Ein Gewehr vor einem autistischen Kind, ein Elektroschocker auf der Straße: Wie Trumps Abschiebepolitik Familien zerreißt

VonTEAM KAIZEN BLOG

28. Oktober 2026

José Luis Arias kam aus Honduras in die Vereinigten Staaten, weil seine Tochter an Leukämie erkrankt war. Sie brauchte eine Stammzell- und Knochenmarktransplantation, die sie in ihrer Heimat nicht bekommen konnte. 14 Jahre lebte die Familie in Amerika. Dann erschienen ICE-Beamte in Airway Heights bei Spokane im Bundesstaat Washington. Arias’ 7-jähriger Enkel Mateo, ein autistischer Junge, musste zusehen, wie die Beamten seinen Großvater überwältigten. Arias rief seiner Tochter zu, sie solle Hilfe holen. Sie flehte die Beamten an, ihren Vater wenigstens nicht vor den Augen des Kindes festzunehmen. Nach Arias’ Schilderung richteten sie eine Schusswaffe auf ihn und legten ihm Handschellen an. Der Großvater wurde inzwischen nach Honduras abgeschoben. Seine Frau und seine drei Töchter blieben in Washington zurück.

José Luis Arias mit seiner an Leukämie verstorbenen Tochter

Das amerikanische Heimatschutzministerium erklärt, gegen Arias habe eine Abschiebungsanordnung vorgelegen; außerdem habe er eine kriminelle Vorgeschichte. Die Familie widerspricht und erklärt, die Festnahme habe mit einem noch anhängigen Einwanderungsverfahren zu tun gehabt, nicht mit einer Straftat. Recherchen bestätigen das. Es ist nicht die kleinste Straftat verzeichnet. Die Geschichte ihrer Einreise aus Honduras wegen der lebensnotwendigen Behandlung der Tochter war bereits 2021 öffentlich geworden. Was die Familie seitdem durchgemacht hat, macht den Zugriff noch bedrückender. Danna Arias, eine Tochter von José Luis, kam 2019 für eine Knochenmarktransplantation in die Vereinigten Staaten. Sie starb im Alter von 10 Jahren. Die Familie hatte bereits ein Kind begraben, bevor bewaffnete Beamte nun auch noch den Großvater aus ihrem Leben rissen.

Arias’ 7-jähriger Enkel Mateo, ein autistischer Junge, musste zusehen

Mateo nennt seinen Großvater „Papa“. Seit der Festnahme fragt der Junge immer wieder, wann er zurückkomme. Seine Großmutter berichtet, Mateo sei nachts weinend aufgewacht. „Oma, wann kommt Papa?“, frage er sie. Der Junge schläft inzwischen mit der Mütze, die Arias während seiner Festnahme verloren hat. Seine Großmutter erklärte, wie schmerzhaft es sei, ihn ständig nach dem Großvater fragen zu hören. Sie wollte ihre eigene Identität und die des Kindes aus Angst vor möglichen Repressalien schützen. Auch eine Tochter von Arias beschrieb ihre Verzweiflung während des Zugriffs. Sie habe am liebsten auf die Beamten losgehen und sie fragen wollen, warum sie derart gewalttätig seien. „Er ist das Oberhaupt unserer Familie, er beschützt uns“, sagte sie über ihren Vater. Noch am 22. Oktober wussten die Angehörigen nach eigenen Angaben nicht einmal, wo die Behörden ihn festhielten. Inzwischen erfolgte die Abschiebung nach Honduras. Jetzt bemühen wir uns alle, Arias wieder zurück in die USA zu holen, da die Abschiebung vollkommen zu Unrecht und aufgrund fehlerhafter Daten erfolgte. In der Vergangenheit hatte man damit immer wieder gute Erfolge.

Arias spricht von Honduras aus mit seiner Familie

Nun steht das Kind einer anderen Generation im Mittelpunkt. Ein 7-Jähriger sieht bewaffnete Männer seinen Großvater überwältigen, und für den Staat ist der Vorgang mit dem Vollzug einer Anordnung erledigt. Was von solchen Minuten in einem Kind zurückbleibt, steht in keiner Abschiebestatistik. Mateo hält nachts die Mütze seines Großvaters fest. Dass der Mann, den er Papa nennt, inzwischen in einem anderen Land lebt, kann ihm niemand mit einer behördlichen Verfügung erklären.

Arias’ 7-jähriger Enkel Mateo, ein autistischer Junge, musste zusehen

Am 26. Oktober, einem Montagmorgen, geriet in Hillcrest im Bundesstaat New York ein weiterer Mann auf der Mirror Lake Road in die Hände von ICE-Beamten. Eine Zeugin namens Arly berichtete, die Einsatzkräfte hätten zunächst einen Lastwagen im Blick gehabt. Dann hätten sie den Mann zu Boden gebracht, sein Gesicht auf den Beton gedrückt und ihre Beine auf seinen Brustkorb gepresst. Nach Angaben aus dem Rettungsfunk wurden Sanitäter gerufen, weil ein Elektroschocker eingesetzt worden war. Nachbarn waren erschrocken; Eltern ließen ihre Kinder aus Angst nicht in die Schulbusse steigen. Die Polizei von Ramapo erklärte, sie habe erst nach dem Einsatz davon erfahren und sei an der Festnahme nicht beteiligt gewesen. Inzwischen behauptet das Heimatschutzministerium, der Festgenommene stamme aus Ecuador und ihm würden zwei Fälle von Trunkenheit am Steuer vorgeworfen. Sein Name und die Namen der beteiligten Beamten wurden bislang auf Wunsch der Familie nicht veröffentlicht. Die Straße blieb zurück, die Anwohner mit den Bildern.

Elmer Eduardo Velásquez

Für Elmer Eduardo Velásquez aus Honduras ging die Gefahr nach der Abschiebung weiter. Er berichtet, Mitglieder der kriminellen Vereinigung Los Zetas hätten ihn in Mexiko entführt und ungefähr einen Monat festgehalten. Sie hätten versucht, ihn zur Mitarbeit zu zwingen. In Nuevo Laredo sei ihm die Flucht gelungen. Eine Frau, mit der er unterwegs gewesen sei, befinde sich weiterhin in der Gewalt der Entführer. Seine Schilderung macht deutlich, wie wenig das Wort Rückführung über das Leben nach einer Abschiebung erzählt. Was Menschen nach ihrer Abschiebung erwartet, erleben wir seit Wochen bei unseren Recherchen in Mexiko. Immer wieder sind wir vor Ort, besonders im Süden des Landes, um Menschen zu helfen, die nach ihrer Abschiebung in lebensgefährlichen Situationen zurückgelassen werden. Wie gefährlich gerade diese Region ist, haben wir bereits mehrfach dokumentiert. Kriminelle Banden entführen Menschen, erpressen ihre Angehörigen und zwingen ihre Opfer unter Gewaltandrohung zur Mitarbeit. Wer Menschen dorthin abschiebt, weiß, welchen Gefahren er sie aussetzt. Für die amerikanischen Behörden ist der Fall mit der Abschiebung erledigt. Für die Familien beginnt die verzweifelte Suche nach Angehörigen, die auf ihrem Weg verschwunden sind und von denen niemand weiß, ob sie überhaupt noch leben.

Lesen Sie auch unseren Artikel: Investigative Recherche: Ein Bus nach Mexiko, ein verlorener Pass und 427 alte Menschen: Wie Amerika Menschen aus ihrem Leben schafft

Will man solche Bilder auch in Europa sehen?

Unsere Arbeit türmt sich. Die Berichte über immer brutalere Zugriffe reißen nicht ab, und hinter jedem Vorgang stehen Angehörige, die Hilfe brauchen. Genau diese Bilder verdienen in Deutschland Aufmerksamkeit, wenn die AfD ihre Vorstellungen einer weitreichenden Abschiebepolitik verbreitet. Hier lässt sich betrachten, wohin eine Politik führen kann, die Menschen zunehmend als Gegenstand staatlicher Härte behandelt. Deutschland ist auf vergleichbare Eskalationen weder mit ausreichend belastbaren Unterstützungsnetzwerken noch mit schnell greifenden juristischen Möglichkeiten vorbereitet, um Betroffenen sofort beizustehen und rechtswidrige Festsetzungen anzugreifen. Politische Forderungen lassen sich auf Plakate drucken. Die Schreie einer Tochter, die verhindern will, dass ihr Kind die Festnahme des Großvaters erlebt, passen auf keines.

Fortsetzung folgt …

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