Die schlimmsten Dinge beginnen oft in Kontoren, an Schreibtischen, an denen niemand die Stimme hebt. Auch dieses hier begann so. Am 31. August 2026 trug das Amtsgericht Stendal unter HRB 38068 die „Institut für Remigration Martin Sellner (NGO) UG (haftungsbeschränkt)“ ins Handelsregister ein. Gesellschaftsrechtlicher Sitz ist Magdeburg, die Geschäftsanschrift liegt in Chemnitz. Geschäftsführer ist Martin Sellner. Der Gesellschaftsvertrag datiert bereits vom 20. Mai 2026. Von einem bloßen Vorhaben kann keine Rede mehr sein. Das Institut existiert. Nach den vorliegenden Angaben ist Philipp Huemer beteiligt, früher Leiter der Wiener Landesgruppe der Identitären Bewegung. Sellner braucht für „Remigration“ kein Schlagwort mehr. Er hat eine Firma. Etwas Trostloses liegt in solchen Einträgen, in der Geduld, mit der ein Register alles aufnimmt, was man ihm vorlegt. Das Harmlose und das Ungeheure stehen dort in derselben Schrift.

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Während in Mecklenburg-Vorpommern noch ein „Dialog auf Augenhöhe“ mit der AfD verlangt wird, entsteht hier die Verwaltung der Vertreibung. Genau davor haben wir in unserem Artikel „Erst wählen lassen, dann das Programm lesen: Wenn Journalismus seine Arbeit nach der Wahl entdeckt“ gewarnt. Für Sachsen-Anhalt liegt bereits ein Strategiepapier vor. Das Land soll nach Sellners Vorstellung zum „Remigrationsmusterland“ werden. Der Sitz seines Instituts liegt in Magdeburg, der Hauptstadt eben dieses Landes. Das Büro steht also dort, wo der Plan umgesetzt werden soll. Vorgesehen seien ein eigenes „Landesamt für Remigration“ und eine härtere Abschiebepraxis. Bestehende Duldungen sollen überprüft werden. Dann zieht das Papier seinen Kreis weiter. Menschen ohne gesicherten Aufenthalt sind nur der Anfang. Als mögliche Zielgruppe nennt es auch Ausländer mit rechtmäßigem Aufenthalt. Danach jene, die es „nicht assimiliert“ nennt. Jede Ausgrenzung beginnt mit einer Liste, und jede Liste neigt dazu, länger zu werden. Der Flüchtlingsrat warnt, das Papier erfasse sogar Deutsche mit Migrationsgeschichte, obwohl diese rechtlich gar nicht abgeschoben werden können. Irgendwann hört ein Wort auf, bloß ein Wort zu sein. Den Augenblick bemerkt man selten, er gleicht jenem, in dem die Dämmerung zur Nacht wird. Hier lässt er sich beobachten. Aus einer Parole wird Behördensprache, und Menschen, die gestern noch Nachbarn waren, werden in ihr zu Fällen.

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Auf seiner Website tritt das Institut bereits als bestehender „Knotenpunkt“ auf und wirbt um Unterstützung. Im Aufbau sind nur noch einzelne operative Teile, und Sellner zählt sie selbst auf. Er schreibt von einem internationalen Netz aus Fachleuten und Juristen, Wissenschaftler sollen dazukommen. Geplant seien Studien, dazu weitere Papiere. Rechte Denkfabriken aus mehreren Ländern seien eingebunden. Über Wien und Sachsen-Anhalt solle ein internationales Stipendiensystem entstehen. Ein demografisches Datenportal soll „Bevölkerungsaustausch“ darstellen und den Zeitpunkt markieren, ab dem es nach seiner Rechnung kein Zurück mehr gebe. Ein weiteres Papier zur Remigration in Deutschland sei in Arbeit. Eine eigene Redaktion solle Dossiers für europäische Länder erstellen. Das Netzwerk werde weiter ausgebaut. Das alles hat die Ordnung eines Hauptbuchs, Spalte neben Spalte, sorgfältig geführt. In diesen Spalten sollen einmal Menschen stehen.

Die Vorstellung, hier tage bloß ein weltfremder Gelehrtenzirkel, hält einen einzigen Satz nicht aus. Sein Institut habe Kontakt zum „Remigrationsflügel“ in fast allen wichtigen europäischen Rechtsparteien, behauptet Sellner. Über die AfD jubelt er: „Genial! So viele AfD-Politiker folgen dem Trend von Trump und bekennen sich 2026 zur Remigration.“ Den amerikanischen Präsidenten holt Sellner selbst ins Bild. Niemand muss ihm diese Verbindung unterschieben. Er legt sie selbst auf den Tisch, mit dem Stolz eines Mannes, der endlich Gesellschaft gefunden hat.
Dann ruft er Namen auf, wie man sie beim Appell aufruft. Lena Kotré. Matthias Helferich. Franz Schmid und René Aust werden markiert, weitere folgen. Ein Name, einmal aufgerufen, gehört nicht mehr ganz sich selbst. Seine Anhänger sollen mehr Bilder posten oder Politiker markieren, „die mitmachen sollten“. Die Kampagne gegen seine Remigrationsidee seit Anfang 2024 erklärt Sellner für gescheitert. Man habe versucht, die AfD „geistig zu kastrieren, zu entkernen und zu spalten“, so seine Darstellung. Hauptangriffspunkte seien Migrationspolitik und Remigration gewesen. Sein Urteil passt in zwei Wörter: „Mission gescheitert.“

So redet kein Bittsteller vor der Tür der Macht. Sellner sieht sich selbst als Mann, dessen Idee in eine aufsteigende Partei hineingewachsen sei. Darum wiegt der „Trend von Trump“ so schwer. Er lobt AfD-Politiker für ihr Bekenntnis und drückt dieser Entwicklung ein amerikanisches Siegel auf. In einem anderen Beitrag fragt er seine Anhänger: „Seid ihr eher auf der Seite von Maduro oder Trump?“ So schmilzt die Welt auf zwei Porträts an einer Wand. Eine Welt mit nur zwei Seiten hat keinen Ort mehr für den, der zweifelt. Zurück bleibt Gefolgschaft.
Für 2026 fordert Sellner eine „allgemeine Wehrpflicht im Infokrieg für Redefreiheit und Remigration“. Eine „Generalmobilmachung der schweigenden Mehrheit“ müsse beginnen. Er zählt mehr als 15 Millionen AfD-Wähler und mehr als 2,5 Millionen FPÖ-Wähler auf, als meldete er Truppenstärken. Der soziale Druck sei so schwach wie nie. Dann die Frage: „Worauf wartet ihr?“ Sprache mobilisiert zuerst die Wörter. Die Menschen folgen später. In diesem Vokabular wird der Wahlzettel zum Einberufungsbescheid. Die Frage klingt, als würde sie über einen leeren Hof gerufen, auf dem noch niemand angetreten ist und doch schon alle erwartet werden.
Scheitert die Remigration, liegt ein „Plan B“ in der Schublade. In seinem Buch „Strategie der Sammlung“ fragt Sellner, wie viel Zeit noch bleibe und wann die Schwelle erreicht sei, hinter der nichts mehr umkehrbar ist. Die Alternative heißt bei ihm „Reconquista“. Berlin sei „NICHT gefallen“. Den politischen Kurs der Hauptstadt nennt er „islamomarxistisch“. Muslime hätten nach seiner Darstellung 57 Länder in ihrer „Umma“. Seine Adressaten hätten nur Berlin, und das sollten sie sich zurückholen. Eine Stadt ist ein Gespräch zwischen Fremden, das seit Jahrhunderten andauert. Sellner will es beenden. Wo Menschen morgens zur Arbeit fahren und abends ihre Kinder ins Bett bringen, sieht er Beute.

Wien, 12. September 2026, der Kahlenberg. Unten liegt die Stadt, oben wird Geschichte zum Kostüm. Die rechtsextreme Veranstaltung trägt den Titel „Helden von Wien! Gedenkveranstaltung zur zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683“. Sellner hält eine Rede. Währenddessen stellen Vertreter der Identitären eine mitgebrachte Skulptur des polnischen Königs Jan III. Sobieski auf. Danach schreibt Sellner: „Wir werden nicht ruhen, bis Sobieski auf dem Kahlenberg steht und Wien wieder Wien ist.“ Heute sei Wien „islamisiert“. Als Hauptgegner bezeichnet er die eigenen „verräterischen Politiker“. Sie müssten aus ihren Ämtern entfernt werden, damit Remigration beginnen könne. An anderer Stelle heißt es: „Geteilt gehen wir unter, vereint werden wir siegen und unsere Heimat zurückerobern!“ 343 Jahre nach der Schlacht wird ein König als Skulptur auf den Berg getragen, um ihn gegen die eigenen Nachbarn in Stellung zu bringen. Die Toten von damals können sich nicht wehren. Man leiht sich ihre Gesichter und schickt sie noch einmal ins Feld. Diese Sprache schmückt nichts. Sie zeigt, wie Sellner Politik denkt, nämlich als Feldzug. „Wehrpflicht“ und „Generalmobilmachung“. Dazu „Reconquista“ und die Schlacht von 1683. Hinter diesen Wörtern steht jetzt ein Institut. Raten muss niemand, wofür es gebaut wurde. Den Zweck hat sein Gründer selbst ausgeschrieben, Begriff für Begriff.

Dresden, 20. Januar 2026. Station einer Lesereise, der Abend heißt „Martin Sellner in Dresden: Gibt es einen patriotischen Frühling?“ Einlass 18 Uhr, Beginn 19 Uhr. Den genauen Ort erfuhren die Käufer erst per E-Mail. Der Veranstalter führt den Termin inzwischen ausdrücklich unter den vergangenen Veranstaltungen. Im Rückblick fügt sich dieser Abend nahtlos in die Struktur, die Sellner heute offen beschreibt. Sein Büro habe am „SaveEuropeAct“ mitgearbeitet. Für die deutsche Gesellschaft werde derzeit ein Konto erstritten. Mehr Geld solle schnelleres Wachstum ermöglichen. Ein Konto ist der Augenblick, in dem ein Traum beschließt zu bleiben.
Und die AfD? Zwischen ihr und Sellner soll eine Wand stehen. Sie hat Risse. Sellner und Ulrich Siegmund nahmen 2023 am Potsdamer Treffen zur „Remigration“ teil. Offiziell führt die AfD die Identitäre Bewegung auf ihrer Unvereinbarkeitsliste. Lena Kotré trat 2026 trotzdem mit Sellner auf. Maximilian Märkl, Sprecher der Identitären Bewegung, war zugleich AfD-Mitglied und verließ die Partei erst im Februar 2026, nachdem das öffentlich geworden war. In Sellners eigenem Beitrag werden AfD-Politiker für ihr Bekenntnis zu seiner politischen Leitidee gefeiert. Distanz, die nur auf dem Papier existiert, ist die höflichste Form der Nähe.

Zurück zum Kommentar-Artikel von Sulamith Hensen. Nach der Wahl forderte sie einen „Dialog auf Augenhöhe“ mit der AfD. Begründet hat sie ihn mit langen Arztwegen und schwacher Infrastruktur, dazu mit niedrigeren Löhnen und weniger Arbeitsplätzen. Wir hatten gezeigt, dass das AfD-Regierungsprogramm Remigration enthält, dazu Rückführungspolitik und Abschiebungshaft. Eine vertiefte Prüfung dieses Programms war in ihren öffentlich auffindbaren Wahlbeiträgen vorher nicht zu erkennen. Jetzt steht neben dieser Forderung ein „Institut für Remigration“. Es entwirft Verwaltungsideen und beansprucht politische Kontakte. Sein Gründer verknüpft es ausdrücklich mit AfD-Politikern und mit dem, was er den „Trend von Trump“ nennt. Damit wird der Ruf nach Augenhöhe noch fahrlässiger. Arztwege und Busverbindungen bleiben reale Sorgen, und sie verschwinden durch nichts davon. Den politischen Inhalt des Gesprächspartners dürfen sie trotzdem nicht verdecken. Augenhöhe verlangt, dass beide Seiten im anderen einen Menschen sehen. Ein Amt, das Menschen sortieren will, kennt diese Höhe nicht.

Mit AfD-Wählern reden? Selbstverständlich. Ihre Probleme untersuchen? Pflicht. Einen besonderen politischen Dialog mit der Partei daraus herzuleiten, während Sellner öffentlich einen Remigrationsapparat errichtet und AfD-Politiker dafür feiert, diesem Kurs zu folgen, bleibt journalistisch fahrlässig.
Sellner wartet nicht mehr darauf, dass jemand seine Begriffe übernimmt. Er gründet dafür Institutionen. Aus dem Wort wurde ein Büro, aus dem Büro soll ein Landesamt werden. Registereintrag und Strategiepapier liegen offen auf dem Tisch. Die Namensliste liegt gleich daneben. Man sagt, das Unheil komme unangekündigt. Dieses hier hat sich ins Register eintragen lassen, mit Sitz und Geschäftsadresse. Die Demokratie kennt also seine Anschrift. Ob sie dort vorspricht, bevor aus dem Büro ein Amt geworden ist, liegt jetzt bei ihr.

Wir wissen, wovon wir sprechen. Wir haben ICE gesehen. Wir haben dokumentiert, was passiert, wenn Abschiebung von 75% unschuldigen Menschen zur zentralen Staatsaufgabe wird. Wenn Behörden nicht mehr abwägen, sondern jagen. Wenn Menschen verschwinden, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Wenn selbst Staatsbürger nicht mehr sicher sind, weil Papiere, Hautfarbe oder Akzent genügen. Was in Deutschland noch langsam wächst, ist in den USA längst Realität. Und sie ist brutal.

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Deutschland ist kein großes Land. Es ist etwa so groß wie der Bundesstaat Montana. Deutschland ist dicht und vollständig erfassbar. Ein System wie ICE hätte hier andere, schnellere, tiefere Folgen. Mehr Kontrolle. Mehr Angst. Mehr Willkür. Wer glaubt, das betreffe nur wenige, irrt. Solche Systeme wachsen. Sie brauchen Ziele. Und sie finden sie. Was sich hier formiert, ist kein einzelner Vorschlag, sondern ein Gesamtbild. Bevölkerung reduzieren. Staatsapparate abbauen, außer dort, wo Zwang ausgeübt wird. Staatsbürgerschaft selektieren. Abschiebung militarisieren. Wer das zusammendenkt, erkennt die Richtung.
Es braucht jetzt Mut. Und es braucht Unterstützung. Für Journalismus, der hinschaut. Für Dokumentation, die sich nicht einschüchtern lässt. Für Menschen, die verstehen, dass jeder Abgrund am Rand beginnt. Wir sprechen nicht aus Vermutung. Wir sprechen aus Erfahrung. Wir haben dem bereits in die Augen gesehen.
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