Ein Menschenfreund namens Putin: Wie Trumps Gesandter den Kreml lobt und drei ukrainische Organisationen Washington die Toten vor Augen führen

VonTEAM KAIZEN BLOG

31. Oktober 2026

Auf einer Zeitungsseite liegen zwei Hände ineinander. Sie gehören einer Mutter und ihrem Kind, gefunden unter den Trümmern eines Wohnhauses in der ukrainischen Stadt Saporischschja. Darüber steht ein Satz, der in seiner Höflichkeit kaum grausamer wirken könnte: „Sie sind ein Menschenfreund, mein Herr. Ich bewundere das und spreche Ihnen meine Anerkennung aus.“ Die Worte stammen von Steve Witkoff, dem Sondergesandten des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Gerichtet waren sie an Wladimir Putin. Am 29. Oktober 2026 erschien diese Gegenüberstellung als ganzseitige bezahlte Anzeige in der konservativen New York Post. Ein Kompliment aus dem Kreml, darunter die Hände der Toten. Mehr brauchten die Verfasser kaum, um ihre Anklage sichtbar zu machen.

Hinter der Anzeige stehen Razom for Ukraine, die American Coalition for Ukraine und Nova Ukraine. Die 3 ukrainisch-amerikanischen Organisationen bezahlten für die Veröffentlichung und richteten eine unmissverständliche Forderung an Washington: „Setzt Russland unter Druck, nicht die Ukraine.“ Die Wahl der Zeitung war bewusst. Ausgerechnet dort, wo viele konservative Amerikaner ihre Nachrichten lesen, sollte das Lob eines Vertreters der Trump-Regierung für den russischen Präsidenten neben dem erscheinen, was dessen Armee in der Ukraine hinterlässt. Die Redaktion der Zeitung machte sich die Forderung damit nicht zu eigen. Auf der Seite stand ausdrücklich, dass es sich um eine bezahlte Anzeige handelt.

Die Vorgeschichte führt zum 21. Oktober nach Sankt Petersburg. Witkoff traf Putin im Konstantinpalast in Strelna, nachdem Russland den amerikanischen Staatsbürger Stephen Hubbard freigelassen hatte. Der ehemalige Lehrer, 74 Jahre alt, saß seit 2022 in russischer Haft. Ein Moskauer Gericht hatte ihn wegen angeblicher Söldnertätigkeit für die Ukraine zu 6 Jahren und 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Seine Familie und sein Anwalt bestritten die Vorwürfe. Trump hatte sich persönlich für seine Freilassung eingesetzt. Putin kam der Forderung nach, und Hubbard konnte nach mehr als 4 Jahren Gefangenschaft in die Vereinigten Staaten zurückkehren.

Witkoff bedankte sich überschwänglich. Putin spreche häufig davon, dass Präsident Trump ein Menschenfreund sei. Auch Putin sei ein Menschenfreund, erklärte der amerikanische Gesandte, und dafür bewundere er ihn. Er sprach seine Anerkennung aus und dankte erneut. Die Freilassung eines Gefangenen wurde zum Anlass, den Mann zu ehren, unter dessen Herrschaft dieser überhaupt erst jahrelang eingesperrt gewesen war.

In Washington lösten diese Worte parteiübergreifend Kritik aus. Selbst republikanische Senatoren wie Thom Tillis und John Cornyn widersprachen Witkoffs Beschreibung. Der russische Präsident führt seit Februar 2022 einen großangelegten Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der Internationale Strafgerichtshof hat einen Haftbefehl gegen ihn wegen der rechtswidrigen Verschleppung ukrainischer Kinder erlassen. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden seit Beginn der Invasion mehr als 17.500 Zivilisten nachweislich getötet. Die tatsächliche Zahl dürfte erheblich höher liegen.

Die Anzeige erinnerte an den russischen Angriff auf ein Wohngebäude in Saporischschja vom 10. Oktober. Ihre Verfasser verwendeten die zunächst gemeldete Zahl von 17 Todesopfern. Später bezifferten ukrainische Behörden die Zahl der Getöteten auf 20, darunter Kinder. Ein russischer Gleitbombenangriff hatte Teile des Gebäudes zerstört. Unter den Trümmern wurden eine Mutter und ihr Kind gefunden, deren Hände noch ineinanderlagen. Während Witkoff in Sankt Petersburg über Menschlichkeit sprach, mussten ukrainische Familien ihre Angehörigen aus zerstörten Häusern bergen.

Der Empfang im Kreml fand außerdem in einer Phase statt, in der sich Washingtons Verhältnis zu Kiew erheblich verschlechtert hatte. Bereits am 20. Oktober hatte Witkoff in Oslo mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gesprochen. An den Beratungen nahmen auch Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre und Finnlands Präsident Alexander Stubb teil. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner war zugeschaltet. Selenskyj versuchte, die amerikanische Unterstützung wieder zu festigen. Kiew hatte zuvor über ausgebliebene Frühwarnungen vor russischen Raketenangriffen und Einschränkungen bei der satellitengestützten Kommunikation geklagt.

Besonders schwer wog der Streit über Patriot-Abfangraketen, die europäische Staaten für die Ukraine bezahlten. Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte jüngste ukrainische Anforderungen noch nicht genehmigt. Außenminister Marco Rubio räumte ein, dass eine Lieferung möglicherweise ausgeblieben sei, bestritt jedoch eine gezielte politische Anweisung zur Schwächung der Ukraine. Auch die Nutzung des satellitengestützten Systems Starshield war eingeschränkt worden. Nach Angaben von Personen mit Kenntnis der Vorgänge kam die entsprechende Anweisung aus dem Weißen Haus. Selenskyj erklärte am 25. Oktober, die amerikanischen Warnungen vor ballistischen Angriffen funktionierten inzwischen wieder vollständig. Auch die Leistungsfähigkeit von Starshield sei wiederhergestellt worden.

Während ukrainische Städte weiter bombardiert wurden, lockerte Trump Beschränkungen für russischen Dieselkraftstoff. Washington vereinbarte den Kauf von 300.000 Tonnen russischen Diesels, um die amerikanischen Energiepreise zu senken. Hinzu kam ein weitreichender Verzicht auf neue Sanktionen. Diese Entscheidungen stießen selbst im amerikanischen Kongress auf Widerstand. Trump erklärte unterdessen, Russland habe sich in der Ukraine durchaus vernünftig verhalten. Selenskyj behindere dagegen die Verhandlungen. Die Ukraine müsse endlich bereit sein, den Krieg zu beenden.

In Sankt Petersburg verhandelten Witkoff und Putin über mögliche weitere Gespräche. Mit am Tisch saßen Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow und der russische Unterhändler Kirill Dmitrijew. Kushner nahm auch hier per Video teil. Putin erklärte sich grundsätzlich bereit, die Gespräche mit Washington und Kiew fortzusetzen. Dabei solle es insbesondere um eine künftige Sicherheitsordnung nach dem Krieg gehen. Witkoff bezeichnete den Austausch als konstruktiv. Eine Einigung über das Ende der russischen Invasion lag weiterhin nicht vor.

Am 29. Oktober antworteten die drei Organisationen mit ihrer Anzeige. Das Wort „Menschenfreund“ stand nun über einem Foto ukrainischer Opfer. Die Botschaft erreichte damit gerade das Publikum, das Trumps Annäherung an Putin politisch am ehesten begegnen sollte. Washington kann über Friedensverhandlungen sprechen, Sanktionen aussetzen und russischen Diesel kaufen. Die Verantwortung für die bombardierten Häuser verschwindet dadurch nicht. In Saporischschja hielten sich eine Mutter und ihr Kind noch an den Händen, als die Helfer sie fanden. In Sankt Petersburg reichte Putin eine Gefangenenfreilassung, um vom Gesandten des amerikanischen Präsidenten als Menschenfreund geehrt zu werden.

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