Ein Mann ist am Freitagabend im Yellowstone-Nationalpark schwer verletzt worden, nachdem ihn ein wütender Bison-Bulle rund 2,4 Meter durch die Luft geschleudert hat. Der Vorfall ereignete sich auf dem Bridge-Bay-Campingplatz südlich der Fishing Bridge und wurde vom Berufsfotografen Mike MacLeod aus Bozeman, Montana, gefilmt. MacLeod, der eigenen Angaben zufolge früher als Kriegsfotograf für die US-Armee im Einsatz war, wollte nach eigener Aussage lediglich dramatisches Bildmaterial von einem aufgebrachten Bison einfangen. Genau dieser Satz verdient Aufmerksamkeit, denn er offenbart eine Haltung, die längst zum Grundzug des amerikanischen Nationalparktourismus geworden ist: die Nähe zur Gefahr als Rohstoff für gute Aufnahmen, während die Distanzregel, mindestens 91 Meter zu wildlebenden Bisons, zur bloßen Empfehlung verkommt.

Seine Frau hatte den Bullen zuerst entdeckt, als dieser den Campingplatz betrat. Der Bison lief zunächst auf eine Gruppe Kinder zu, die aus sicherer Entfernung mit ihren Mobiltelefonen fotografierten, und griff sie kurz an, bevor alle unverletzt entkommen konnten. Anschließend wälzte sich das Tier in einer Staubkuhle, kurzzeitig beruhigt.
Genau in diesem Moment näherten sich der spätere Verletzte und sein Enkel, ohne vom vorherigen Zwischenfall zu wissen. Sie hielten jenen Abstand ein, den selbst die Nationalparkverwaltung als sicher bezeichnen würde, gut 91 Meter, und blieben stehen, um Fotos zu machen, während der Bison ruhig im Staub lag. Als sich das Tier erhob, zog sich das Paar hinter eine Baumgruppe zurück.
Dann tauchte ein weißer Pickup auf. Aus Gründen, die niemand kennt, geriet der Bison erneut in Rage und griff das Fahrzeug an. Der Fahrer fuhr unbehelligt weiter, während der Bison seine Aggression auf einen jungen Baum und schließlich auf die beiden Menschen hinter den Bäumen richtete. Der Enkel konnte entkommen, sein Großvater nicht.
Nach MacLeods Schilderung hakte der Bison den älteren Mann mit dem linken Horn an der Hüfte, schleuderte ihn durch die Luft und ließ ihn auf der Seite landen, aus einer Höhe, die angesichts der Größe des mindestens 1,80 Meter hohen Tieres beträchtlich gewesen sein muss. Statt zu fliehen, stellte sich der Bison über den Mann und schüttelte drohend den Kopf. MacLeod legte die Kamera weg, rannte schreiend auf das Tier zu und versuchte, sich so groß und bedrohlich wie möglich zu machen. Andere Umstehende folgten seinem Beispiel, bis der Bison floh. Mehrere Menschen kümmerten sich um den Verletzten, hielten seine Hand, sicherten die Umgebung, verständigten den Notruf und suchten vergeblich nach äußeren Wunden. Der Rettungsdienst des Parks traf kurz darauf ein. Laut dem Enkel erlitt der Großvater erhebliche Verletzungen, vor allem an Hüfte und Bein, sein Zustand blieb zuletzt ernst.

Der Nationalparkdienst äußerte sich bislang nicht zu dem Vorfall, dem zweiten dieser Art im Jahr 2026, nachdem am 26. Juni bereits ein 12-jähriges Kind nahe dem Mud Volcano verletzt worden war. Dieses Schweigen fügt sich in eine Praxis, die man aus vielen amerikanischen Behörden kennt: Zwischenfälle werden dokumentiert, selten öffentlich eingeordnet.
Biologisch lässt sich die Aggression erklären. Von Juni bis September befinden sich Bison-Bullen in der jährlichen Paarungszeit, in der sie um Dominanz und Weibchen konkurrieren und dabei erhebliche Energie und Angriffslust freisetzen. Arthur Schopenhauer nannte jene blinde, zwecklose Kraft, die alle Lebewesen unabhängig von Vernunft und Absicht antreibt, den Willen, eine Macht, die weder Schuld noch Ziel kennt, sondern sich entlädt, wo sie auf Widerstand trifft. Genau das beschreibt MacLeod, ohne es philosophisch zu benennen, wenn er sagt, dass niemand an jenem Abend etwas falsch gemacht habe und dennoch ausgerechnet diese zwei Menschen getroffen wurden, während zahlreiche andere Besucher näher am Tier standen.
Übrig bleibt eine Szene ohne Schuldigen im menschlichen Sinne, aber mit einer Lehre, die weit über Yellowstone hinausreicht. Nähe zur Gefahr lässt sich filmen, dokumentieren und kommentieren, beherrschen lässt sie sich nicht.
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