Bereits vor dem Gipfel wurde berichtet, er reise mit einer starken chinesischen Handelsposition nach Washington. Peking sitzt auf kritischen Mineralien. Zudem kann es mit Käufen winken, bei amerikanischen Agrarprodukten und bei Flugzeugen. Ein Staat, der liefern kann, muss nicht bitten. Er kann warten, und Warten ist eine Form von Druck.

Wund bleibt das Thema chinesischer Autos. Trump zeigte sich offen dafür, chinesische Hersteller in den Vereinigten Staaten produzieren zu lassen, sofern dabei amerikanische Arbeitnehmer beschäftigt würden. Die heimische Autoindustrie zieht in die Gegenrichtung. Er solle chinesischen Herstellern Verkauf und Fertigung in den USA weiter erschweren, fordern ihre Vertreter. Schon jetzt machen ein Zoll von 100 Prozent und Beschränkungen für vernetzte chinesische Fahrzeuge Importe praktisch schwierig. Bei der künstlichen Intelligenz müsse der Mensch die Kontrolle behalten, habe Xi gemahnt. Beide Regierungen könnten über Risiken und Nutzen sprechen und gemeinsam gegen Missbrauch vorgehen. Trump griff wieder zu seinem Lieblingswort, „Superintelligenz“. Sicherheit und Technologie gehörten zu den dringenden Themen dieses Treffens, habe er Xi angekündigt; Entscheidungen auf diesen Feldern könnten Frieden und Wohlstand für Jahrzehnte fördern. Große Worte kosten bei Staatsbesuchen nichts. Die Rechnung kommt später, als Zoll oder Exportverbot. Manchmal als Militärhaushalt.

Unter der Höflichkeit schwelt ein harter Streit. Amerikanische Entwickler werfen chinesischen Firmen vor, sich Fähigkeiten bestehender Systeme für eigene Modelle anzueignen, mit einem Verfahren, das das Wissen leistungsstarker Systeme auf kleinere Modelle überträgt. Dieselbe Technik nutzen die amerikanischen Anbieter selbst, innerhalb ihrer eigenen Produktfamilien. Nur ihre stärksten Systeme sollen für Wettbewerber tabu bleiben. Gerichte haben die entscheidenden Rechtsfragen bislang nicht abschließend geklärt. Nachahmung heißt Lernen, solange man es selbst tut. Beim anderen heißt sie Diebstahl.

Am härtesten wurde Xi bei Taiwan. Nach der offiziellen chinesischen Darstellung habe er von Trump verlangt, die USA sollten an der „richtigen Position“ festhalten, eine Unabhängigkeit Taiwans abzulehnen. Die Taiwanfrage sei „mit Vorsicht“ zu behandeln. Diplomatisch wiegt das schwer. Die überlieferte amerikanische Formel lautet, Washington unterstütze die Unabhängigkeit Taiwans nicht. Ablehnen geht darüber hinaus. Würde Washington diese Forderung übernehmen, würde aus Abstand Gegnerschaft, und die amerikanische Linie rückte ein gutes Stück in Richtung Peking. Auf diese Forderung ist die Trump-Regierung öffentlich zunächst nicht eingegangen, halten Berichte nach dem Treffen ausdrücklich fest. Schweigen kann Zurückhaltung sein. Es kann auch ein Nachgeben sein, das noch keinen Namen trägt.

Hinter den Wörtern liegt ein handfestes Druckmittel: Waffen. Schon vor dem Treffen war berichtet worden, Xi habe Trump bei ihrer Begegnung in Peking wiederholt auf Taiwan angesprochen. Es sei um amerikanische Waffenlieferungen gegangen und um die Frage, wie weit Washington zur Verteidigung der Insel gehen würde. Trump selbst hat ein ausstehendes Waffenpaket über 14 Milliarden Dollar als Verhandlungsmasse gegenüber China bezeichnet. Mit diesem Wort wird die Sicherheit einer Insel zum Einsatz auf einem Spieltisch, an dem sie selbst keinen Stuhl hat. Xi muss nicht drohen. Er muss nur fragen, was der Einsatz kostet.

Zwei Amerikaner fehlten am Tisch und saßen doch mit im Raum. Washington stuft beide als zu Unrecht in China festgehalten ein. Der Seismologe Youlin Chen wurde 2024 bei einem Besuch bei Verwandten in Peking festgenommen und der Spionage beschuldigt; Familie und Kollegen weisen den Vorwurf zurück. Der Politikwissenschaftler U Min Zin wurde im Juni auf der Reise zu einer Konferenz festgenommen. Er habe keinen Zugang zu seinen chinesischen Anwälten erhalten, sagt seine Ehefrau. Wo man ihn festhalte, wisse sie nicht. Die Familien hofften auf Trump persönlich. Vertreter des Außenministeriums und des Nationalen Sicherheitsrats hätten ihr zugesagt, Trump werde beide Fälle bei Xi ansprechen, berichtet Chens Ehefrau. Unterstützer des in Hongkong inhaftierten Jimmy Lai verlangten ebenfalls, der Präsident möge dessen Freilassung zur Sprache bringen. Ob darüber gesprochen wurde und mit welchem Ergebnis, blieb zunächst offen. Eine Frau, die nicht weiß, wo ihr Mann ist, lebt in einer Zeit ohne Ort. Für diese Zeit sieht kein Staatsbesuch einen Programmpunkt vor.

Dann kam der Teil des Tages, der Trump am meisten zu bedeuten schien. Er führte seinen Gast über die Baustelle seines geplanten Ballsaals und zeigte ihm das Projekt eines neuen Hubschrauberlandeplatzes. Hier fiel der Satz vom Granit, der Xi zum architektonischen Sachverständigen erhob. Trump hat den Großen Saal des Volkes in Peking wiederholt als Vergleich für sein eigenes Bauwerk bemüht. Der Monumentalbau am Tiananmen-Platz umfasst mehr als 167.000 Quadratmeter auf 4 Ebenen, sein zentraler Saal fasst rund 10.000 Menschen. Trumps Ballsaal soll auf rund 8.400 Quadratmeter kommen. Er werde alles übertreffen, hatte der Präsident angekündigt. Die Zahlen widersprechen um das 20-Fache. Ein Mann misst sich an einem Palast und zeigt dem Staatschef, dessen Land das Original gehört, eine Baugrube.

Den Großen Saal ließ Mao Zedong 1958 errichten. In weniger als einem Jahr stand er, mitten im Großen Sprung nach vorn. Nach Schätzungen vieler Wissenschaftler starben an der Hungersnot, die Maos Politik verursachte, mindestens 20 Millionen Menschen. Monumente werden schneller fertig als die Erinnerung an ihren Preis. Sie haben Keller aus Geschichte, und bei Führungen bleiben diese verschlossen. An diesem Donnerstag fragte niemand nach dem Schlüssel. Fragen nach Iran und Taiwan ließen beide Präsidenten beim Rundgang ins Leere laufen. Auch zu Jimmy Lai kam kein Wort. Trump hielt nur an, um den Granit zu erklären.

Und dann das Bild, über das seither am meisten geschrieben wird. Trump ließ es sich nicht nehmen, seinen Gast vor jenes Bild zu führen, das in seiner Galerie der Präsidenten den Platz Joe Bidens einnimmt. Statt eines Porträts seines Vorgängers hängt dort das Foto eines Autopens, jene Maschine, die Unterschriften setzt, ohne dass eine Hand sie führt. Trump wirft Biden vor, Dokumente auf diese Weise unterzeichnet zu haben. Ein Präsident zeigt dem Staatsoberhaupt einer rivalisierenden Weltmacht, wie er seinen Vorgänger verspottet. Was Xi dabei dachte, weiß niemand, und jede Antwort wäre erfunden. Eine Maschine, die Namen schreibt, wo kein Mensch mehr unterschreibt, als Wandschmuck einer Regierung, die ihren Groll rahmen lässt. Macht liebt Spiegel. Manche hängen sich lieber einen Feind an die Wand.

Xi hatte sanftere Ware im Gepäck. China werde zwei Pandas nach Atlanta schicken, kündigte er an, Ping Ping und Fu Shuang. Sie setzen eine Tradition fort, die seit Richard Nixons China-Reise 1972 als weiches Polster unter einer harten Beziehung liegt. Schwarz-weißes Fell besänftigt für einen Augenblick, was kein Tarnkappenbomber besänftigen kann. Dazu lud Xi 100.000 amerikanische Studenten ein, China innerhalb der kommenden fünf Jahre zu besuchen. Trump hatte zuvor erklärt, er wolle zusätzlich 600.000 chinesische Studenten an amerikanischen Hochschulen zulassen. Die Regierungen reden von strategischer Rivalität und schicken zugleich ihre Jugend über den Pazifik, in beide Richtungen.

Trump erwiderte mit einer großen Adlerstatue. Der Weißkopfseeadler, Wappentier der Vereinigten Staaten, ging an den chinesischen Präsidenten. Nichts an diesem Besuch sollte zufällig sein, und Macht hält sich ihre Tiere. China schickt Pandas, die atmen. Amerika verschenkt einen Adler, der stillhält.
Am Abend wurde aus Politik eine Tafel. Mehr als 130 Gäste waren geladen. Jeff Bezos kam, Elon Musk ebenso. Jensen Huang fand seinen Platz, dazu Sam Altman. Tim Cook war eingeladen, Mark Zuckerberg auch. Hinzu kamen führende Köpfe aus Finanzwirtschaft und Industrie. Regierungsmitglieder waren ebenso geladen wie mehrere Angehörige der Familie Trump. Melania Trump saß am Haupttisch neben Elon Musk, Tim Cook neben Peng Liyuan. Am selben Tisch aßen damit Menschen, deren Unternehmen an Entscheidungen hängen, über die wenige Stunden zuvor verhandelt worden war. Zwischen Verhandlungszimmer und Speisesaal lag nur ein Flur.

Geladen waren auch der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, John Roberts, dazu die Richter Amy Coney Barrett und Brett Kavanaugh. Trump hatte Richter dieses Gerichts zuvor öffentlich angegriffen. Nun teilten Staatsführung und Wirtschaft denselben festlichen Abend. Die Justiz saß mit dabei. Die Gewaltenteilung legte sich für ein paar Stunden die Serviette auf den Schoß.
Auffällig fehlte etwas. Kein einziges chinesisches Unternehmen stand auf der veröffentlichten Gästeliste. Mehrere führende chinesische Manager waren kurz vor dem Gipfel nach Washington gereist, allerdings getrennt von Xis Delegation. Zahlreiche große chinesische Internet- und Autofirmen stehen wegen mutmaßlicher Verbindungen zum chinesischen Militär unter amerikanischen Beschränkungen. Ihre Anwesenheit hätte Washington vor ein ganz eigenes Problem gestellt.
Trump hielt sich beim Staatsbankett mit Xi Jinping nur kurz ans vorgesehene Programm. Dann erklärte er, er „musste es einfach tun“, und lud kurzerhand den gesamten Saal samt Xi und Peng Liyuan zu einer Besichtigung seiner noch unfertigen Ballsaal-Baustelle ein. Durch einen eigens beleuchteten Durchgang sollten die Gäste einen ersten Blick auf das Projekt werfen, das nach Trumps Darstellung Präsidenten seit 150 Jahren gewollt hätten und in etwa 1 Jahr fertig sein solle. Andere Gastgeber reichen nach dem Essen vielleicht Kaffee. Trump servierte noch eine Baustellenführung.
Trump eröffnete seine Tischrede mit Geschichte, mit einer chinesischen Delegation, die vor 158 Jahren in die Vereinigten Staaten gekommen sei. Dann wollte er kurz vom Manuskript abweichen. Der Saal lachte und klatschte. Es folgte, was folgen musste: die Ballsaal-Baustelle. Schön sauber sei sie und glänzend, und leider für dieses Essen noch nicht fertig geworden. Der Ballsaal begleitete ihn durch den ganzen Tag, vom Rundgang bis an die Tafel. Andere Präsidenten hinterlassen Verträge. Dieser plant einen Saal.
Xi antwortete mit tieferer Geschichte. George Washington habe chinesisches Porzellan gesammelt, erinnerte er, und kam dann auf Nixons Annäherung und die Pingpong-Diplomatie zu sprechen. Auch die Zusammenarbeit beider Länder im Zweiten Weltkrieg rief er auf. Diese in „Blut und Feuer“ geschmiedete Freundschaft werde über Generationen weiterleben. Die Gegenwart musste vor der Tür warten. Chinas nukleare Aufrüstung wurde in den Tischreden nicht vertieft. Taiwan bekam beim Toast keinen großen Auftritt; am Verhandlungstisch hatte Xi das Thema längst gesetzt. Xi sprach lieber von einem historischen Wendepunkt. In weniger als 6 Monaten hätten er und Trump sich bereits zwei Mal getroffen und offene, eingehende Gespräche geführt. In vielen Fragen sei ein gemeinsames Verständnis erreicht. Die Vergangenheit ist bei Staatsbanketten die bequemste Zeitform. Sie widerspricht nicht.
Am weitesten ging Xi, als er Trumps Losung an seine eigene knüpfte. Die „große Wiederbelebung der chinesischen Nation“ und Trumps Ziel, Amerika wieder groß zu machen, könnten einander befördern. Das klang wie ein Kompliment. Tatsächlich setzte der Satz 2 Nationen, die beide einer verlorenen Größe nachtrauern, an denselben Tisch. Jede hält sich dort für den Gastgeber.

Das Menü folgte derselben höflichen Geometrie. Seebarsch im Sesammantel, daneben Pak Choi. Rote Tischdecken und rote Blumen sollten nach Angaben des Weißen Hauses auf die Bedeutung der Farbe in China anspielen. Angestoßen wurde mit kalifornischem Schaumwein jener Marke, die Nixon 1972 bei seinem Besuch in Peking getrunken hatte. Selbst das Glas trug Geschichte. Nach den Reden endete der öffentliche Teil, der Rest des Abends blieb hinter geschlossenen Türen. Ein Tag, der mit Bomber und Protest begonnen hatte, verglomm bei Kerzenlicht und Porzellan.
Greifbar blieb wenig, weniger jedenfalls, als auf der Gästeliste stand. Die Handelspause ist verlängert, der Rest vertagt. Im November richtet China in Shenzhen das Treffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft aus, im Dezember folgt der G20-Gipfel in Miami. Nach der chinesischen Zusammenfassung hätten Trump und Xi vereinbart, einander bei der erfolgreichen Ausrichtung beider Treffen zu unterstützen. Weitere Begegnungen noch in diesem Jahr sind damit möglich.
Trump bekam seinen großen Tag mit Xi. Soldaten standen stramm, und die Wirtschaftsgrößen des Landes kamen zum Essen. Seinem Gast durfte er sogar den künftigen Ballsaal erklären. Zur selben Zeit rangen Xis Fotografen mit dem Secret Service, und amerikanische Redaktionen kämpften um Einlass. Irgendwo zwischen Weltpolitik und Granit führte der Weg schließlich vor eine Unterschriftenmaschine an der Wand.
Xi Jinping sagte dazu öffentlich kein Wort. Das Nötige hatte er vorher gesagt, bei Taiwan, leise und unmissverständlich. Granit entsteht unter Druck. An diesem Donnerstag gab er ihn weiter.
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