Er sitzt zwischen seinen Anwälten, die Handgelenke an eine Kette um die Hüfte geschlossen, und blickt auf den Monitor, auf dem die Anklage ihre Bilder aufruft. Hin und wieder macht Tyler Robinson eine Notiz. Mehr Bewegung gestattet ihm der zweite Verhandlungstag nicht. Was ihm bevorsteht, ist kein Prozess, sondern dessen Vorhof, und die Schwelle, die überschritten werden muss, liegt niedrig. Mark Kouris, früher Staatsanwalt und Richter in Salt Lake City, heute Lehrbeauftragter an der University of Utah, sagt es ohne Umschweife: Der Maßstab sei außerordentlich gering, die Aussicht, dass die Anklage an ihm scheitere, praktisch gleich null. Am Montag hatte Richter Tony Graf ihr dennoch Widerstand entgegengesetzt und ein zusammengeschnittenes Überwachungsvideo abgewiesen, weil einzelne Ausschnitte vergrößert und mit Kreisen versehen waren, die Beweisgrundlage also fehlte. Man werde es am Dienstag erneut versuchen, hatte die Anklage angekündigt, diesmal ohne die nachträglichen Zutaten.

Am Nachmittag füllt sich der Saal mit denen, die zu diesem Fall gehören. Matt und Amber Robinson betreten das Gebäude, die Eltern des Angeklagten, dazu Kathryn und Robert Kirk, die Eltern des Getöteten, und Erika Kirk, seine Witwe. Graf verliest seine Hausordnung, mahnt eine Umgebung an, die sicher sei und der Würde jedes Beteiligten verpflichtet bleibe, und weil es warm ist im Saal, stellt er frei, aus den Wasserflaschen zu trinken. Die Fürsorge eines Gastgebers in einem Raum, in dem über einen Tötungsvorwurf verhandelt wird.
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Die verzerrten Wahrheiten um Tyler Robinson und Nachrichten aus der Hölle
Im vierten Stock hat jemand über Nacht schwarze Plastikbahnen vor die Fenster gezogen. Am Montag waren sie noch frei. Georg Simmel hat vor mehr als einem Jahrhundert beschrieben, dass das Verborgene durch seine Verhüllung nie kleiner werde, sondern größer, dass jedes Geheimnis den Wert dessen steigere, was es entzieht. Die verhängten Scheiben tun genau das: Sie sollen abschirmen und machen den Saal dahinter erst zum Allerheiligsten, das man nur über vierzehn öffentliche Sitze betritt.

Auf den Zeugenstand tritt David Hull, früher Ermittler des staatlichen Untersuchungsbüros, lange federführend in diesem Fall. Der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt David Sturgill führt ihn durch jenes Video, das am Vortag gescheitert war und für das nun die Grundlage steht. Die Verteidigung, vertreten durch Michael Burt, will es der Öffentlichkeit vorenthalten; eine Berichterstattung darüber vergifte den künftigen Geschworenenpool und verletze Robinsons Rechte. David Reymann, Anwalt der Nachrichtenhäuser, hält dagegen, die Anwesenden hätten ein Anrecht zu sehen, was das Gericht sehe, um dessen Entscheidungen zu begreifen. Graf wägt ab und lässt das Video zu; es unterscheide sich von den drei Aufnahmen der Tat, die tags zuvor eingeführt worden seien.

Hull spricht, während die Bilder laufen. Sie zeigen Robinson am zehnten September, wie er in ein Parkhaus fährt, sich entfernt, zurückkehrt und wieder geht, einen Rucksack trägt, sich bei Chick-fil-A eine Mahlzeit kauft und den Rucksack später nicht mehr bei sich hat. Gegen elf Uhr verlasse er das Gelände ein zweites Mal. In anderer Kleidung kehre er zurück, sagt Hull, und gehe mit einem Hinken, das eine Bein fast durchgestreckt. Vor dem Losee-Gebäude sei er zu sehen, dann dort, wo sich das Dach erreichen lasse. Am Montag hatte der frühere Universitätspolizist Chris Bagley von einer Scharfschützenauflage im Kies dort gesprochen. Nun klettert eine Gestalt aufs Dach, läuft hinüber, legt sich in die Ecke, lässt sich wieder herab und entfernt sich mit etwas in der Hand. Zwölf Uhr vierundvierzig zeigt die Zeitmarke. Ein Fahrzeug, das Robinson gehöre, ergänzt Hull; ein Beamter aus Spanish Fork habe am elften September über ein Teilkennzeichen den eingetragenen Halter ermittelt und im Fahrer einen Mann erkannt, den er für Robinson halte.
Dann folgt eine zweite Fassung, mit Kreisen und Vergrößerungen versehen, die den Blick lenken sollen. Kathryn Nester, ebenfalls für die Verteidigung, widerspricht: die Echtheit sei fraglich, die Wirkung voreingenommen zulasten ihres Mandanten. Graf lässt auch diese Aufnahme zu, betrachtet sie aber für sich allein, ohne sie Öffentlichkeit und Presse zu zeigen, da es sich um dasselbe Material handle. Wieder ein Vorhang, derselbe Simmelsche Zug: Was der Richter allein sieht, wiegt schwerer als das, was allen offensteht.

Nach einer kurzen Pause nimmt Nester Hull ins Kreuzverhör. Am Tag der Tat sei er gegen halb zwei auf den Campus gekommen, nachdem man Kirk bereits ins Krankenhaus gebracht hatte, und habe erst gegen halb drei erfahren, dass er die Ermittlung leiten werde. Das Amphitheater sei abgesperrt und so gut wie möglich gesichert worden, bei aller Menge, die zugegen war. Eine am Ort gefundene Patrone habe man einem Beamten zugeordnet, der seine Waffe entladen und dabei ein ungenutztes Geschoss ausgeworfen habe. Eine weitere Waffe sei aufgetaucht, eine Pistole in einem Rucksack. Nester fragt nach der Gestalt auf dem Dach, und Hull räumt ein, dass das Überwachungsbild keine unterscheidbaren Gesichtszüge preisgebe. Zeugen, die eine eigene Aufnahme gemacht hätten, hätten den Mann für einen Beamten in Deckung gehalten, der von oben sichere; fünfzehn bis dreißig Sekunden habe er reglos gelegen. Beim Autopsiebericht sei er nicht zugegen gewesen, sondern habe den befragt, der ihn erstellte; Verpackung und Versand der Waffe habe er nicht selbst besorgt. Jenes Türklingelvideo vom Vortag wiederum: Der Besitzer der Kamera habe den Erfassten für kahl gehalten und von drei Personen im Wagen gesprochen, während man im Saal von Robinsons Fahrzeug und einer einzigen aussteigenden Person geredet hatte. Im Nachfragen der Anklage jedoch bleibt, dass Hull Robinson zweimal ein Wäldchen habe betreten sehen, aus dem später ein Gewehr geborgen wurde.

Es folgt ein Streit, der weiter reicht als jede Faser Erbgut. McBride will eine notariell beglaubigte, selbstbeglaubigende Erklärung des Turning-Point-USA-Vorstandsmitglieds David Englehardt zulassen. Richard Novak, für die Verteidigung, zweifelt an der Echtheit und bestreitet die Erheblichkeit. Das Papier verhandle eine Strafschärfung wegen Opferauswahl, einen Zuschlag, den das Recht Utahs erlaube, wenn der Täter sein Opfer wegen dessen vermeintlicher politischer Äußerung ausgewählt habe. Doch Englehardts Erklärung, sagt Novak, drehe sich allein um das, was in Englehardts Kopf vorgehe, und seine Bibelstellen hülfen dem Gericht bei keiner Entscheidung. McBride entgegnet, das Schriftstück kläre, was Kirks Unternehmen tue, und weise auf das Motiv; Kirk habe die Menschen zur Auseinandersetzung über Glauben und Politik gebracht und sie ermuntert, bestimmten Werten zu folgen. Graf lässt die Erklärung vorläufig zu. Sie berühre Kirks politische Äußerung, und die Anklage behaupte ja, Robinson habe Kirk wegen seiner Überzeugungen über eben diese Äußerung ins Visier genommen. Wo das Politische ende und das Religiöse beginne, sei eine andere Frage; überdies enthalte das Papier Angaben zum Steuerstatus und zu den Gepflogenheiten von Turning Point USA. Man wird hier über einen Menschen richten und muss zuvor bestimmen, ob die Worte des Getöteten Politik waren oder Bekenntnis, als ließe sich das eine vom anderen sauber scheiden und beides von dem, was im Kopf eines jungen Mannes vorging.
Zum Mittag leert sich der Saal, und was ihn füllt, tritt hervor. Denae Branch, die um Mitternacht um einen der vierzehn Sitze angestanden hatte, sei in Tränen ausgebrochen, und Erika Kirk habe ihr über die Reihe hinweg ein Taschentuch gereicht, ohne zu wissen, ob sie eine Verbündete vor sich habe. Sie habe nicht gewusst, ob ich zu ihr halte, sagt Branch, und mir dennoch Liebe erwiesen. Kirks Witwe habe geweint und an ihrem Armband gespielt. Branch und Jean Rivera trugen Kleidung mit dem Wort Freiheit aus Kirks Podcast, waren im Publikum gewesen, als die Schüsse fielen, und Rivera hatte gehofft, etwas über einen mutmaßlichen Bekennerzettel Robinsons zu hören. So klingt kein Publikum mehr, sondern eine Gemeinde, und der Saal, den das schwarze Plastik verhängt, ist ihr Heiligtum geworden.

Nach der Pause beschreibt Sergeant Jennifer Faumuina, damals beim Untersuchungsbüro, wie ein Repetiergewehr, in ein dunkles Handtuch geschlagen, im Wäldchen nahe dem Campus gefunden und, nachdem man es dokumentiert und verpackt hatte, über das FBI einem Labor der Waffenbehörde übergeben wurde. Ein Schraubendreher vom Dach des Losee-Gebäudes kam hinzu. Die DNA am Handtuch führe zu zwei Menschen, einer davon Robinsons Mitbewohner.
Auf Antrag der Verteidigung tritt vorgezogen Amanda Bakker auf, DNA-Analystin des FBI, von Michael Burt gerufen, während Faumuina später zurückkehren soll. Robinson sei als möglicher Mitverursacher der Spuren an Schraubendreher und Handtuch eingeschlossen; am dreizehnten September habe sie die örtlichen Ermittler unterrichtet. Die Weisung des Justizministeriums untersage ihr Worte wie absolute Identifizierung oder hinreichender Grad wissenschaftlicher Gewissheit, und sie dürfe nicht den Anschein erwecken, eine solche Untersuchung sei unfehlbar. Ein bemerkenswerter Satz in einem Raum, der nach Gewissheit dürstet: Die Wissenschaft, aufgerufen als härtester Zeuge, verbietet sich selbst die Sprache der Sicherheit. Eine gefundene Spur, sagt Bakker, bedeute nicht, dass der zugehörige Mensch den Gegenstand berührt habe. Gemische verschiedener Personen kämen vor, und wie lange eine Spur schon hafte, lasse sich nicht bestimmen; alle DNA zerfalle mit der Zeit. Am Schraubendreher, gefunden dort, wo der Schütze gelegen haben soll, sei ein solcher Zerfall messbar gewesen.
Burt fragt nach der Software, nach der Genauigkeit. Beide Proben hätten Nebenanteile unter zwanzig Prozent, und eine Studie habe gezeigt, dass die Auswertung bei so geringen Anteilen ungenauer werde. Bakker gibt es zu, hält aber dagegen, es seien insgesamt nur zwei Beitragende gewesen, was das Verfahren verlässlicher mache. McBride widerspricht der ganzen Linie: im Vorverfahren, in dem das Beweismaterial zugunsten des Staates zu lesen sei, gehöre das nicht her. Burt beharrt, der Richter müsse die Zuverlässigkeit wägen, zumal Bakker anfangs von drei Beitragenden ausgegangen sei. Graf heißt ihn, den Faden zu beenden. Vor der Nachmittagspause klärt sich, wie aus drei zwei wurden: Zunächst habe die Untersuchung auf mindestens zwei, womöglich drei Personen gedeutet; erst als Robinsons Mitbewohner eine Vergleichsprobe gab, habe sie neu gerechnet und alles zwei Menschen zugeordnet. So verschwindet ein Dritter, der nie einer war, aus dem Vorgang, wie die Gestalt auf dem Dach ihr Gesicht nie hergab.

Nach der Pause kehrt Bakker auf den Stand zurück, und der Saal füllt sich von neuem mit den Gläubigen. Julie Eastman aus Draper hatte sich um vier Uhr morgens angestellt, war die sechste in der Reihe und saß vor den Eltern und der Witwe, die zwischendurch geweint habe. Überall Sicherheit, sagt sie, überall jemand mit einer Waffe; im Saal auch Donald Trump junior, umringt von Leibwächtern des Secret Service. Sie könne noch immer nicht glauben, dass Kirk fort sei, sie liebe ihn noch immer. Trump junior selbst meldet sich im Netz: Kirk sei über ein Jahrzehnt einer seiner engsten Freunde gewesen, er habe erst die tatsächlichen Beweise sehen wollen, ehe er sich äußere. Der Satz gibt sich als Zurückhaltung und ist ihr Gegenteil, denn der Sohn des Präsidenten sitzt im Saal, flankiert von Bewaffneten, und formt aus dem Vorverfahren ein Bekenntnis, ehe der erste Geschworene berufen war.
Im Kreuzverhör lässt McBride die Analystin ihre Herkunft aufzählen: das akkreditierte Labor, die geschulten Prüferinnen, den geforderten Abschluss samt Sonderausbildung und wiederkehrender Eignungsprüfung, die Kontrolle durch eine unabhängige Stelle. Aller Zerfall der Proben sei ein üblicher Befund und habe ihre Genauigkeit nicht berührt; sie habe sich an Vorschrift und Ausbildung gehalten. Es ist der Auftritt der Institution, die ihre eigene Verlässlichkeit bezeugt, und niemand fragt, ob eine Stelle, die sich selbst prüft, damit schon geprüft sei.

Um dreizehn Uhr am Mittwoch werde man fortfahren, verkündet Graf, und der Saal leert sich. Robinsons Eltern verlassen das Gebäude, ein Wachmann hält für sie den Verkehr an, und die privaten Sicherheitsleute räumen das Feld. Zurück bleibt das schwarze Plastik im vierten Stock, der Vorhang eines Schreins, in dem sich zwei Schwellen aneinander messen: die niedrige, über die dieser Fall mühelos schreiten wird, und die hohe, unerreichbare, die jede Gewissheit meidet, sobald man sie beim Namen nennt. Simmel wusste, dass der Vorhang das Verborgene adelt. In Provo adelt er ein Verfahren, das seine eigene Ungewissheit hinter schwarzen Bahnen verwahrt und die Wartenden draußen glauben lässt, dahinter liege bereits das Urteil.
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