Der Kongress bremst, der Präsident drängt – Trumps Grönland-Politik treibt Washington an den Rand

VonRainer Hofmann

Januar 19, 2026

In Washington wächst die Nervosität. Nicht, weil neue Informationen auf dem Tisch liegen, sondern weil der Präsident unbeirrt an einer Idee festhält, die viele in beiden Parteien für brandgefährlich halten. Donald Trumps Drohungen, die Kontrolle über Grönland zu übernehmen, haben im Kongress eine ungewöhnliche Dynamik ausgelöst: Republikaner und Demokraten versuchen gleichermaßen, Schaden zu begrenzen, ohne den offenen Bruch mit dem Präsidenten zu riskieren. In den vergangenen Tagen häuften sich die Signale des Widerstands. Abgeordnete hielten Reden über die Bedeutung der NATO, brachten Gesetzesentwürfe ein, die einen Angriff auf Dänemark ausschließen sollen, und reisten nach Kopenhagen, um dort Vertrauen wiederherzustellen. Es ging darum, die Lage zu beruhigen, die Eskalation einzufangen, Zeit zu gewinnen. Doch während der Kongress bremst, beschleunigt der Präsident.

Trump beharrt darauf, die arktische Insel übernehmen zu wollen. Immer wieder. Öffentlich. Unmissverständlich. Für viele in Washington ist das der eigentliche Bruchpunkt. Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten das Territorium eines NATO-Partners infrage stellt, dann wird aus Rhetorik eine strategische Bedrohung. Und genau so wird es inzwischen wahrgenommen – im Kongress, in Europa, bei Verbündeten weltweit. Ein demokratischer Senator bringt es nüchtern auf den Punkt: Wenn die militärisch stärkste Nation der Erde dein Gebiet immer wieder offen bedroht, dann nimmst du das irgendwann ernst. Genau deshalb reisten Abgeordnete beider Parteien nach Dänemark. Sie wollten die Temperatur senken, militärische Kooperationen im arktischen Raum besprechen und vor allem klarstellen, dass Trumps Kurs nicht automatisch der Kurs des amerikanischen Parlaments ist.

Doch der Präsident setzt andere Akzente. Am Samstag kündigte er an, ab Februar einen zehnprozentigen Strafzoll auf Waren aus acht europäischen Ländern zu erheben – als Reaktion auf deren Ablehnung seiner Grönland-Pläne. In sozialen Netzwerken begründete er das mit modernen Waffensystemen und der Notwendigkeit, Gebiete zu erwerben. Für viele Abgeordnete ist das eine neue Eskalationsstufe. Führende Republikaner haben zwar deutlich gemacht, dass ein gewaltsames Vorgehen gegen Grönland für sie nicht infrage kommt. Gleichzeitig vermeiden sie es auffällig, den Präsidenten frontal zu kritisieren. Stattdessen äußern sie sich indirekt, sprechen von schlechten wirtschaftlichen Folgen, von fehlender Unterstützung im Senat, von Optionen, für die es schlicht keine Mehrheit gibt. Das Muster ist klar: Distanzierung ohne offene Konfrontation.

Ein früherer Mehrheitsführer der Republikaner warnte offen, ein Versuch, Grönland zu besetzen, würde das Vertrauen der Verbündeten zerstören und Trumps Vermächtnis mit einer außenpolitischen Katastrophe belasten. Solche Worte sind in der eigenen Partei ungewöhnlich scharf. Sie zeigen, wie ernst die Lage inzwischen eingeschätzt wird.

Gleichzeitig verweisen Abgeordnete beider Parteien auf einen offensichtlichen Weg, amerikanische Interessen zu sichern, ohne das Bündnis mit Dänemark zu zerreißen. In Gesprächen mit der dänischen Regierung ging es um Rohstoffe, um militärische Zusammenarbeit, um Sicherheit in der Arktis. Die dänische Seite stellte dabei klar, dass es keine Belege für russische oder chinesische Aktivitäten auf Grönland gibt – ein zentrales Argument, mit dem Trump seine Forderungen begründet. Trotzdem hat seine Rhetorik in Europa Spuren hinterlassen. Mehrere Länder haben Truppen nach Grönland entsandt, um Dänemark zu unterstützen. Aus Sicht mancher Senatoren ist das ein fatales Signal: Verbündete müssen Ressourcen verlagern, um sich gegen einen möglichen Partner zu schützen. Eine Dynamik, die autoritären Gegnern in die Hände spielt und das westliche Bündnis schwächt.

Im Kongress wird nun über rechtliche Hebel diskutiert. Gesetzesentwürfe sollen verhindern, dass Gelder des Verteidigungsministeriums für Angriffe oder Besetzungen von NATO-Territorium ohne Zustimmung verwendet werden. Andere Abgeordnete denken darüber nach, Trumps Zölle gesetzlich auszuhebeln. Doch die Hürden sind hoch. Selbst wenn solche Vorhaben den Senat passieren, müssten sie im Repräsentantenhaus bestehen oder ein präsidiales Veto überstehen. Auch Instrumente aus dem Bereich der Kriegsvollmachten stehen wieder auf der Tagesordnung. Sie sollen den Präsidenten zwingen, vor militärischen Aktionen die Zustimmung des Kongresses einzuholen. In der Vergangenheit haben solche Initiativen zumindest dazu geführt, dass das Weiße Haus Briefings liefern und Zusagen machen musste. Doch die republikanische Führung hat zuletzt argumentiert, solche Resolutionen seien hinfällig, solange keine US-Truppen vor Ort seien. Ein Argument, das künftig als Ausweichroute dienen könnte.

Einige Republikaner gehen weiter und sprechen offen aus, was andere nur andeuten. Ein Abgeordneter erklärte, eine Invasion Grönlands würde unweigerlich ein Amtsenthebungsverfahren nach sich ziehen – und er würde sich dem nicht verschließen. Andere kritisieren nicht nur den Präsidenten, sondern gezielt dessen Beraterkreis, dem sie vorwerfen, die Idee einer erzwungenen Gebietsübernahme aktiv voranzutreiben. Worte wie „jenseits jeder Vernunft“ fallen, ungewöhnlich deutlich für parteiinterne Kritik. Was bleibt, ist ein politisches Patt. Der Kongress versucht, Leitplanken einzuziehen, ohne den offenen Bruch zu riskieren. Der Präsident ignoriert diese Warnzeichen und setzt auf Druck, Drohungen und wirtschaftliche Strafmaßnahmen. Ob die parlamentarischen Gegenkräfte ausreichen, um Trumps Grönland-Kurs tatsächlich zu stoppen, ist offen.

Sicher ist nur eines: Die Debatte hat längst eine Schwelle überschritten. Sie stellt nicht nur die Zukunft Grönlands infrage, sondern das Selbstverständnis der Vereinigten Staaten als Bündnispartner. Und genau deshalb wird dieser Konflikt nicht leise enden.

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