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Er nennt es „Verarsche“, nur zeigt der Finger auf Verschwörungstheoretiker Peter Hahne

VonTEAM KAIZEN BLOG

25. August 2026

Am letzten Sonntag stand Peter Hahne auf dem Greifswalder Marktplatz und fragte: „Sind wir noch zu retten?“ Nach diesem Nachmittag ließe sich die Frage umdrehen. Wie weit darf ein Redner von den überprüfbaren Tatsachen abrücken, ehe sein Publikum aufhört zu klatschen?

Peter Hahne

Vor dem Redner zählten wir ungefähr 170 Menschen, auf der Gegenseite etwa 140. Die Polizei sprach später von bis zu 600 Personen in der Spitze und von bis zu 200 bei der angemeldeten Gegenversammlung. Diese 600 decken sich mit dem Bild auf dem Markt nicht, und die Mitteilung erklärt auch nicht, wie die Zahl zustande kam. Nach dem Ende der Gegenversammlung ließ die Polizei zusätzlich eine Spontanversammlung mit zeitweise rund 150 Personen zu.

Bedenklich viele Menschen glaubten den Unsinn von Hahne

Der Aufwand war für so wenige Menschen auffällig groß. Ketten trennten die Lager, Fahrzeuge dienten als Sperren. Gegen 16 Uhr wurde eine 37-jährige Frau unter unmittelbarem Zwang aus der Spontanversammlung entfernt und später in Unterbindungsgewahrsam gebracht, was die Polizei selbst bestätigt. Gegen 17:35 Uhr beobachteten wir eine zweite Abführung vor der Volksbank am Ende des Platzes, die in der veröffentlichten Bilanz nicht auftaucht. Dennoch erklärte die Polizei hinterher, der weit überwiegende Teil aller Versammlungen sei friedlich verlaufen und ein störungsfreier Ablauf sei jederzeit gewährleistet gewesen.

Das zählt, weil Hahne seinem Publikum ein anderes Gefühl gab. Er dankte der Polizei und erzählte, er und seine Zuhörer hätten Angst gehabt, von der Gegendemonstration angegriffen zu werden. Geradezu lächerlich. Wir standen dort und sahen keinen Angriff, und auch die Polizei berichtet von keinem. Protest gab es, Rufe, Transparente, zwei Lager, die sich gegenüberstanden. Daraus eine drohende Attacke zu machen, war der Vorgeschmack auf alles Weitere: Ein wirkliches Geschehen bekam so lange ein Stück Angst zugelegt, bis es in die Geschichte passte.

Schon die äußeren Umstände mussten dafür herhalten. Die Stadt Greifswald hatte der Veranstaltung nach Hahnes Angaben keinen Strom zur Verfügung gestellt, weshalb er einem Sponsor für einen Dieselgenerator dankte. Kurz darauf erklärte er, man werde die Menschen mit dem Wort „Klimawandel“ „verarschen“. Das Wort gehörte zu seinen liebsten, und es wurde schwer zu übersehen, wer auf diesem Markt gerade wen verarschte. Man hätte die Szene für Satire halten können, sie war keine.

9 von 10 Waldbränden, behauptete Hahne, gingen auf Brandstiftung zurück. Die amtlichen Zahlen sagen etwas ganz anderes. 2025 wurden in Deutschland 1.175 Waldbrände erfasst. Bei rund 46 Prozent blieb die Ursache ungeklärt, rund 27 Prozent gingen auf Fahrlässigkeit zurück. Knapp jeder fünfte Brand wurde vermutlich vorsätzlich gelegt, nicht 9 von 10, nicht annähernd. Das Umweltbundesamt betont zudem, der Mensch sei zwar oft die unmittelbare Zündquelle, doch Klima und Witterung entschieden darüber, wie brandgefährdet ein Wald sei und wie ein Feuer sich ausbreite. Hitze und Dürre verschwinden nicht aus der Rechnung, nur weil ein Mensch das Streichholz hält. Ausgerechnet dieser Mann warf anderen beim Klima die „Verarsche“ vor. Die Ironie musste man nicht mehr suchen.

Hahne behauptete außerdem, Millionen Frauen hätten wegen der Corona-Impfung Fehlgeburten erlitten. Diese Geschichte ist seit Jahren widerlegt, sie beruht auf einer falschen Deutung einer Untersuchung des Centers for Disease Control and Prevention, und ein Faktencheck bestätigte das nach dem Greifswalder Auftritt erneut. Dann waren die Bäckereien dran. „Es gab 55.000 Bäckereien, davon sind 5.600 übrig geblieben“, rief er. Das wirkt nur verheerend, solange man verschweigt, dass die rund 55.000 Betriebe aus den 1960er Jahren in Westdeutschland stammen. 2025 zählte der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks noch 8.659 Betriebe. Zwischen seiner Ausgangszahl und heute liegt ein halbes Jahrhundert, das er in einen Satz vom nahen Untergang presste.

Auch Kliniken und Pflegeheime mussten dienen. Alte und Kranke lägen dort ohne Klimaanlage, behauptete Hahne. Dass viele Häuser bei Hitze ein ernstes Problem haben, trifft zu, die absolute Behauptung nicht: Rund ein Drittel der Krankenhäuser verfügt über klimatisierte Zimmer. Ein echter Missstand wurde wieder aufgeblasen, bis nur das gewünschte Bild übrig blieb. Dann kam das Hochwasser. Eine Überschwemmung von 1428 sei schlimmer gewesen als die Flut im Ahrtal 2021, sagte Hahne nach unserer Beobachtung. Für eine große Ahrkatastrophe des Jahres 1428 findet sich in den einschlägigen Übersichten aber kein Beleg. Dokumentiert und untersucht sind die Ahrfluten von 1804, als 63 Menschen starben, und von 1910 mit mehr als 50 Toten. Nicht einmal ein echtes Hochwasser wurde gegen 2021 ausgespielt, nur eine Jahreszahl ohne Quelle.

Weiter ging es mit einer „Elite“, die sich Babys nach Wunsch anfertigen lasse. Keine ernsthafte Rede über Genmedizin, keine Angabe, welche Technik gemeint sei, das Wort „Elite“ und das Wunschbaby genügen, wenn ein Satz nur ein Gefühl wecken soll. Mehrfach sprach Hahne davon, Menschen gehörten in Handschellen vorgeführt. Gegner sitzen in dieser Sprache sofort in Eisen, noch ehe ein Verdacht geprüft ist, das Bild beginnt gleich mit den Fesseln.

Dazwischen beschäftigte sich Peter Hahne ausgiebig mit Peter Hahne. Seine Jahre im öffentlich-rechtlichen Fernsehen holte er immer wieder hervor, wen er interviewt und wen er gekannt habe. Auffällig, wie der Mann, der über „die Medien“ herzog, seine Glaubwürdigkeit ausgerechnet aus Jahrzehnten mitten im öffentlich-rechtlichen Betrieb zog. Schlecht war dieser Betrieb, solange es um die Medien ging, hervorragend, sobald Hahne belegen wollte, wie wichtig Hahne einmal war. Auch ein Nachrichtenmagazin bekam seinen Auftritt: Über dessen Titel mit dem AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund als „gefährlichster Mann Deutschlands“ spottete er und höhnte über die 7,10 Euro, die das Heft koste. Aus einer Warnung wurde so am Mikrofon Werbung für den Mann, vor dem gewarnt werden sollte.

Mal Sonne, mal Regen

Bei Andeutungen blieb er nicht. Mehrfach rief er sein Publikum auf, am 20. September wählen zu gehen, und aus dem Zusammenhang war unübersehbar, welche Partei davon profitieren sollte. Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern findet an diesem 20. September statt. Wenige Tage zuvor hatte Hahne einem ihm wohlgesonnenen Portal noch erklärt, er wolle „Fakten liefern“, aber keine Parteienwerbung. Ein Auftritt, der die Konkurrenz zerlegt und die Zuhörer auf den Wahltag einschwört, lässt sich anschließend nur politisch einordnen, die abgelehnte Brandmauer inbegriffen. Dann gelang ihm eine Pointe auf eigene Kosten. Er warb für Sahra Wagenknecht und kündigte ihren Auftritt für den 12. September in Stralsund an. Der Kalender des BSW Mecklenburg-Vorpommern nennt den 9. September, 19 Uhr auf dem Alten Markt, zuvor 17 Uhr in Neubrandenburg. Selbst bei einem Termin, den jeder in Sekunden nachschlägt, lag er 3 Tage daneben. Keine weltbewegende Falschinformation, und gerade deshalb bezeichnend.

Am Ende kamen die Bücher, natürlich kamen sie. Hahne bewarb seine eigenen Werke und bezifferte einen Satz davon auf ungefähr 300 Euro. Fast 2 Stunden lang war Deutschland zuvor kaputtgeredet worden, dann öffnete sich die Kasse. Der Büchertisch gehört zu diesem Auftritt, denn Hahne verkauft mehr als Papier. Er verkauft die Erklärung, warum die Welt so aussieht, wie sein Publikum sie ohnehin sehen will. Das erklärt vielleicht auch den Applaus. Vielleicht 170 Menschen standen auf seiner Seite, rund 140 dagegen. Nicht alle jubelten, doch genug. Sie klatschten, wenn er austeilte, und lachten über seine Beschimpfungen. Behauptungen, die schon an einfachsten amtlichen Zahlen zerbrechen, nahmen sie hin.

170 Menschen sind keine Massenbewegung, für ein verstörendes Bild reichen sie. Die Wucht solcher Reden beginnt nicht erst bei Tausenden. Sie beginnt dort, wo der Satz besser gefällt als der Beleg, wo ein falsches Datum nicht mehr stört. Und dort, wo aus Waldbränden einfach Brandstiftung wird, weil es zur Geschichte passt. Hahne nannte das, was andere erzählen, mehrfach „Verarsche“. Das Wort darf man behalten, nur die Richtung müsste sich ändern. Wenn einer seinem Publikum falsche Zahlen über Waldbrände auftischt, eine unbelegte Flut beschwört und selbst beim Termin seiner eigenen Werbung danebenliegt, dann liegt das Problem nicht bei denen, die hinterher die Quellen öffnen. Das Problem steht auf dem Podium, mit Mikrofon und Dieselgenerator. Und am Ende mit seinen Büchern.

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