Es gibt eine Formulierung in der Pressemitteilung vom Donnerstag, die den ganzen Vorgang bereits enthält, und sie stammt nicht von einem Kritiker, sondern vom Unternehmen selbst. Man wolle die eigenen Vermögenswerte zu Geld machen, sagte Kevin McGurn, der Vorstandschef von Trump Media & Technology. Der Vermögenswert, um den es geht, ist die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten.
Truth PSI heißt der Dienst, und was er anbietet, lässt sich in einem Satz erklären. Handelshäuser und Institutionen der Wall Street sollen bestimmte Beiträge der ranghöchsten Konten auf Truth Social sehen, bevor alle anderen sie sehen, und aus den Kursbewegungen, die daraufhin einsetzen, ihren Gewinn ziehen. Auf Aktien und Anleihen, dazu auf Zinsen. Die Zielgruppe sind jene Hochfrequenzhändler, deren gesamtes Geschäftsmodell darin besteht, schneller auf Nachrichten zu reagieren als der Rest des Marktes, und bei denen wenige Tausendstelsekunden über Gewinn oder Verlust entscheiden. Der Start ist für den kommenden Monat angekündigt. Was das kostet, teilte das Unternehmen nicht mit. Dass es bereits Kunden gebe, teilte es mit.
Bleibt die Frage, wessen Beiträge das sein werden. Ranghöchste Konten, heißt es in der Mitteilung, und das ranghöchste Konto auf dieser Plattform gehört dem Präsidenten. 12,9 Millionen Menschen folgen ihm dort, mehr als jedem anderen. Auf die schriftliche Frage, ob seine Beiträge von dem Angebot ausgenommen seien, hat das Unternehmen nicht geantwortet. Man darf diese Antwort als Antwort lesen.

Weshalb Millisekunden Geld wert sind, hat der Präsident in den vergangenen 18 Monaten mehrfach vorgeführt. Am 2. April 2025 schrieb er, in Amerika sei Befreiungstag, Stunden bevor er seine Zölle im Rosengarten förmlich verkündete. Die Aktienkurse fielen daraufhin binnen weniger Stunden um beinahe 5 %, während Gold und amerikanische Staatsanleihen stiegen. Wenige Tage später kehrte er die Sache um und setzte die Zölle für 90 Tage aus, wieder auf Truth Social, diesmal mit dem Hinweis in Großbuchstaben, dies sei ein großartiger Zeitpunkt zum Kaufen. Die Kurse stiegen an jenem Tag um 9,5 % und schufen, gemessen am Index der 500 größten amerikanischen Unternehmen, 4 Billionen Dollar an Anlegervermögen. Am 24. Juni 2025 teilte er in Versalien mit, der Waffenstillstand mit dem Iran sei nun in Kraft und möge bitte nicht gebrochen werden. Der Ölpreis stürzte augenblicklich.
Personalentscheidungen laufen über dieses Konto, ebenso die Verschärfungen im Umgang mit Einwanderern. Auch Krieg und Frieden in der Ukraine und im Iran werden dort verhandelt, in Großbuchstaben. Keine andere Plattform der Welt verfügt über einen solchen Zugang zu einem Staatsoberhaupt, und Banken wie Händler werden dafür bezahlen müssen.
Bis zu diesem Donnerstag galt eine Regel, die so selbstverständlich war, dass sie kaum je aufgeschrieben wurde: Was ein Präsident ankündigt, gehört allen, es ist kostenlos, und es erreicht alle im selben Augenblick. Genau diese Regel wird nun eingezäunt und parzelliert. Adam Smith, der Hausheilige jener Ökonomen, die sich heute über jede Regulierung beschweren, hat 1776 notiert, dass Angehörige desselben Gewerbes selten zusammenkommen, ohne dass das Gespräch in einer Verschwörung gegen die Allgemeinheit endet. Er hatte dabei Kaufleute im Sinn, die sich in Hinterzimmern über Preise verständigen. Er konnte nicht ahnen, dass eines Tages der Staat selbst am Tisch sitzen und die Verschwörung als Abonnement anbieten würde.

Die Fachleute für Regierungsethik haben entsprechend deutlich reagiert. Es sei widerwärtig, den Zugang an die Meistbietenden der Wall Street zu verkaufen, sagte Dylan Hedler-Gaudette von der Organisation Project on Government Oversight, denn alles, was dieser Mann sage, habe Auswirkungen auf die Märkte. Von noch dreisterer Korruption sprach Kathleen Clark, Professorin an der juristischen Fakultät der Washington University und Fachfrau für die Ethikregeln der Regierung. Trump könne sich die eigenen Taschen füllen, indem er Zugang verkaufe.
Nun kommt die Stelle, an der es unangenehm wird. Es ist erlaubt. Die amerikanischen Bestimmungen zum Interessenkonflikt würden es jedem Regierungsbeamten verbieten, ein Unternehmen zu besitzen, das aus seinem Amt Gewinn zieht, indem es Zugang zu seinen Entscheidungen verkauft. Der Präsident und sein Stellvertreter sind von dieser Vorschrift ausgenommen. Es ist eine Lücke, die seit Jahrzehnten offensteht, und bis zu diesem Präsidenten hat sie niemand betreten. Alle seine Vorgänger haben sich verhalten, als gelte die Regel auch für sie. Sie verkauften ihre Einzelaktien oder trennten sich von Beteiligungen. Andere legten ihr Vermögen in einen blinden Treuhandfonds, damit sie während ihrer Amtszeit gar nicht wussten, was in ihrem Namen gekauft und verkauft wurde. Trump hat sich geweigert.
Was in jedem anderen Zusammenhang den Namen Insiderhandel trüge, heißt hier Geschäftsmodell
Der Unterschied zum Strafrecht ist eine Frage der Rollenverteilung. Ein gewöhnlicher Insider stiehlt eine Information, die einem Unternehmen gehört, und handelt damit. Hier erzeugt derselbe Mann die Information, besitzt die Plattform, auf der sie erscheint, verkauft den zeitlichen Vorsprung darauf und verdient an dem Unternehmen, das ihn verkauft. Es fehlt keine Zutat. Es fehlt nur das Gesetz.
Zu alldem schweigen die Beteiligten in bemerkenswerter Abstimmung. Das Weiße Haus verwies die Fragen, auch jene nach dem Verdienen am eigenen Amt, an das Unternehmen. Mehrere Anfragen an dieses Unternehmen blieben unbeantwortet. Die Trump Organization, die Firma der Familie, wollte sich nicht äußern. Der Präsident selbst hat wiederholt bestritten, dass zwischen seiner Pflicht, im öffentlichen Interesse zu handeln, und der Gelegenheit, an der Präsidentschaft zu verdienen, irgendein Widerspruch bestehe. Aus dem Weißen Haus hieß es früher, er tue ausschließlich das, was dem Land nutze, und sei in die Geschäfte der Familie nicht eingebunden.
Der Grund für die Eile ist im Kursverlauf nachzulesen. Die Aktie von Trump Media hat seit dem Amtsantritt des Präsidenten mehr als 70 % verloren. Das Unternehmen hat sich in Kryptowährungen versucht und in Finanzdienstleistungen, zuletzt sogar in der Fusionsenergie, ohne dass irgendetwas davon geholfen hätte. Der langjährige Vorstandschef Devin Nunes, früher Abgeordneter im Kongress, wurde durch McGurn ersetzt, und der Kurs sank weiter. Am Donnerstag, auf die Nachricht hin, stieg er um 0,6 %, am Freitag noch um die Hälfte davon, auf 9,66 Dollar. Vor dem Amtsantritt schloss dieselbe Aktie bei 40 Dollar.
Es ist der erste Milliardär im Amt des Präsidenten, und er hat ein Geschäft gefunden, das nur er betreiben kann. Die Ware ist seine eigene Entscheidung. Der Preis richtet sich nach der Millisekunde. Und wer nicht zahlt, erfährt es eben später.
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