Donald Trump wollte gerade verschwinden, als ihm ein Reporter noch eine Frage hinterherrief: „Wie fühlt es sich an, zu verlieren?“ Der Präsident ging weiter. Keine Antwort, kein wütender Vortrag über angeblich gestohlene Stimmen. Vor dem Weißen Haus hatte er am Freitag, dem 6. November, gerade versucht, die Entlassung seiner Stabschefin Susie Wiles zu erklären. Nun war das Gespräch beendet. Die Republikaner haben beide Kammern des Kongresses verloren, und ausgerechnet ein Mann, der sein öffentliches Leben auf die Verehrung des Siegens gegründet hat, muss sich von einem Journalisten nach dem Gefühl einer Niederlage fragen lassen. Eine kurze Szene. Die Frage blieb auf dem Weg zum Präsidentenhubschrauber zurück.
Zuvor hatte Trump seine Entscheidung verteidigt, Wiles durch Stephen Miller zu ersetzen. „Ich wollte etwas verändern“, erklärte er. Noch vor der Wahl hatte er Berichte über die bevorstehende Ablösung seiner als „Eisjungfrau“ bekannten Stabschefin zurückgewiesen. Nun sprach er davon, dass man im Leben eben manchmal Veränderungen vornehmen müsse. Die Frau, die seine Rückkehr ins Weiße Haus organisiert hatte, verliert ihren Posten. Der Präsident verliert darüber kaum ein freundliches Wort. Politische Verantwortung scheint in seiner Umgebung eine merkwürdige Eigenschaft zu besitzen: Sie findet ihren Besitzer bevorzugt unter jenen, die gerade entlassen werden.
Dann begann Trump über Iran zu sprechen. „Wir haben Iran besiegt. Wir kommen mit Iran sehr gut zurecht, wir sprechen mit Iran, das haben wir bereits getan. Wir haben seit sieben Monaten keinen Soldaten verloren, oder seit sechs Monaten.“ Noch im Juli hatte Trump an der Trauerfeier für vier amerikanische Soldaten teilgenommen, die bei iranischen Angriffen im Nahen Osten getötet worden waren. Bis Oktober waren nach den vorliegenden Berichten 23 amerikanische Soldaten infolge des Krieges gestorben. Zugleich standen Vorwürfe im Raum, seine Regierung verschleiere die tatsächlichen Opferzahlen. Trumps zeitliche Angaben und die dokumentierten Todesfälle passen kaum zusammen. Für die Angehörigen dürfte ohnehin wenig Trost darin liegen, dass ihr Präsident bereits vom Sieg spricht.
Der Krieg, den Trump für gewonnen erklärt, hat seine politische Gefolgschaft tief gespalten. Die Wähler haben den Republikanern eine schwere Niederlage zugefügt. Und Trump redet vor laufenden Kameras über notwendige Personalwechsel, als ließe sich das Urteil einer Wahl durch das Auswechseln einiger Mitarbeiter erledigen. Dann folgt jene Frage, die keine militärische Erfolgsmeldung beantworten kann. „Wie fühlt es sich an, zu verlieren?“ Trump dreht sich nicht um. Seine Schritte führen weiter zum Hubschrauber.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English