Es gab Zeiten, da hat dieser Sender die Kamera draufgehalten. Wir haben mit Frontal zusammengearbeitet, eine Halle zum Beispiel irgendwo in Mitteldeutschland am Nachmittag mit versteckten Kameras verkabelt, damit am Abend lief, was laufen musste. Niemand sprach vorher darüber, was man besser weglässt, niemand nahm Rücksicht auf die Empfindlichkeiten derer, über die berichtet wurde. Es gab eine Recherche und eine Sendung, die Festnahmen inklusive. Heute haben wir mittlerweile Abstand von dem Sender genommen. Wer heute auf dieselbe Anstalt blickt, sieht binnen einer Woche 2 Vorgänge, die zusammen ein Zeugnis ergeben.

Am Sonntag hielt Andrea Kiewel im Fernsehgarten eine japanische Pokémon-Karte in die Kamera, erklärte sie für chinesisch und sagte jene 3 Silben, mit denen Kinder auf Schulhöfen seit Jahrzehnten asiatisch aussehende Mitschüler verhöhnen. Ching Chang Chong. Dass die Karte japanisch war, ist die geringste Peinlichkeit, die Diskussion darüber, die Größere. Was danach kam, ist der eigentliche Vorgang. Ein Nachrichtenportal rief seine Leser auf, sich zu äußern, und die Antworten fielen aus, wie sie in diesem Land inzwischen ausfallen. Einer der Zuschriften zufolge zeige die Bezeichnung als rassistisch, wie überempfindlich die Gesellschaft geworden sei. Jede Abweichung vom eigenen Weltbild werde sofort als rassistisch, diskriminierend oder gar rechtsextrem verurteilt, jeder Diskurs unterbunden und ein Graben aufgerissen zwischen jenen, die es richtig machen, und den anderen. Eine furchtbare Entwicklung sei das, Wasser auf die Mühlen der AfD, die sich zu Recht gegen eine derart bescheuerte Kultur wehre. Der Verfasser fügte hinzu, er wähle diese Partei nicht.
Der Satz ist ein kleines Meisterwerk der Selbstentwaffnung. Er beklagt, dass Kritik den Diskurs unterbinde, und erklärt im selben Atemzug jene für unzurechnungsfähig, die Kritik üben. Er wirft anderen vor, einen Graben aufzureißen, und stellt sich beim Aufreißen selbst auf eine Seite, nennt eine Partei im Recht, deren Programm sich gegen Menschen richtet, die aussehen wie jene, über die der Spruch spottet, und schiebt nach, man wähle sie ja nicht. Vor allem verkauft er den bequemsten Gedanken dieser Jahre als Zivilcourage. Nicht der Rassismus stört, sondern seine Benennung.

Am Donnerstag dann der zweite Vorgang, und hier hört jede Nachsicht auf. Die Anstalt bereitete ihre 100. Ausgabe vor, ein Thema war die wachsende politische Radikalisierung und die Wehrhaftigkeit der Demokratie. Eingeladen waren der Rapper Danger Dan und der Pianist Igor Levit, gemeinsam sollten sie das Lied „Keine Angst“ aufführen, in dem es um Widerstand gegen Rechtsextremismus geht. Kurz vor der Aufzeichnung kam das Veto. Der Text könne als Aufruf zu Gewalt verstanden werden, teilte der Sender mit, und ein solcher Aufruf stünde im klaren Widerspruch zu seinen Programmrichtlinien. Man habe sich redaktionell intensiv damit befasst, auch die Geschäftsleitung sei beteiligt gewesen, und sei zu der Bewertung gelangt, dass dieser Widerspruch nach einer mehr als 7-minütigen Aufführung vor Publikum nicht mehr aufzulösen gewesen wäre. Stattdessen wolle man sich zeitnah dokumentarisch-journalistisch mit dem Lied befassen und es an anderer Stelle im Programm aufarbeiten.
Man lese diesen Satz zweimal. Ein Sender lädt einen Künstler ein, um über die Wehrhaftigkeit der Demokratie zu sprechen, streicht ihn Minuten vor der Aufzeichnung und kündigt an, das Werk später aufzuarbeiten. Aufgearbeitet werden Verbrechen, nicht Lieder, zu denen man selbst eingeladen hat.
Was steht nun in diesem Text, der eine Geschäftsleitung in Bewegung setzte. Er ist eine Anleitung, und zwar eine erstaunlich nüchterne. Ruft 1 oder 2 Menschen an, denen ihr vertraut, gründet eine Gruppe ohne Namen, ohne Gründungsdatum, ohne Verein. Fragt Kneipen, ob sie Räume für einen Abend gegen Nazis hergeben, macht ein kleines Festival, nehmt Spenden, kauft Farbe und Aufkleber. Recherchiert die rechten Strukturen vor Ort, fotografiert ihre Treffen, findet heraus, wer sie sind, was sie tun, wo sie arbeiten und mit wem sie sich umgeben. Legt Konten unter falschem Namen an, dokumentiert, was sie schreiben und sagen, tragt es in einem Archiv zusammen. Und wenn Argumente nicht mehr ankommen, weil das Gegenüber längst in seiner eigenen Welt lebt, sprecht sein Umfeld an. Früher, heißt es im Lied, habe man das eine Outingaktion genannt.
Ehrlich bleiben muss man an einer Stelle. Das Lied ist kein Kirchenlied und ist auch gut so. Es spricht in klarer Form, es enthält einen Rat zum Umgang mit der Polizei, es fallen Handschuhe und der Hinweis, das Telefon zu Hause zu lassen, und das lyrische Ich will dreist und delinquent sein. Wer den Text als Gebrauchsanweisung liest, findet dort eine, und wem danach ist, kann sie juristisch prüfen lassen. Nur hat der Sender das gar nicht behauptet. Er sprach von einem Aufruf zu Gewalt, und Gewalt steht dort nicht. Handschuhe sind keine Waffe, ein Archiv erschlägt keinen Menschen. Der Sender hat sich das schärfste Wort ausgesucht, das die Rechtsordnung für Musik bereithält, und es an einen Text geheftet, in dem es nicht vorkommt.
Demokratie gibt es weder ohne Wehrhaftigkeit noch gratis
Hier hört die Programmfrage auf und beginnt die Verfassungsfrage. Kunst ist frei, das steht in Artikel 5 des Grundgesetzes, und zwar ohne jenen Vorbehalt der allgemeinen Gesetze, mit dem der Absatz darüber die Meinung beschränkt. Kunst darf zuspitzen, sie darf in der Befehlsform sprechen, und ein lyrisches Ich ist kein Angeklagter. Wer ein Lied liest, als sei es ein Protokoll, kennt den Unterschied zwischen einem Werk und einer Weisung nicht. Danger Dan hat von einem Eingriff in die Meinungs- und Kunstfreiheit gesprochen. Dass keine Anstalt zum Senden gezwungen werden darf, stimmt und ändert nichts. Wer einen Künstler einlädt, einplant und ihn Minuten vor der Kamera wieder auslädt, weil ihm der Text zu deutlich geworden ist, hat mehr getan als eine Programmentscheidung. Er hat einer Öffentlichkeit das eigene Urteil vorenthalten, und das mit Geld, das dieser Öffentlichkeit gehört.
2026 – Jede Abweichung vom eigenen Weltbild gelte sofort als rassistisch oder extrem
Der Sender hatte den Text seit Wochen. Wochen. Er hat den Künstler eingeladen, den Termin angesetzt, den Pianisten dazugebeten und die Sendung um dieses Thema gebaut, und erst Minuten vor der Aufzeichnung fiel jemandem in der Chefetage ein, dass hier ein Problem liegen könnte. Eine schriftliche Begründung erhielt Danger Dan bis heute nicht. Er und Levit hatten stattdessen einen unverhofft freien Tag in München, und die Nachricht davon kam über eine Promotionsagentur und ein Instagram-Konto, nicht über den Sender. Wer eine Entscheidung dieser Tragweite Wochen vor sich herschiebt und sie in den letzten Minuten trifft, hat nicht abgewogen. Er hat gehofft, die Sache erledige sich von selbst.
Immanuel Kant hat vor mehr als 240 Jahren beschrieben, worum es hier geht. Aufklärung sei der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, und selbstverschuldet sei sie dann, wenn ihre Ursache nicht im Mangel des Verstandes liege, sondern im Mangel an Entschließung und Mut, sich seiner ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Faulheit und Feigheit nannte er die Gründe, weshalb ein so großer Teil der Menschen zeitlebens unmündig bleibe, obwohl die Natur sie längst freigesprochen habe. Es sei so bequem, unmündig zu sein: Wer einen Vormund habe, brauche nicht selbst zu denken, der Vormund besorge das Geschäft schon.

Pianist Igor Levit und Danger Dan – Das Anstalt-Team nennt Danger Dans Ausladung mutlos
Ein Sender, der aus Gebühren finanziert wird und dessen Auftrag jene Aufklärung ist, hat sich in dieser Woche zweimal für die Feigheit entschieden. Der wunde Punkt liegt damit offen, und er ist nicht nur der einer Anstalt in Mainz. Alle wollen Demokratie und Freiheit, doch die Kiste, in die man sich selbst gesperrt hat, bleibt zu. Gedanken ja, aber bitte nicht laut. Freiheit ja, nur soll sich jemand anderes darum kümmern, und kosten darf sie nichts. Es ist dieselbe Haltung, die den Leserbrief vom Sonntag schrieb und am Donnerstag ein Veto sprach. Beide sagen denselben Satz: Nicht mit mir.
Dass ausgerechnet die 100. Ausgabe einer Sendung über die Wehrhaftigkeit der Demokratie zum Anlass wurde, die Wehrhaftigkeit zu streichen, wird man in Mainz für einen unglücklichen Zufall halten. Es ist keiner. Wehrhaftigkeit lässt sich nicht besprechen und gleichzeitig vermeiden. Sie ist der Moment, in dem eine Redaktion sagt: Das läuft, und danach diskutieren wir. Diesen Moment hat der Sender ausgelassen, obwohl seine Juristen und seine Geschäftsleitung Wochen Zeit hatten, ihn vorzubereiten.
Der Preis dafür wird nicht in Mainz bezahlt. Er wird von jenen bezahlt, die ohne Sendeplatz und ohne Rechtsabteilung im Rücken jene Strukturen dokumentieren, deren bloße Beschreibung dem ZDF nun zu heikel ist. Sie fotografieren Treffen, zu denen sie nicht eingeladen sind, und führen Listen über Menschen, die es ihnen übelnehmen und das gelegentlich zeigen. Sie tun es ohne Gebühren und ohne Intendanz, und wenn es unangenehm wird, bleibt ihnen keine andere Stelle im Programm. In den Vereinigten Staaten bedeuten Aufklärung, Wehrhaftigkeit und Recherche mittlerweile große Gefahr für diejenigen, die es noch wagen, und was dort erprobt wird, liegt in Europa längst als Angebot auf dem Tisch. Wer glaubt, das gehe uns nichts an, hat die vergangenen Monate verschlafen und nicht verstanden, was in den USA geschieht. Sie arbeiten weiter. Der Song erscheint ohnehin, heute Nacht, und wird mehr Menschen erreichen, als die Sendung je gehabt hätte.
Bleibt die Frage, was aus diesem Sender geworden ist. Die Halle in Mitteldeutschland steht noch, die Kabel ließen sich verlegen, an den Kameras liegt es nicht. Was fehlt, hat Kant benannt, und es steht seit 1784 geschrieben.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Das Öffentlich-rechtliche hat sich schon lange von einer ausgewogen-neutralen Ausstrahlung verabschiedet.
Der Auftrag, weswegen es überhaupt Rundfunkgebühren gibt, wird nicht erfüllt.
Besonders trump-freundliche Berichterstattung ist leider an der Tagesordnung.
Trumps Arm, samt AfD Freunden reicht weit.
Traurig aber wahr.
Und von Andrea Kiewel wäre zumindest eine Entschuldigung zu erwarten gewesen.
…war einmal anders …