Der Mann mit den goldenen Verlusten – Trump Media und die lange Geschichte vom Geschäft als Selbstinszenierung

VonRainer Hofmann

Mai 9, 2026

Donald Trump hat wieder einmal Zahlen vorgelegt, die man als gewöhnlicher Unternehmer kaum überleben würde. Trump Media and Technology Group, Betreiberin von Truth Social, meldete für das erste Quartal 2026 gerade einmal 871.200 Dollar Umsatz. Nicht Millionen. Nicht Milliarden. Weniger als eine Million Dollar. Gleichzeitig steht ein Nettoverlust von 405,9 Millionen Dollar in den Büchern. Man muss das langsam lesen, weil die Absurdität sonst zu schnell vorbeizieht: Ein börsennotiertes Unternehmen, verbunden mit dem amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten, macht in drei Monaten weniger Umsatz als ein gut laufender mittelständischer Betrieb und verbrennt dabei Hunderte Millionen Dollar.

Natürlich erklärt das Unternehmen, der Großteil des Verlustes bestehe aus nicht zahlungswirksamen Posten. Genannt werden unrealisierte Verluste auf digitale Vermögenswerte, verpfändete Digitalanlagen und Wertpapiere in Höhe von 368,7 Millionen Dollar, dazu aufgelaufene Zinsen, Aktienvergütungen und weitere bilanzielle Belastungen. Doch selbst wenn man diese technische Erklärung ernst nimmt, bleibt die politische und wirtschaftliche Pointe brutal. Ein Unternehmen, das mit der großen Erzählung von freier Rede, eigener Plattformmacht und angeblicher Unabhängigkeit von Big Tech verkauft wurde, steht operativ auf einer Umsatzbasis, die in keinem Verhältnis zur Marktbewertung steht.

Trump Media wird an der Nasdaq unter dem Symbol DJT gehandelt. Ende April hielt der Donald J. Trump Revocable Trust 114,75 Millionen Aktien und damit 41 Prozent der ausstehenden Anteile. Die Aktie liegt seit Jahresbeginn rund 35 Prozent im Minus, die Marktkapitalisierung beträgt trotzdem noch etwa 2,47 Milliarden Dollar. Genau darin liegt der eigentliche Skandal. Nicht nur im Verlust. Sondern darin, dass erneut ein Trump-Projekt an der Börse, im politischen Raum und bei Anhängern mit einem Wert aufgeladen wird, der mit der tatsächlichen Geschäftskraft kaum etwas zu tun hat.

Die Firma verweist auf Vermögenswerte von 2,2 Milliarden Dollar und finanzielle Anlagen von rund 2,1 Milliarden Dollar. Außerdem meldet sie das vierte Quartal in Folge mit positivem operativem Cashflow, zuletzt 17,9 Millionen Dollar. Das klingt auf den ersten Blick stabiler, als es der Umsatz vermuten lässt. Doch auch hier bleibt die Frage, was dieses Unternehmen eigentlich sein will: eine Medienplattform, ein Politisches Fanartikel-Unternehmen, ein Treueclub mit Quartalsverlusten ein Tech-Konzern, eine Börsenattrappe mit Goldrand oder die nächste große Trump-Wette auf den Glauben seiner Anhänger.

Der personelle Bruch passt dazu. Devin Nunes, früherer republikanischer Kongressabgeordneter und seit 2022 Chef von Trump Media, verließ das Unternehmen überraschend. An seine Stelle trat übergangsweise Kevin McGurn, der zuvor unter anderem bei Hulu, Vevo und T-Mobile tätig war. Die Botschaft des Unternehmens klingt dennoch wie immer: Truth Social bleibe eine Bastion der freien Rede, neue Verbesserungen seien geplant, Truth+ solle wachsen, die Plattformen seien „uncancellable“. Das ist die Sprache einer Firma, die sich weniger über Zahlen erklärt als über Kulturkampf.

Dabei steht Trump Media längst nicht mehr allein für Truth Social. Es gibt Truth+, eine Streamingplattform mit angeblich familienfreundlichen Inhalten. Es gibt Truth.Fi, eine Finanz- und Fintech-Marke mit America-First-Investmentprodukten. Es gibt den geplanten Zusammenschluss mit dem Fusionsunternehmen TAE Technologies in einem Aktiendeal von mehr als 6 Milliarden Dollar. Es gibt Überlegungen, nach Abschluss dieser Transaktion Teile des Geschäfts, darunter Truth Social, in eine neue börsennotierte Gesellschaft auszugliedern. Viel Bewegung, viele Schlagworte, viele Versprechen. Nur eines fehlt weiterhin in überzeugender Form: ein Kerngeschäft, das die Bewertung rechtfertigt.

Genau hier wird die Vergangenheit zur Gegenwart. Trump hat sein öffentliches Leben immer als Geschäftsmann verkauft, doch ein Blick auf seine Unternehmensgeschichte zeigt seit Jahrzehnten dasselbe Prinzip: großer Name, große Versprechen, schwere Verluste, juristische Konflikte, Banken, Investoren oder Kunden, die am Ende die Rechnung mittragen. Trump Airlines, damals Trump Shuttle, wurde 1989 für 365 Millionen Dollar übernommen, größtenteils fremdfinanziert. Die goldenen Beschläge und teuren Teppiche halfen nicht. 1992 ging das Geschäft unter dem Druck der Banken an US Airways.

Die Casinos erzählen dieselbe Geschichte noch lauter. Trump Taj Mahal, Trump Plaza, Trump Marina – alle wurden Teil einer Serie von Insolvenzen. Zwischen 1991 und 2009 meldete Trumps Casino-Imperium mehrfach Insolvenz an. Investoren verloren hohe Summen, Gläubiger mussten nachgeben, Trump selbst präsentierte das später als geschickte Nutzung des Systems. So wird aus Scheitern im Trump-Kosmos kein Warnzeichen, sondern angeblich Strategie.

Trump Mortgage war kaum weniger absurd. 2006 gegründet, kurz vor der Finanzkrise, mit der Ankündigung, daraus werde die größte Hypothekenfirma der Welt. Angeführt wurde sie von einem Mann ohne klassische Bankerfahrung. 2007 war das Projekt faktisch erledigt. Trump University endete in Klagen wegen Betrugsvorwürfen und einem Vergleich über 25 Millionen Dollar. Das Programm war keine anerkannte Universität, sondern ein teures Seminarprodukt, verkauft an Menschen, die an den Namen Trump glaubten.

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Dann kamen Trump Vodka, Trump Steaks, Trump Magazine, GoTrump.com, Trump Network mit Vitaminen im Mehrstufenvertrieb, diverse Hotelprojekte in Baku, Toronto und Panama, dazu die aufgelöste Trump Foundation, bei der ein Gericht illegale Selbstbereicherung feststellte. Immer wieder derselbe Ablauf: Name drauf, Glanz darüber, Zweifel darunter. Mal waren es Luxusflüge, mal Casinos, mal Steaks, mal ein Hochglanzmagazin, mal Wasserflaschen in den eigenen Hotels, mal Immobilienprojekte, mal eine angebliche Bildungsmarke. Der Name sollte Wert erzeugen, auch wenn das Produkt selbst oft schwach war.

Trump Media passt erschreckend gut in diese Reihe. Truth Social wurde nicht wegen seiner technischen Überlegenheit bekannt, sondern weil es Trumps Plattform war. Es war nie Facebook, nie X, nie YouTube, nie TikTok. Es war ein politisches Sammelbecken, ein Ort für Anhänger, ein Kanal für den Präsidenten und ein Symbol gegen jene Tech-Unternehmen, von denen Trump sich gedemütigt fühlte. Genau deshalb ist die Diskrepanz zwischen politischer Bedeutung und wirtschaftlicher Leistung so auffällig. 871.200 Dollar Umsatz in einem Quartal sind für ein Unternehmen mit Milliardenbewertung nicht Stärke, sondern eine Zumutung an jede normale Unternehmenslogik.

Dass der Aktienkurs trotzdem weiter eine erhebliche Bewertung trägt, sagt viel über den Zustand amerikanischer Politik und Märkte. Bei Trump verschwimmen Marke, Macht und Geld seit Jahrzehnten. Wer in DJT investiert, investiert nicht nur in eine Plattform, sondern in eine politische Figur. In Nähe. In Hoffnung. In Loyalität. In die Wette, dass Trumps Name wieder einmal ausreicht, um reale Zahlen zu überstrahlen.

Doch die Zahlen bleiben da. 405,9 Millionen Dollar Nettoverlust. 387,8 Millionen Dollar bereinigter EBITDA-Verlust. Weniger als eine Million Dollar Umsatz. Ein Kursminus von 35 Prozent seit Jahresbeginn. Ein Chefwechsel. Ein geplanter Riesendeal mit einem Fusionsunternehmen. Eine Plattform, deren öffentliche Bedeutung fast vollständig an eine Person gebunden ist. Das alles ist kein gewöhnlicher Geschäftsbericht. Es ist eine Fortsetzung jener Biografie, in der Trump immer wieder behauptete, Erfolg sei schon dadurch bewiesen, dass sein Name auf dem Gebäude, dem Produkt oder der Aktie steht.

Vielleicht ist genau das die beste Beschreibung von Trump Media. Es ist weniger ein Medienunternehmen als ein Denkmal für die alte Trump-Formel: Aufmerksamkeit als Kapital, Anhänger als Markt, Politik als Vertriebskanal und Verlust als Nebengeräusch. Nur dass diesmal nicht irgendein Casino in Atlantic City betroffen ist, sondern ein börsennotiertes Unternehmen, das mit dem Namen eines amtierenden US-Präsidenten handelt.

Das muss man als Präsident der Vereinigten Staaten erst einmal schaffen: ein Unternehmen mit weniger als einer Million Dollar Quartalsumsatz und mehr als 400 Millionen Dollar Verlust als Zukunftsprojekt verkaufen zu lassen – und trotzdem so zu tun, als sei es wieder einmal der Beweis unternehmerischer Größe.

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Anja Blum
Anja Blum
3 Minuten vor

Börsenattrappe, neues Wort für mich. Warum gibt es immer noch Investoren die diese Lügen glauben? Man muss sich doch nur mit der Vita auseinandersetzen dann verfehlt die Blendung ihre Wirkung vollends. So dumm kann niemand sein, sei die Gier nach Geld noch so groß

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