Die Antarktis sendet Nachrichten aus einer wärmeren Welt und sie wirken beunruhigend aktuell

VonRainer Hofmann

Mai 21, 2026

Die Antarktis gehört zu den Orten auf der Erde, die gleichzeitig sichtbar und verborgen sind. Jeder kennt die Bilder aus Eis, Schnee und endlosen weißen Flächen. Gleichzeitig bleibt vieles unter dieser Oberfläche unzugänglich. Genau dort liegt seit Jahren ein Problem für Klimaforscher. Menschen beobachten die Antarktis erst seit wenigen Jahrzehnten mit modernen Methoden. Satelliten, Messstationen und detaillierte Daten liefern wertvolle Informationen, doch gemessen an der Geschichte des Klimas ist das nur ein kurzer Augenblick. Wer verstehen will, wie sich riesige Eisschilde bei deutlich höheren Temperaturen verhalten, muss weiter zurückgehen.

Eine umfangreiche Untersuchung von Wissenschaftlern der Universitäten Durham und Cambridge richtet den Blick deshalb auf eine Zeit, in der die Erde bereits einmal deutlich wärmer war als heute. Die Arbeit, die im Fachjournal Quaternary Science Reviews veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit dem letzten Interglazial vor etwa 129.000 bis 116.000 Jahren. Diese Epoche ist für Forscher besonders interessant. Damals lag der weltweite Meeresspiegel mehrere Meter höher als heute. Die Frage lautet seit Jahren, wie groß der Anteil der Antarktis an diesem Anstieg gewesen sein könnte.

Die Schwierigkeit beginnt bei den Beweisen. Die Datenlage ist bis heute unvollständig. Es gibt kein einzelnes Dokument und keinen einzelnen Messwert, der eine eindeutige Antwort liefert. Stattdessen setzen Forscher viele einzelne Bausteine zusammen. Sie analysierten Meeresablagerungen, Eisbohrkerne und sogar genetische Spuren antarktischer Oktopusse. Erst das Zusammenspiel dieser Informationen ergibt ein Bild, das inzwischen deutlich klarer erscheint.

Die Grafik macht sichtbar, was sich unter der Oberfläche des Südlichen Ozeans verändert. Zu sehen sind verschiedene Darstellungen der Verteilung warmer Wassermassen rund um die Antarktis. Die Farben zeigen dabei Unterschiede in Stärke und Ausbreitung dieser Wasserschichten. Bereiche in Blau stehen für geringere Werte, während Grün, Gelb, Orange und Rot zunehmend stärkere Konzentrationen markieren.

In mehreren Darstellungen fällt auf, dass sich größere warme Bereiche näher an den antarktischen Kontinent heranschieben und sich entlang der Küstenzonen ausbreiten. Genau diese Entwicklung beschreiben auch die Untersuchungen von Dr. Ali Mashayek und seinen Kollegen von der Scripps Institution of Oceanography und der UC San Diego. Ihre Analysen deuten darauf hin, dass die warmen Wasserschichten in den oberen 2000 Metern des Ozeans in den vergangenen Jahrzehnten näher an die Eisschelfe gerückt sind.

Nach den Berechnungen verschiebt sich der Bereich des oberen zirkumpolaren Tiefenwassers im Durchschnitt um etwa 1,26 Kilometer pro Jahr in Richtung Antarktis. Entscheidend ist dabei, dass diese Wärme das Eis nicht an seiner Oberfläche erreicht. Sie gelangt unter die schwimmenden Eisschelfe und greift sie von unten an. Dadurch können große Eisflächen an Stabilität verlieren und über längere Zeiträume zum Anstieg des weltweiten Meeresspiegels beitragen.

Die Untersuchungen deuten darauf hin, dass während dieser wärmeren Phase große Teile des westantarktischen Eisschildes verschwunden sein könnten, insbesondere im Bereich des Amundsensektors. Besonders aufschlussreich war dabei ein Eisbohrkern aus dem Skytrain-Eisdome am Rand des Ronne-Schelfeises. Proben aus einer Zeit vor etwa 126.000 Jahren enthielten geringere Mengen von Meersalz als heutige Proben. Für Forscher hat das eine wichtige Bedeutung. Es spricht dafür, dass das Ronne-Schelfeis damals nicht zusammengebrochen war und mindestens die heutige Größe besessen haben könnte.

Damit lässt sich der Bereich möglicher Eisverluste deutlich eingrenzen. Wenn Ronne erhalten blieb, müssen sich große Teile des Eisverlustes vermutlich auf den Bereich des Amundsensektors und möglicherweise auf Teile des Rossmeeres konzentriert haben. Auch ein weiterer Befund fällt auf, weil er zunächst wenig mit Eisschilden zu tun zu haben scheint. Forscher untersuchten Populationen von Turquet-Oktopussen, Tieren, die auf dem Meeresboden in den Regionen Weddellmeer, Rossmeer und Amundsensee leben. Heute trennt ein gewaltiger Eisschild diese Gebiete voneinander. Trotzdem zeigen die genetischen Daten eine überraschend enge Verwandtschaft zwischen bestimmten Populationen.

Die Forscher sehen dafür eine mögliche Erklärung. In der jüngeren geologischen Vergangenheit könnten unterseeische Verbindungen existiert haben, durch die sich die Tiere ausbreiten konnten. Solche Verbindungen wären nur denkbar, wenn große Eismassen zeitweise verschwunden waren. Nach dem Vergleich sämtlicher Hinweise entwickelten die Wissenschaftler zwei realistische Szenarien für frühere Eisverluste.

Im ersten Fall hätte die Antarktis damals etwa vier Meter zum weltweiten Meeresspiegelanstieg beigetragen. Im zweiten Szenario wären es etwa sechs Meter gewesen. Die Zahlen wirken zunächst wie ferne Werte aus einer vergangenen Erdgeschichte. Doch genau dort entsteht der Bezug zur Gegenwart.

Aktuelle Modelle gehen davon aus, dass die Antarktis bis zum Jahr 2100 wahrscheinlich zusätzlich etwa 0,3 bis 0,4 Meter zum globalen Meeresspiegel beitragen könnte, falls sich ähnliche Entwicklungen fortsetzen. Einige Berechnungen halten unter bestimmten Bedingungen sogar etwa 0,6 Meter für möglich. Ein halber Meter klingt zunächst überschaubar. Für Küstenregionen, Hafenstädte und tief gelegene Gebiete verändert sich die Perspektive allerdings deutlich. Der Meeresspiegel steigt nicht gleichmäßig und seine Folgen zeigen sich oft nicht erst dann, wenn Wasser dauerhaft Land überdeckt. Sturmfluten reichen weiter ins Landesinnere, Küstenlinien verändern sich und Belastungen für Infrastruktur nehmen zu.

Die Forscher weisen deshalb darauf hin, dass noch viele Fragen offen bleiben. Sie fordern weitere Eisbohrungen, größere genetische Datenbanken von Meeresorganismen und detailliertere Modelle für Prozesse unter den Schelfeisflächen.Die Antarktis wirkt oft weit entfernt. Die Daten, die dort unter Kilometern aus Eis verborgen liegen, erzählen jedoch keine Geschichte über eine andere Welt. Sie beschreiben eine Erde, die es bereits gab.

Und möglicherweise eine, die sich erneut verändert.

Es lohnt sich, einmal nüchtern festzuhalten, was hier eigentlich geschieht. Eine Aussage, ein Bild, eine Bewegung wie die von Trump beherrscht innerhalb von Minuten die Schlagzeilen, wird geteilt, kommentiert, weitergereicht. Und während sich alle daran abarbeiten, läuft im Hintergrund eine andere Geschichte weiter, leiser, unscheinbarer, ohne jeden Aufreger. Klima und Umwelt sind so eine Geschichte. Sie bringen keine schnellen Klicks, keine erhitzten Debatten, weil man sich an einem schmelzenden Gletscher schlechter empören kann als an einem Mann, der schon wieder irgendwo ein Bild des Irrsinns abgesetzt hat. Empörung braucht ein Gesicht, und der Planet hat keines.

Doch genau hier liegt die Frage, die man sich stellen sollte. Was trägt weiter in die Zukunft, ein gesunder Planet oder der nächste Skandal, der morgen schon vergessen ist? Trump wird in hundert Jahren ein Name in einem Geschichtsbuch sein, mehr nicht. Die Luft, das Wasser, der Boden werden in hundert Jahren noch da sein müssen, sonst ist niemand mehr da, der das Geschichtsbuch aufschlägt. Vielleicht bringt es uns am Ende mehr, für das Recht auf eine gesunde Natur zu kämpfen, auf die Straße zu gehen, auch Einschränkungen hinzunehmen, die unbequem sind. Nicht weil es sich gut anfühlt, sondern weil jemand in hundert Jahren noch atmen können soll. Das ist keine schöne Aufregung. Es ist nur die wichtigere.

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