Die Festnahme im Nachthemd – und der Streit, der sie möglich machte

VonRainer Hofmann

April 17, 2026

Marie-Thérèse Ross-Mahé ist wieder in Frankreich. Sechzehn Tage hat die 85-Jährige in amerikanischer Einwanderungshaft verbracht, bevor sie am Freitag nach Paris zurückkehrt. Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot sagt bei der Bekanntgabe, es habe in diesem Fall Gewalthandlungen gegeben, die die französische Regierung beunruhigt hätten. Für ihn zählt vor allem, dass sie wieder zu Hause ist.

Am Flughafen Charles de Gaulle warten ihre drei erwachsenen Kinder. Ihre Mutter kommt in der Kleidung an, die sie in der Haft getragen hat. Orangefarbene Schuhe, Jogginghose, grauer Pullover. Alles verschmutzt, teilweise beschädigt. Einer ihrer Söhne beschreibt sie als körperlich geschockt und innerlich erschöpft nach den Tagen in Haft.

Ross-Mahé ist französische Staatsbürgerin. Sie war im vergangenen Jahr in die USA gezogen, nach Anniston im Bundesstaat Alabama. Dort hatte sie Bill Ross geheiratet, einen ehemaligen amerikanischen Soldaten. Kennengelernt hatten sie sich in den 1950er-Jahren als Jugendliche auf einer NATO-Basis in Westfrankreich. Über Jahrzehnte hielten sie Kontakt. Nach dem Tod ihrer jeweiligen Partner fanden sie wieder zueinander, besuchten sich in Frankreich und den USA und entschieden sich schließlich zu heiraten.

Nach der Hochzeit begann Ross-Mahé den regulären Einwanderungsprozess.

Im Januar stirbt Bill Ross überraschend im Alter von 85 Jahren. Er hinterlässt kein Testament. Zurück bleiben ein Haus im Wert von rund 173.000 Dollar, zwei Autos und ein Bankkonto mit etwa 1.500 Dollar. Kurz darauf eskaliert ein Streit zwischen Ross-Mahé und den beiden Söhnen ihres Mannes.

Am Morgen des 1. April holen US-Einwanderungsbeamte die 85-Jährige aus ihrem Haus. Sie trägt ein Nachthemd, einen Bademantel und Unterwäsche. Sie wird in ein Abschiebezentrum nach Louisiana gebracht, Hunderte Kilometer entfernt.

Die Nachlassrichterin Shirley A. Millwood hält später fest, dass einer der Söhne, Tony Ross, offenbar bereits einen Tag vor der Festnahme von den Behörden informiert worden war. Weniger als eine Stunde nach der Festnahme erhält er eine Nachricht, die den Vollzug bestätigt. Zwei Stunden später fährt sein Bruder Gary Ross zum Haus des Vaters und tauscht die Schlösser aus.

Beide Männer und der Anwalt äußern sich nicht öffentlich.

Millwood schreibt in ihrer Entscheidung, die Recherchen ergeben hatten, dass die Brüder die Post an die Adresse ihres Vaters gezielt umgeleitet hätten, um zu verhindern, dass Ross-Mahé ihre Schreiben erhält. Dadurch erreicht sie keine Post mehr zu ihrem Einwanderungsverfahren. Sie verpasst eine Anhörung bei den Behörden. Gleichzeitig werfen sich beide Seiten gegenseitig vor, Vermögenswerte verborgen oder entfernt zu haben.

Die Richterin lehnt den Antrag der Söhne ab, selbst die Verwaltung des Nachlasses zu übernehmen. Stattdessen setzt sie einen unabhängigen Verwalter ein und ordnet an, dass die Schlüssel zum Haus herausgegeben werden müssen. Zudem fordert sie die Bundesregierung auf, den Ablauf zu untersuchen, der zur Festnahme geführt hat.

ICE und das Heimatschutzministerium äußern sich zunächst nicht zu dem Fall.

Ross-Mahé sitzt währenddessen in Haft. Ohne Zugang zu ihren Unterlagen, ohne Möglichkeit, ihr Verfahren aktiv zu begleiten. Sechzehn Tage später kehrt sie nach Frankreich zurück.

Ein Fall, in dem ein Erbstreit, staatliches Handeln und fehlende Kontrolle ineinandergreifen. Und eine 85-Jährige, die mittendrin steht.

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Anja
Anja
2 Tage vor

Es ist wie in der Nazi Zeit. Denunziation um des eigenen Vorteils Willen. Und dass ICE auf eine Denunziation sofort anspringt zeigt, dass der Rechtsstaat nicht mehr funktioniert.

Ela Gatto
Ela Gatto
1 Tag vor

Leider ist die Greencard bei Heirat an den Ehegatten gebunden.
Stirbt dieser oder lässt sich scheiden, erlischt die Greencard.

Einbürgerungsprozesse dauern und kosten Geld.

Ross-Mahé befindet sich in diesem Prozess.

Geldgierige Söhne sorgen dafür, dass sie keine Chance hat.

16 Tage Haft.
Ohne Zugang zu Anwälten oder ihrer Familie.
Keine Information an die französische Botschaft.
Haft für eine 85 jährige, ohne Prozess und rechtlichen Beistand.

Das sind die „worst of the worse“ die Trump abschieben lässt.🤬🤬🤬

Alte Frauen, Kinder… die Abschiebungsmaschinerie läuft und läuft.
Konsequenzen?
Quasi Keine.

Ich bin froh, dass Ross-Mahé wieder in Frankreich, in Sicherheit ist.
Hoffentlich ohne physischen Schaden.
Psychisch wird dieses Traumata sie für den Rest ihres Lebens verfolgen… zu der Trauer um ihren Mann.

Möge der Blitz diese gierigen Söhne treffen!
Der Vater dreht sich wahrscheinlich im Grabe um.

Eine von so vielen Schicksalen, ausgelöst durch Trump und seine Gestapo ICE.

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