Ceuta/Rabat/Madrid – Am Strand von Kastillejos, gegenüber dem Wellenbrecher von Tarajal, steht Ende Juli ein marokkanischer Gendarm und sieht zu. Vor ihm klettern junge Männer von Lastwagen, waten ins flache Wasser, umgehen die Mole und erreichen spanischen Boden. Er greift nicht ein. In zwei Tagen, dem 30. und 31. Juli, gelangen auf diese Weise nach einer „Schlusszählung der Behörden rund 72.000 Menschen in die spanische Exklave Ceuta, fast so viele, wie die Stadt Einwohner hat. Madrid nennt es eine Migrationskrise, das Werk von Schleuserbanden. Das stimmt nur teilweise, man nutzte dieses Netz, das es dankend annahm. Die Kameras und Recherchen an der Grenze erzählen etwas anderes.
Rechnen wir das Bild kurz durch. Wer 72.000 Menschen in Reisebussen bewegen wollte, bräuchte etwa 1.440 Fahrzeuge zu je 50 Plätzen, eine Kolonne von mehr als 16 Kilometern. In so kurzer Zeit lässt sich eine solche Menge nur durchs Wasser und über eine Grenze schaffen, wenn auf der anderen Seite niemand sie aufhält. Genau das war der Fall. Die Guardia Civil, die den Übergang bewacht, verwies schon am ersten Tag auf die Untätigkeit der marokkanischen Kräfte. In Videos jener Tage lenken Gendarmerie und Verkehrspolizei den Zug der Menschen zur Grenze, ein Beamter sieht zu, wie Dutzende auf einen Lastwagen steigen.
Dann kamen die ersten Hinweise
Am 2. August, so unsere Recherche, gestützt auch auf unsere Nachfrage beim Führungsstab der Guardia Civil, befanden sich unter den Migranten Agenten des marokkanischen Geheimdienstes. Erkannt worden seien sie bereits in den ersten Stunden des 30. Juli über die Kameras der spanischen Grenzüberwachung. Andere Quellen in den spanischen Diensten bestätigten die Recherche, zwei weitere spanische Kollegen ebenfalls, und nennen das Geschehen eine Operation, wie sie zur hybriden Kriegführung gehöre, undenkbar ohne den Geheimdienst. Aufgabe der Agenten sei es gewesen, die Bewegung der Menschen zur Grenze zu beobachten und zugleich die spanischen Kräfte samt der Reaktion der Polizei zu vermessen. Der militärische Auslandsnachrichtendienst DGED gehört zu den Streitkräften und untersteht faktisch dem König, Mohammed VI.

Der Preis lässt sich beziffern. Mindestens 77 Menschen ertranken beim Versuch, die spanische Küste zu erreichen. Am 4. August hielten sich noch mehr als 5.000 in Ceuta auf, die Zahl der Minderjährigen in den Notunterkünften stieg von 180 auf 862, und der Plan der zuständigen Ministerin Elma Saiz, 25 Millionen Euro für ihre Betreuung bereitzustellen, erntete im Netz Wut. Wer ohne Vorräte durchs Meer kommt, hat nichts, und so plünderten einige; am 30. und 31. Juli schlossen die Geschäfte, die Bewohner blieben in ihren Wohnungen. Das Innenministerium in Madrid dankte Marokko unterdessen für die vorbildliche Zusammenarbeit und entließ den Kommunikationschef des Nationalen Sicherheitsrats, weil er die eigenen Zahlen über den Andrang veröffentlicht hatte. Das Schweigen ist Methode.
Wer die Vorgeschichte kennt, erkennt eine Wiederholung. Im Mai 2021 öffnete sich die Grenze bei Ceuta schon einmal über Nacht, um mit dem Strom der Menschen Druck zu machen, damit Madrid die marokkanische Herrschaft über die Westsahara anerkenne. Ein geheimer spanischer Bericht vom 19. Mai 2021 nennt den Mann, der die Fäden zog, den königlichen Berater Fouad Ali El Himma, im Volksmund der König im Schatten. Er habe die Linie aus dem Büro 21 im Palast mit Außenminister Nasser Bourita und den beiden Geheimdienstchefs abgestimmt, Yassine Mansouri für den Auslandsdienst DGED, Abdellatif Hammouchi für den Inlandsdienst DGST. In denselben Wochen drang die Spähsoftware Pegasus in die Telefone von Ministerpräsident Pedro Sánchez und mehrerer Minister, unter ihnen Fernando Grande-Marlaska, Margarita Robles, Arancha González Laya und Luis Planas, angeordnet, so die Ermittlungen, aus dem Königspalast.
Die Krise wich, als Spanien auf Wunsch Marokkos seine Außenministerin González Laya entließ und Sánchez im März 2022 die marokkanische Position zur Westsahara übernahm, jener spanischen Provinz bis 1976. Rabat machte den Brief öffentlich, mit dem er sich dem König anschloss. Warum Sánchez so umschwenkte, hat seine Regierung nie öffentlich erklärt; der Umgang mit Rabat gilt seither als einer der umstrittensten Züge seiner Amtszeit. Der Hintergrund reicht in die Abraham-Abkommen zurück, in denen Marokko 2020 Israel anerkannte und Donald Trump im Gegenzug die marokkanische Oberhoheit über die Westsahara zusprach, ein Gebiet, das die Vereinten Nationen bis heute als nicht selbstregiert führen. Marokko ist dabei kein Einzelfall. 2021 lenkte Belarus Migranten an die Grenzen Polens und Litauens, das im Mai 2025 dagegen vor dem Internationalen Gerichtshof klagte; Ende 2023 schleuste Russland sie unter Aufsicht des FSB an die finnische. Jedes Mal war der Mensch der Hebel gegen den Nachbarn.
Ein Wort zu einer Deutung, die derzeit die Runde macht
Weil die Beziehungen zwischen Donald Trump und Marokko eng sind und Washington den Anspruch Rabats auf die Westsahara anerkannt hat, wird in sozialen Medien mitunter eine unmittelbare Beteiligung der Vereinigten Staaten an der Krise von Ceuta behauptet; die gegenwärtige amerikanische Unterstützung für das Land nährt den Verdacht. Belege dafür fehlen. Eine operative amerikanische Steuerung ist nicht nachgewiesen, und wer sie unterstellt, verwechselt eine Nähe mit einem Befehl.
Viele der kursierenden Unterlagen sind falsch eingeordnet oder als Klickköder angepriesen worden, ohne Hintergrund und ohne eigene Recherche, allein um den Leser aufzuwühlen, wie die Kommentarspalten eindrucksvoll zeigten. Darin liegt eines der größeren Übel dieser Tage. Zu viele meinen, sich an der politischen Nachricht versuchen zu können wie am Gebäck, nur besitzen sie weder Teig noch Rosine. Wir raten deshalb schlicht: Wer auf eine Sensationsmeldung stößt, die vor allem aufwühlen will, prüfe sie. Und wer unsicher bleibt, frage bei uns nach, denn im Haus haben wir eine der größten politischen Datenbanken aufgebaut.

Hier geht es zu unserem Faktencheck: Ceuta, oder die Kunst, aus einem Andrang eine Erzählung zu machen
Drei Monate nach der Aussöhnung folgte, was Rabat später einen Fehlgriff nannte. Um sich als unentbehrlicher Wächter der spanischen Grenze zu beweisen, trieben marokkanische Sicherheitskräfte im Juni 2022 einen Massenansturm auf den Zaun von Melilla an. Es wurde das tödlichste Ereignis, das je an einer europäischen Landgrenze verzeichnet wurde, 37 Tote und mindestens 70 Vermisste nach Zählung von Amnesty International. Fünf Tage darauf richtete Madrid den NATO-Gipfel aus und setzte durch, dass das Bündnis die Instrumentalisierung von Migration erstmals als hybride Bedrohung benannte. Das Opfer wurde zur Waffe, und die Waffe fand ihren Weg in ein strategisches Dokument.
Unter alldem liegt eine Geschichte von Verrat. Ihr Ursprung ist das Jahr 2011. Als die baskische ETA ihren bewaffneten Kampf für beendet erklärte, wurde der Dschihadismus zur Hauptsorge der spanischen Dienste, und weil dieser Terror über Grenzen hinweg arbeitet, suchte man Partner. 2014 begann die Guardia Civil die Zusammenarbeit mit dem mächtigen marokkanischen Inlandsdienst DGST unter Abdellatif Hammouchi. Aus Besuchen und gemeinsamen Übungen wurde Vertrauen, aus Vertrauen ein Austausch, der marokkanische Beamte nach Ceuta, Málaga, Marbella und Madrid führte, bis hin zu Besichtigungen im Stadion von Real Madrid. Die spanische Spezialeinheit GAO bildete marokkanische Gäste in Fnideq an der Grenze, in Tanger und Rabat aus, unter anderem im Aufspüren und Einschleusen, in verdeckter Aufklärung und im Infizieren von Mobiltelefonen mit Spähsoftware. Ihr Wahlspruch lautet Videre sine visum, sehen, ohne gesehen zu werden. Später drehten die Schüler das Objektiv um. Der marokkanische Dienst gab kaum etwas zurück; seinen ersten Drohneneinsatz verdankte er einer Unterweisung durch Spanier in Málaga, heute baut Marokko solche Geräte mit israelischer Hilfe. Die spanische Nationalpolizei nahm für Einsätze in Marokko getrennte Telefone mit, das GAO nicht. „Wir hielten es nicht für nötig“, sagte ein Beamter der Guardia Civil, „wir rechneten nicht damit, ausspioniert zu werden.“ Ein anderer räumte ein, die eigene Unkenntnis über Marokko sei zum Problem geworden. Über einen den Spaniern unbekannten Chatverbund und mit Geräten, die Mobilfunkmasten vortäuschen, fingen marokkanische Dienste die Telefone ihrer früheren Lehrer ab. „Wir bespitzeln jeden“, sagte einer der Beteiligten, „und zwar für alle Fälle.“

Alberto Aguilera, der in Tanger das gemeinsame Zentrum aufgebaut hatte und danach den Nachrichtendienst der Guardia Civil in Katalonien führte, stand fünfmal auf der marokkanischen Zielliste für Pegasus, das erste Mal am 8. März 2019; 2024 wurde er Oberst in Madrid. Dass ein Mann mit diesem Profil nach dem Dienst in Marokko an die Spitze der Aufklärung rückte, nennt ein früherer marokkanischer Agent höchst ungewöhnlich, es widerspreche jedem Sicherheitsprotokoll. Von Verrat sprach ein hoher Offizier der Guardia Civil, als er von den Funden erfuhr. Die Belege stützen sich auf geleakte Unterlagen und auf Aussagen mehrerer Beteiligter aus beiden Diensten, darunter ein früherer Mann der DGST. Diese geleakten Dokumente zeigen, dass der marokkanische Dienst bis heute spanische Beamte abhört, ausgerechnet jene, die ihn ausgebildet haben.

Das Papier vom 29. April 2017 zeigt, wie eng spanische und marokkanische Sicherheitsdienste schon damals miteinander arbeiteten. Es geht nicht um einen Höflichkeitsbesuch und nicht um einen Austausch auf Führungsebene, sondern um eine gemeinsam vorbereitete praktische Übung mit dem Namen „TAAKHI-01“. Wochen zuvor, am 23. Februar, hatten sich Vertreter beider Seiten in Rabat zur Abstimmung getroffen. Die Übung selbst sollte vom 8. bis 12. Mai gleichzeitig in Spanien und Marokko stattfinden. Dafür wurden operative Abläufe vorbereitet, Zuständigkeiten festgelegt und Verbindungsoffiziere bestimmt, die die letzten Details über ihre normalen Dienstwege klären sollten. Auffällig ist schon die lange Liste früherer Vorgänge, auf die das Schreiben verweist: Die Zusammenarbeit begann also nicht mit diesem Termin, sondern war längst eingespielt. Am unteren Rand steht ausdrücklich, dass das Dokument Eigentum des ausstellenden Dienstes ist, vertraulich behandelt werden muss und ohne Zustimmung nicht an andere Stellen weitergegeben werden darf. Das Papier zeigt damit schwarz auf weiß, wie weit die Zusammenarbeit damals bereits ging: gemeinsame Planung, gemeinsame Übungen, feste Ansprechpartner und operative Abstimmung auf beiden Seiten der Grenze. Genau aus diesem Verhältnis entstand später jenes Vertrauen, das spanische Beamte nach den Enthüllungen über Überwachung und Pegasus als schweren Verrat beschrieben.
Was die Schüler mit dem Gelernten anfangen, zeigt eine Abteilung, deren Handwerk die Vernichtung von Journalisten ist. Sie installiert versteckte Kameras in den Wohnungen von Reportern und Aktivisten und knackt ihre Netzwerke. Omar Radi, eines der ersten Pegasus-Opfer des Landes, wurde auf erfundene Vorwürfe hin eingesperrt und ging ins Exil. Souleiman Raissouni, von regimenahen Seiten wie Chouf TV, Barlamane und Le360 als Sexualstraftäter verleumdet, wurde zwei Tage nach seinem Dementi verhaftet. Im Hungerstreik verlor er 31 Kilogramm und blieb kaum versorgt, mit gefälschten Beweisen konfrontiert, bis auch er das Land verließ. Ein Netz erfundener Medien in mehreren Ländern flutet das Internet mit Falschmeldungen. Anders als die europäischen Dienste braucht der marokkanische keine richterliche Erlaubnis, um zu überwachen, wen er will.
Und Spanien? Es dekoriert. Im November 2025 verlieh Innenminister Grande-Marlaska dem Geheimdienstchef Hammouchi das Große Verdienstkreuz der Guardia Civil, im Juli 2026 empfing derselbe Hammouchi eine hohe spanische Delegation unter General Luis Peláez Piñeiro. Schon 2022 hatte Marokko Fotos des heimlichen Treffens der spanischen Geheimdienstchefin Esperanza Casteleiro mit Hammouchi ungefragt veröffentlicht, 2023 wurde bekannt, dass Rabat die Tochter eines hohen Polizeibeamten angeworben hatte. Und im April 2022, beim Fastenbrechen mit Mohammed VI, saß unter neun Gästen auch El Himma, der Mann, der die Bespitzelung von Sánchez befohlen hatte. Auf dem offiziellen Foto hing die spanische Flagge verkehrt herum.

Am Ende steht wieder der Strand, und im flachen Wasser die 77, die es nicht hinüberschafften. Sie waren nie das Ziel dieser Operation, sie waren ihr Werkzeug, ein Hebel, um eine Linie auf der Landkarte zu bewegen. Wer Menschen so gebraucht, verletzt den ältesten Satz, den die Aufklärung dem Handeln mitgegeben hat, dass keiner nur Mittel sein darf für den Zweck eines anderen. Ein Staat wiederum, der jenen einen Freund und strategischen Partner nennt, der ihn erpresst und seine Minister abhört, muss sich fragen lassen, wovon er die Freundschaft noch unterscheidet. Der Gendarm am Strand hat es gewusst und weggesehen. Madrid weiß es und bedankt sich.
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