Gegen zehn vor sieben am Dienstagmorgen hielten Beamte der Einwanderungsbehörde ICE in Houston ein Fahrzeug an. Wenig später war der Fahrer, Lorenzo Salgado Araujo, ein Mann aus Mexiko, in den Bauch getroffen. Man brachte ihn in ein Krankenhaus, wo er starb. Die Darstellung dessen, was geschah, war schneller fertig als die Ermittlung, die sie prüfen soll.
David Venturella, kommissarischer Leiter von ICE, erklärte, die Beamten hätten den Wagen gestoppt und den Fahrer festnehmen wollen. Salgado Araujo, den er einen illegalen Ausländer nannte, habe sein Fahrzeug zur Waffe gemacht und versucht, den schießenden Beamten zu überfahren. Weshalb der Mann gesucht wurde, sagte Venturella nicht, und einen Beleg für den Vorwurf legte er nicht vor. Das ergaben bereits die ersten Recherchen. Auch Anfragen und Abfragen ergaben keinerlei Straftaten oder Fahndungshinweise. Rustin Rawlings, Sprecher der Feuerwehr von Houston, bestätigte allein das Nachprüfbare: einen Schuss in den Bauch und den Tod im Krankenhaus.

Walter Benjamin hat vor über hundert Jahren über die Gewalt der Polizei geschrieben, sie sei gespenstisch, weil in ihr zusammenfalle, was sonst getrennt bleibe, das Setzen des Rechts und seine Erhaltung; sie greife dort, wo der Staat seine Zwecke nicht mehr durch das Gesetz zu sichern vermag, und schaffe sich ihre Rechtfertigung selbst. Genau diese Umkehrung liegt über Houston. Die Behörde spricht das Urteil, ehe der Befund vorliegt, und das Wort, mit dem sie es tut, ist überall dasselbe. Etwa zwanzig Menschen wurden in diesem Jahr in ihren Autos beschossen, einige tödlich, und fast immer hieß es, das Fahrzeug sei zur Waffe geworden und das Leben der Beamten in Gefahr gewesen. Juan Proaño, Vorsitzender der Bürgerrechtsorganisation LULAC, nannte die staatliche Version eine Vorlage, einen Text, der schon bereitliegt, ehe der erste Schuss fällt.

Dass diese Vorlage brüchig ist, hat das Jahr bereits gezeigt. Im Januar starben zwei Menschen in Minneapolis, und in einem weiteren Fall widersprach ein Video der Aussage eines ICE-Beamten so deutlich, dass die Anklage gegen den Angeschossenen fallengelassen wurde. Wo Kameras später sprachen, blieb von der behördlichen Erzählung wenig übrig.
Auch in Houston verteilt sich die Last der Untersuchung auf bezeichnende Weise. Das Büro des Generalinspekteurs im Heimatschutzministerium führt die Ermittlung zum Schuss des Beamten, während das FBI in Houston dem mutmaßlichen Angriff auf einen Bundesbeamten nachgeht. Der Tote wird so zugleich als Opfer und als Täter geführt, und die zweite Rolle hat er nicht mehr zu bestreiten.

Was der Staat einen illegalen Ausländer nennt, war seit fünfunddreißig Jahren im Land. Salgado Araujo war Vater dreier Kinder und auf dem Weg zu einer Baustelle, mit drei Arbeitern im Wagen, einer davon sein Bruder, als er auf die Bundesbeamten traf. Zu diesen Mitfahrern schwieg die Regierung auf Anfrage. Sein Sohn Ronaldo Salgado sprach am Abend am Telefon von einem Mann, der hart gearbeitet und auf geradem Weg eine Arbeitserlaubnis gesucht habe, um seine Familie zu versorgen; für den Mittwochmorgen kündigte die Familie eine Erklärung an. Proaño, dessen Organisation die Angehörigen begleitet, verlangt eine unabhängige Untersuchung durch die örtlichen Behörden. Man traue weder ICE noch dem FBI zu, offen und redlich zu sagen, was an diesem Morgen geschah.

Am Abend versammelten sich etwa dreißig Menschen nahe dem Ort und riefen ihren Sprechchor: keine Angst, kein Hass, keine ICE in unserem Staat. Für den Mittwochabend ist eine Mahnwache geplant. Janie Torres, neunundfünfzig Jahre alt und in der Nachbarschaft zu Hause, sagte, die Furcht habe sich im Viertel ausgebreitet. Es könne jeden treffen, sagte sie, jeden von uns, und das sei die Wahrheit. In einem Rechtsstaat wäre dieser Satz eine Übertreibung. Dort, wo die Rechtfertigung dem Schuss vorausgeht, ist er eine nüchterne unglaubwürdige Beschreibung.
Fortsetzung folgt …
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