Wo sonst die Kinder Eier rollen, steht nun ein Käfig

VonRainer Hofmann

Juni 12, 2026

Für einen einzigen Abend verwandelt sich der Südrasen des Weißen Hauses in eine Kampfarena. Sieben Kämpfe der UFC feiern den achtzigsten Geburtstag von Donald Trump und den zweihundertfünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit, mehr als sechzig Millionen Dollar kostet der Bau, und am Ende wird nur einer im Trockenen sitzen!

Es gibt einen Rasen vor dem Weißen Haus, auf dem im Frühjahr die Kinder ihre Ostereier rollen und auf dem sonst der Hubschrauber Marine One niedergeht, um den Präsidenten aus der Stadt zu tragen. Dieser Rasen ist nun fast zur Gänze von einer Arena bedeckt. An die Stelle des Grases ist staubige Erde getreten, und in der Mitte steht ein Käfig. Gebaut wird das alles für einen einzigen Abend. Am Sonntag tragen sieben Kämpfe der Mischkampfliga UFC den achtzigsten Geburtstag von Donald Trump und, im selben Atemzug, den zweihundertfünfzigsten Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung. Die Geburt einer Nation und die eines Mannes fallen so zusammen, dass man kaum noch weiß, wessen Fest hier eigentlich begangen wird.

Von Weitem hat das Gebilde etwas von einem Raumschiff, als sei eine Maschine vom fremden Stern gekommen, um Amerikas Anführer zu einer Unterredung zu nötigen. Von Nahem aber ist es der achteckige Käfig der Liga, neun Meter im Durchmesser, sorgsam jenem Achteck nachgeformt, das die UFC als ihr Zeichen führt, ein auf die Kante gekipptes Stoppschild aus Drahtgeflecht mit gepolsterten Ecken, auf denen die Sponsoren ihre Namen tragen, Morgan & Morgan, Bud Light, Dodge Ram, Corona Extra und Polymarket, das sich für den größten Vorhersagemarkt der Welt hält.

Darüber hängt die Klaue, ein vierseitiges Ungetüm, das sich über siebenundzwanzig Meter emporbiegt und Lichter, Lautsprecher, schwere Kabelstränge und vier große Schirme trägt, auf dass auch die entfernten Zuschauer die Schläge unten verfolgen. Nicht an die Kralle einer Katze ist dabei zu denken, sondern an jenen blechernen Greifarm, der in den Spielhallen nach Plüschtieren tastet, was dem Ganzen das Außerirdische gibt. Ringsum reihen sich Ränge mit grauen Klappstühlen, Platz für mehr als viertausend Menschen. Was es kostet, steht in einer Eingabe des Nationalparkdienstes, der den Südrasen verwaltet und sich vor Gericht gegen eine Klage wehrt, die den Abend verhindern will. Mehr als sechzig Millionen Dollar und Zehntausende Arbeitsstunden seien in den Bau geflossen. Das Weiße Haus beteuert, die UFC komme für die Kosten auf, doch in derselben Eingabe heißt es, sieben Behörden hätten erhebliche Mittel und Kräfte abgestellt, unter ihnen das Heimatschutzministerium und die Bundesluftfahrtbehörde. So trägt der Staat das Fest mit und nennt es ein privates Vergnügen.

Die Kämpfer und ihr Anhang, dazu die Helfer, werden die Auffahrt und einen Teil des Westflügels in Beschlag nehmen und den Käfig durch verhängte Gänge betreten. Der Leichtgewichts-Meister Ilia Topuria reckte schon beim Medientag seine Gürtel in die Luft. Wer am Sonntag dabei ist, blickt auf der einen Seite auf den Wohntrakt des Weißen Hauses und den geschichtsträchtigen Truman-Balkon, auf der anderen auf das ferne Washington-Monument, das Ganze von kreisenden Scheinwerfern überzogen und vielleicht vom Schweiß und vom Blut der Männer, die einander schlagen.

Auch das Beiwerk ist reichlich bemessen. Am Freitagabend stellt sich der UFC-Chef Dana White mit den Kämpfern am Lincoln Memorial den Fragen der Presse, derselbe White, neben dem Trump im April schon in Miami bei einem Kampfabend gesessen hatte. Am Samstag wiegt man die Kämpfer feierlich am Park namens Ellipse, wo die Veranstalter mehr als hundertzwanzigtausend Menschen erwarten, die den Sonntagabend auf großen Schirmen verfolgen wollen, nachdem sie ihre Freikarten in einer Verlosung gewonnen haben. Der Stuntfahrer Travis Pastrana wiederum soll auf dem Rasen einen womöglich halsbrecherischen Rückwärtssalto mit dem Geländemotorrad springen.

Die eingereichte Klage vor dem US-Bezirksgericht für den District of Columbia. Kläger sind Susan Douglas und Paul Romano, Beklagte unter anderem der National Park Service sowie das US-Innenministerium mit mehreren Amtsträgern in offizieller Funktion. Die Klage richtet sich konkret gegen die Genehmigung und Durchführung von UFC Freedom 250 auf Bundesgelände, insbesondere auf dem Gelände des Weißen Hauses und teilweise rund um nationale Gedenkorte.

Das Achteck und seine Klaue, sagt Trump, gefielen vielen Menschen recht gut, und er hat angedeutet, der Bau könne bleiben, dauerhaft, so wie der Eiffelturm, den man, wie er gern erinnert, einst für die Weltausstellung von 1889 aufrichtete und dann nie mehr abtrug. Wie ernst dieser Einfall gemeint ist, weiß niemand außer ihm. Seit dem 20. Mai wird gearbeitet. Beim Rundgang für die Reporter am Donnerstag klang Schleifen und Hämmern herüber, und Kräne hoben Lasten über die Köpfe, die freilich dem Ballsaal für vierhundert Millionen Dollar galten, den Trump gleich nebenan errichtet, nicht dem Kampf. Vom Gras zwischen Haus und Rängen ist nichts geblieben als staubige Erde, die man nach allem neu wird einsäen müssen, es sei denn, der Präsident lässt die Arena tatsächlich stehen. Ein großes Freedom-250-Zeichen ragt zwischen Haus und Käfig auf, und im umgebauten Rosengarten trugen Arbeiter die Tische samt den gelben Sonnenschirmen weg und wuschen den Boden, dazu den Säulengang zum Oval Office.

Außenminister Marco Rubio setzte seine Unterschrift unter ein Abkommen mit der UFC, das beide Seiten zu Kampftraining sowie zu Programmen für Gesundheit und Ernährung verpflichtet und unter jungen Menschen rund um die Welt Teamgeist und Führung wecken soll. So gespalten sei man, sagte Rubio, und nur weniges bringe die Menschen an einem Ort zur selben Zeit zusammen, geeint in einem gemeinsamen Interesse, davon brauche es mehr. Dass dieses Gemeinsame zwei Männer sein sollen, die sich in einem Käfig wund schlagen, kam ihm dabei nicht in die Quere.

Am Abend prüften die Arbeiter die Tonanlage, ein tiefes Grollen und bisweilen unheimliche Bässe wanderten durch den Westflügel, und als der Präsident im Oval Office zu einem Anlass sprach, schallte vom Rasen der alte Schlager Boys are Back in Town aus den Siebzigern so laut herein, dass er seine Worte begleitete. Am Sonntag um acht Uhr abends östlicher Zeit beginnt es. Mit der Dunkelheit taucht man die Klaue in die Farben der Fahne, und die Lichter werfen ein wirbelndes Tuch aus Sternen und Streifen über das Gestell. Das Wetter verspricht Hitze und Schwüle, dazu vielleicht Gewitter. Ein Dach an der Unterseite der Klaue soll die Kämpfer halbwegs trocken halten, und auch Trump wird wohl von einem geschützten Platz aus zusehen, während alle übrigen mit großer Sicherheit nass werden. Selbst heftige Blitze, für die die Klaue ein lohnendes Ziel wäre, sollen die Vorstellung nicht aufhalten, schwor White, ihm sei es gleich, wenn es schneie.

Zweihundertfünfzig Jahre nach jener Unterschrift, mit der sich eine Kolonie für frei erklärte, steht auf dem Rasen des Regierungssitzes ein Käfig, bezahlt zur Hälfte vom Staat, beschriftet von Bierbrauern und einem Wettmarkt, und ein Minister verkauft das Ganze als Mittel gegen die Spaltung des Landes. Vielleicht ist dieser Käfig das treffendere Wappen dieser Jahre als der Adler, ein Ort, an dem zwei Menschen sich vor aller Augen schlagen, damit die übrigen sich für einen Abend einig fühlen. Und über allem hängt jene Klaue aus der Spielhalle, die nach etwas greift und es fast nie zu fassen kriegt, ein ehrlicheres Bild der Macht, als seine Erbauer es beabsichtigt haben dürften.

Unabhängiger Journalismus · Kaizen Blog

Wir sind dort,
wo es wehtut

Wir sitzen nicht im Warmen und schreiben über die Welt – und wir hören auch nicht beim Schreiben auf. Unsere Hilfe ist dort, wo sie gebraucht wird. Wir sind ein kleines Team. Keine Investoren, keine Millionäre, keine große Redaktion im Hintergrund. Was wir haben, sind Herz, Wille und der Anspruch, Dinge aufzudecken, über die andere oft hinwegsehen. Wenn Sie möchten, dass diese Arbeit weiter möglich bleibt, unterstützen Sie den Kaizen Blog.

Unsere Arbeit lebt von denen, die hinschauen – und dafür einstehen, dass das möglich bleibt.

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
2 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
Gabi
Gabi
6 Stunden vor

das seltsame Gebilde sieht aus wie eine riesengrosse Krake, hässlich!
schön wäre die Krake, wenn sie die ganze Administration einfach verschlucken würde und dann für immer verschwinden

2
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x