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Der ruhige Nachbar bleibt ruhig, bis ihm jemand die Höflichkeit als Schwäche auslegt. In Washington hat man diesen Punkt überschritten, und ein Land, das seine Gelassenheit lange für eine Tugend hielt, entdeckt gerade die Freude am Trotz. Die Sanftmut der Kanadier hat nie Weichheit bedeutet. Sie war Geduld, und Geduld läuft irgendwann aus.

„WIR BRAUCHEN KANADA NICHT, SIE BRAUCHEN UNS!“, schrieb US-Präsident Donald Trump in dieser Woche. Am Montag hatte er angekündigt, die Zölle auf kanadische Autos und Autoteile vom 1. Januar an auf 50 Prozent zu heben. Kurz zuvor waren bereits neue Abgaben von 50 Prozent auf Waren im Wert von 20 Milliarden Dollar wirksam geworden. Ottawa antwortete am Dienstag mit Vergeltung, Dollar für Dollar.

Doug Ford

Manchem im Land klingt das noch zu zahm. Ontarios Premierminister Doug Ford, ein alter Widersacher des Präsidenten und Herr über eine Provinz, die der Zollhagel besonders hart trifft, sprach aus, was viele dachten: „Was mich betrifft, kann er mich am Arsch lecken.“ Ford hat gedroht, die Wasserkraft aus Ontario abzustellen, die Millionen amerikanische Haushalte mit Strom versorgt. Und er rechnet bereits laut vor: „Wir sollten ihm das Dreifache für Öl berechnen, das Dreifache für Kali, für unser Uran, unsere Metalle und Seltenen Erden.“ Industrieministerin Mélanie Joly ließ durchblicken, dass die Regierung ihre stärksten Karten noch zurückhalte. „Alles liegt auf dem Tisch“, sagte sie. „Aber man spielt nicht alle Karten schon in der ersten Runde aus. Wir haben Möglichkeiten.“

Wie schwer dieses Blatt wiegt, führt Jason Kenney vor, der frühere Regierungschef der ölreichen Provinz Alberta. Er brachte Exportsteuern auf jene 4 Millionen Barrel Rohöl ins Gespräch, die täglich nach Süden fließen und die größte Volkswirtschaft der Welt am Laufen halten. Jedes Barrel, das Ottawa verteuern könnte, meldet sich früher oder später an den Zapfsäulen des Südens. Es wäre töricht, so Kenney, dieses Druckmittel schon dadurch aus der Hand zu geben, dass man Trump vorsorglich davor warne. Der Griff danach wäre eine „sehr starke wirtschaftliche Botschaft“. Die Abhängigkeit spricht seine Sprache: Rund 80 Prozent des eingeführten Kalis beziehen die Amerikaner aus Kanada. Beim importierten Rohöl sind es 2 Drittel, beim Erdgas beinahe die gesamte Menge. Der Riese lebt vom Wohlwollen des kleineren Nachbarn, ohne es gern zuzugeben.

Seit 18 Monaten treffen aus Washington immer neue Angriffe ein, auf die Souveränität des Landes und auf seine Wirtschaft. Das Gebiet selbst haben Trumps Drohungen längst mitgemeint. Die Ausfälle reichen so weit, dass selbst Abgeordnete seiner eigenen Republikanischen Partei den Umgang mit dem ältesten Verbündeten öffentlich rügen. Premierminister Mark Carney, dessen Handelsgespräche mit Washington am Wochenende zusammenbrachen, wählte das schärfste Wort: „Man befindet sich im Krieg, wenn man angegriffen wird, und wir wurden angegriffen.“ Nachgeben komme bei einem Präsidenten nicht in Frage, dessen Unterschrift, wie er sagte, mit Bleistift geschrieben sei. Das Weiße Haus legte nach und verbreitete Bilder, welche die überlegene wirtschaftliche Wucht der Vereinigten Staaten vorführen sollen. Daraus wurde ein Schlagabtausch der Spottbilder, den beide Seiten mit sichtlichem Vergnügen betreiben. Macht, die sich in Bildern vorführen muss, gesteht damit ein, dass die bloßen Ziffern nicht mehr für sich sprechen. Zwischen Zolltabellen und Karikaturen wird der Handelskrieg zum Zeitvertreib mit ernstem Boden.

Dass Carney das „schlechte Abkommen“ aus Washington zurückwies, obwohl die kleinere kanadische Wirtschaft den Preis dafür trägt, traf einen wunden Punkt im Selbstbild der Nation. Ein Volk, das sich über das Überstehen harter Winter versteht, erkennt sich in der eigenen Härte wieder. Stolz hat seinen Preis, und dieses Land wirkt bereit, ihn zu zahlen, solange es die Rechnung selbst aufstellt. Bob Rae, einst Botschafter Kanadas bei den Vereinten Nationen, sagte es ohne Umschweife: „Amerikanischer Protektionismus bedeutet in Wahrheit die Zerstörung Kanadas. Keine kanadische Regierung könnte das jemals akzeptieren.“

Der Zorn reicht bis in die Reihen der Prominenz. Die Schriftstellerin Margaret Atwood zeigt ihn offen, der Komiker Mike Myers ebenso. Der Rocksänger Neil Young ruft die Amerikaner auf, sich gegen das Weiße Haus zu erheben. Selbst Conrad Black, der tief gefallene Zeitungsverleger, den Trump im Mai 2019 begnadigte, nachdem Black wegen Betrugs mehr als 3 Jahre im Gefängnis gesessen hatte, zürnt seinem einstigen Wohltäter. Kanada sei historisch kein besonders angriffslustiges Land gewesen, schrieb Black, weshalb der Präsident es fälschlich für nachgiebig halte. Er werde sich täuschen.

Carneys Härte ist kühles Rechnen und trägt zugleich eine breite Welle des Zorns. Nach einer Umfrage des Angus Reid Institute vom Sonntag stützen 76 Prozent der Befragten seinen Abbruch der Gespräche. 2 Drittel erwarten, dass Kanada trotz aller Schäden gestärkt aus dem Streit hervorgehe. Joly brachte die Gemütslage auf den Punkt: „Die Kanadier sind wütend. Die Kanadier sind auch besorgt. Aber die Kanadier sind außerordentlich stolz.“

Den Ton hatte Carney schon bei seinem ersten Besuch im Weißen Haus im Mai vergangenen Jahres gesetzt: „Kanada steht nicht zum Verkauf.“ Trump witzelte damals, er habe dem Kanadier zum Wahlsieg verholfen. Dabei lebte dessen Wahlkampf gerade vom Widerstand gegen den Süden, unter dem Ruf „Elbows up“, entlehnt dem ruppigen Körperspiel im Eishockey. Der Ruf klang nach Sportplatz und meinte doch den Ernstfall einer Volkswirtschaft, die neben der amerikanischen klein aussieht. Manche Kritiker im Land warnen freilich, der hochgereckte Ellbogen verwechsle Gefühl mit Strategie, und Vergeltung sei gegenüber einer solchen Übermacht noch keine Verhandlungsmacht.

Der Trotz schafft nebenbei Wohlstand. Der Inlandstourismus blüht, und das Bekenntnis zur eigenen Ware, jenes „Buy Canadian“ aus Ottawa, das Washington in den Gesprächen gern getilgt gesehen hätte, trägt sogar einen leichten wirtschaftlichen Schub bei und mildert einen Teil der Zolllast. Der Groll sucht sich zudem andere Wege. Fast 260.000 Menschen fordern nach Angaben einer Online-Petition die Ausweisung des US-Botschafters Pete Hoekstra, der Trumps Drohung vom „51. US-Bundesstaat“ öffentlich wiederholt hatte. Eine zweite Petition, die dem SpaceX-Eigentümer Elon Musk den kanadischen Pass entziehen möchte, zählt nach eigener Angabe fast 377.000 Unterschriften.

„Wir werden keiner Nation erlauben, unsere Zukunft zu bestimmen“, sagte Carney am Wochenende. „Wir werden unseren eigenen Weg gehen und Kanada für alle weiter stärken.“ Der höfliche Nachbar hat die Rechnung noch nicht gestellt. Er sortiert bislang nur die Posten.

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