Am Freitagabend verkündete Donald Trump in den sozialen Medien, was er „DEN GRÖSSTEN ÖL-DEAL DER WELTGESCHICHTE“ nannte. Hinter der Großschrift steht ein schlichter Vorgang: Die US-Regierung greift nach dem Öl eines anderen Landes und lässt sich den Griff als Vereinbarung unterschreiben. Washington übernimmt einen stillen Anteil von 35 Prozent an North American Blue Energy Partners, einer privaten Firma, der für 100 Jahre die Rechte an 17 venezolanischen Ölfeldern zufallen sollen, in denen rund 65 Milliarden Barrel liegen, etwa ein Fünftel der Reserven des Landes. Ein Staat legt die Hand auf den Boden eines anderen und nennt es ein Geschäft.

Genommen wurde das Öl in Schritten. Im Januar holten amerikanische Streitkräfte den damaligen Präsidenten Nicolás Maduro in einer nächtlichen Operation aus dem Land und brachten ihn nach New York, wo er sich wegen Drogenvorwürfen verantworten muss. An seine Stelle rückte seine frühere Vizepräsidentin Delcy Rodríguez, ungewählt und mit Trumps Rückhalt an der Macht gehalten, von ihm als „fantastisch“ gelobt. Wenige Tage vor der Verkündung einigten sich beide am Telefon auf die Grundzüge. Eine Regierung, die niemand gewählt hat, verschenkt, wozu ihr jede Befugnis fehlt.

Das Perfide liegt in der Bauweise. Der Handel läuft mit Absicht über ein Privatunternehmen, um auch künftige venezolanische Regierungen zu binden und eine Rückabwicklung zu erschweren; einen privaten Betrieb, so das Vertrauen der Beteiligten, werde ein neuer Machthaber kaum enteignen. So soll der Zugriff jede Wahl überdauern. Geführt wird das Unternehmen von Alejandro Betancourt, gegen den in Spanien und der Schweiz wegen mutmaßlicher Geldwäsche ermittelt wurde, ohne dass Anklage erhoben worden wäre, und dessen Firma binnen 2 Jahren nach Chevron zum zweitgrößten privaten Ölförderer Venezuelas aufstieg.
Bezahlt wird der Anteil fast mit nichts. Das Office of Strategic Capital des Pentagon will die Beteiligung über Optionsscheine zu einem symbolischen Preis einbuchen, sodass Washington die Aktien nahezu geschenkt bekommt. Ausgehandelt hat das Ganze das Außenministerium, spät erst kam das Pentagon hinzu, dessen Direktor David Lorch im Juli nach Caracas reiste; als seine Unterhändler nannte Trump den Außenminister Marco Rubio und Kriegssminister Pete Hegseth. Zuletzt hält das Verteidigungsministerium den Anteil und die Kaufrechte. Die USA sichern sich einen passiven Anteil von 35 Prozent an dem Unternehmen und zusätzlich das Vorzugsrecht, 20 Prozent seiner Förderung zum Selbstkostenpreis zu kaufen. Bestimmt ist das Öl für die strategische Reserve und für das Militär. Nach Angaben von US-Beamten wäre die staatlich gestützte Firma damit nach Saudi Aramco der zweitgrößte Halter nachgewiesener Reserven weltweit. Rubio feiert einen riesigen Erfolg, der die Benzinpreise senke.

Genau hier widerspricht sich die Macht selbst. Auf Nachfrage erklärte der Pentagon-Sprecher Sean Parnell, das Office of Strategic Capital nehme keine Beteiligungen an privaten Firmen; seine Befugnis reiche nur bis zu Krediten und Bürgschaften, nicht bis zum Anteil an einem Unternehmen. Das Gesetz, das dieses Büro trägt, 10 U.S.C. 149, bestätigt die Grenze, und die bloße Förderung von Rohöl zählt nicht ersichtlich zu den strategischen Feldern, die es unterstützen darf. Das Büro, 2022 gegründet und erst unter der zweiten Regierung Trump mit Krediten aktiv, geriete mit dieser Rolle weit über seinen Auftrag hinaus. Ein Energieökonom fragte deshalb, warum die USA mit Staatsgeld einen künftigen Rivalen der eigenen Ölbranche aufbauten. Ein Bauwerk, dessen eigener Vollstrecker bestreitet, es errichten zu dürfen, trägt den Zweifel schon im Fundament.
Auch Venezuelas Verfassung steht quer. Artikel 12 erklärt die Ölreserven zum unveräußerlichen Eigentum der Republik, Artikel 113 erlaubt allein zeitlich begrenzte Konzessionen gegen angemessene Gegenleistung, und ein neues Gesetz vom Januar 2026 öffnete das Feld für private und ausländische Betreiber. Die scharfe Frage lautet, ob 100 Jahre Förder- und Kaufrecht noch eine Konzession sind oder wirtschaftlich die verbotene Übertragung der Reserven. Ein Vertragstext, an dem sich das prüfen ließe, liegt bis heute nicht vor. Über 65 Milliarden Barrel und einen Anteil des Militärs wird geredet, während das eigentliche Papier im Verborgenen bleibt.
Die Kritik kam schnell und hart. Der frühere Minister Diego Arria, heute im Exil, nannte die Sache eine vollkommen verfassungswidrige Operation. Der Harvard-Ökonom Ricardo Hausmann, einst venezolanischer Planungsminister, sprach von einem schändlichen Geschäft, das keinen Bestand haben werde, weil kein großes Ölunternehmen es ernst nehme. Aus dem Senat warf Tim Kaine dem Präsidenten Korruption in gigantischem Ausmaß vor, Chris Van Hollen sagte, Trump habe Soldaten in Gefahr gebracht, um Öl für seine Milliardärsfreunde zu holen. Rodríguez verspricht dem eigenen Land Investitionen von mehr als 100 Milliarden Dollar und Steuern von mehr als 209 Milliarden und beteuert, Eigentum und Souveränität blieben unangetastet. Trumps Verbündete im Senat wie Bernie Moreno preisen einen historischen Erfolg. Auf einem Markt brachte ein Bürger die Sache auf die knappere Formel: Öl gegen das Recht, an der Macht zu bleiben.
Der Preis an der Zapfsäule aber gehorcht der Arithmetik, nicht der Ansage. Venezuela fördert heute rund 1,25 Millionen Barrel am Tag, ungefähr so viel wie der Bundesstaat North Dakota. Das Abkommen soll die Menge zunächst auf etwa 1,5 Millionen heben, also gut 250.000 Barrel mehr, auf einem Weltmarkt von über 100 Millionen. Der Wiederaufbau der zerfallenen Förderung dauert Jahre und kostet Milliarden. Die großen amerikanischen Ölfirmen ExxonMobil und ConocoPhillips hielten sich trotz allen Drucks zurück, Chevron als einziger noch fördernder Betrieb mochte sich nicht äußern. In besseren Jahren lag Venezuelas Förderung täglich mehr als 2,5 Millionen Barrel über dem heutigen Stand, doch solche Mengen kehren nicht über Nacht zurück. Der amerikanische Durchschnittspreis lag am Samstag bei 4,08 Dollar pro Gallone, ein Jahr zuvor bei 3,20, hochgetrieben von Trumps Krieg gegen Iran. Von der versprochenen schnellen Entlastung bleibt eine Zahl, die niemandem hilft.
Europas Regierungen haben politisch und wirtschaftlich kaum Interesse daran, Trump bei diesem Deal offen anzugreifen. Europa ist sicherheitspolitisch stark von den USA abhängig, europäische Energiekonzerne sind selbst in Venezuela aktiv, und viele Geschäfte dort hängen weiterhin am amerikanischen Sanktionsregime. Gleichzeitig würde eine harte Kritik sofort die Frage aufwerfen, warum man bei Russland, China oder anderen Staaten von Souveränität und internationalem Recht spricht, hier aber wesentlich leiser bleibt.
Dazu kommt: Washington verschafft sich mit dem Deal einen strategischen Vorteil bei einer der größten Ölreserven der Welt. Europa müsste eigentlich sehr genau hinschauen, weil es im Zweifel selbst höhere Weltmarktpreise zahlt, während die USA sich bevorzugten Zugriff sichern.
Das Schweigen ist deshalb vor allem politisch bequem.
Für Europa liegt die Gefahr eine Ebene tiefer. Im Juli flossen bereits rund 786.000 Barrel venezolanisches Öl täglich in die USA, nach Europa nur etwa 82.200, gefallen von rund 99.000. Erhält Washington künftig bevorzugten Zugriff zum Selbstkostenpreis, gehen Fässer, die sonst nach Spanien oder Italien liefen, zuerst über den Atlantik. In einem ohnehin angespannten Markt, mit knappem Diesel und einer Raffinerieproduktion fast 2 Millionen Barrel unter der Nachfrage, verschärft das den Wettlauf um den Rest. Amerika kauft billig, Europa zahlt den Weltpreis, und das gesicherte Öl will Trump zusätzlich in die strategische Reserve leiten.

So fügt sich das Bild zusammen. Ein gestürzter Präsident sitzt in einer Zelle in New York, seine ungewählte Nachfolgerin gibt her, was ihr nicht gehört. Das Militär wird entgegen dem eigenen Gesetz zum Teilhaber, und den Vertrag, an dem sich all das messen ließe, darf niemand lesen. In Caracas gingen die Menschen gegen den Handel auf die Straße, während Trump ihn den größten der Geschichte nennt. Diego Arrias Worte treffen es genauer: Sie nehmen es sich einfach.
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