Es gibt Sätze, bei denen man kurz innehält und sich fragt, ob man das eben richtig gehört hat. Robert Jeffress, evangelikaler Pastor aus Dallas und seit Jahren einer der lautesten religiösen Stimmen im Trump-Lager, sagte bei Fox News, Donald Trump verstehe die Bibel besser als der Papst. Nicht augenzwinkernd, nicht in einer Talkshow-Pointe, sondern im vollen Ernst, mit der Selbstgewissheit eines Mannes, der seine eigene Megakirche mit über 14.000 Mitgliedern leitet und der schon 2017 die These vertrat, Trump habe von Gott das Recht erhalten, Kim Jong Un töten zu lassen.
Der Satz hatte einen Anlass. Außenminister Marco Rubio war kurz zuvor im Vatikan gewesen, hatte mit Papst Leo XIV. gesprochen, der den amerikanischen Krieg gegen Iran offen kritisierte und vor nuklearer Eskalation warnte. Daraufhin setzte Jeffress vor laufender Kamera an, nannte den Papst zwar einen guten Mann, erklärte ihn aber für theologisch fehlgeleitet. Trump dagegen, so Jeffress, verstehe sehr wohl, was die Bibel über die Rolle staatlicher Gewalt zu sagen habe.

Man muss diese Konstellation einen Moment auf sich wirken lassen. Ein Fernsehprediger aus Texas korrigiert öffentlich das geistliche Oberhaupt von über einer Milliarde Katholiken weltweit. Und er tut das nicht aus theologischer Auseinandersetzung heraus, sondern um einen Krieg zu rechtfertigen, den ein Präsident führt, der wahrscheinlich noch nie eine Bibelstelle korrekt zitiert hat, ohne dass jemand danebenstand und ihm half. Es ist nicht der Glaube, der hier spricht. Es ist die Loyalität.
Trump selbst hat den Streit mit Leo XIV. in den letzten Wochen weiter angeheizt. Der Papst sei schwach in Fragen der Kriminalität, schwach in der Außenpolitik, eine Stimme, auf die man nicht hören müsse. Leo XIV. wiederum hat sich nicht eingeschüchtert gezeigt, hat den Iran-Krieg verurteilt, den Umgang der amerikanischen Regierung mit Migranten kritisiert und gesagt, die Kirche müsse das Evangelium laut aussprechen, auch wenn Regierungen das nicht hören wollten. Zwei Männer, zwei Sprachen, zwei Welten. Der eine spricht von Frieden, der andere von Stärke. Der eine zitiert die Bergpredigt, der andere zitiert sich selbst.
Jeffress liefert dazu die theologische Tonspur. Bei Fox News formulierte er es fast wie ein Feldwebel. Aufgabe der Regierung sei es, die Bürger vor Übeltätern zu schützen. So einfach kann man eine Bombardierung machen, wenn man nur die richtigen Vokabeln wählt. Die Bergpredigt taucht in dieser Auslegung nicht auf. Sie würde stören.

Selbst unter konservativen Christen sorgt der Auftritt für Widerspruch. Im Netz tauchten Kommentare auf, die Jeffress vorwerfen, aus dem Glauben eine politische Hilfsdienstleistung gemacht zu haben. Manche sprechen offen von Personenkult. Andere, vorsichtiger, fragen nur, wann eigentlich aus Theologie Loyalität wurde, und ob es einen Punkt gab, an dem man hätte aussteigen können.
Diesen Punkt gab es. Er ist verstrichen. Was bleibt, ist ein evangelikales Amerika, in dem ein Pastor einen Präsidenten über einen Papst stellt, ein Präsident sich vergolden lässt und ein Krieg geführt wird, den der Vatikan eindeutig verurteilt. Wer in diesem Bild noch Christentum erkennen will, muss schon sehr genau hinsehen. Und sehr stark wegsehen können bei dem, was direkt daneben steht.
Die schlimmsten Götzen sind die, die man nicht mehr als solche erkennt, weil man sie täglich grüßt. In Dallas grüßt man Trump. Der Papst grüßt zurück mit einer Mahnung, die niemand hören will. Und irgendwo zwischen beiden steht ein Pastor mit einem Mikrofon und einem Satz, den man vor wenigen Jahren noch für eine Pointe gehalten hätte. Heute ist es eine Predigt. Und das ist, wenn man genau hinhört, die Geschichte.
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