Die verschwundenen Toten – Wie das Pentagon zivile Opfer im Iran-Krieg nochmal auslöscht

VonRainer Hofmann

Mai 15, 2026

13.600 Luftangriffe. Tausende zerstörte Gebäude. Hunderte dokumentierte Einschläge in Wohngebieten, Schulen und medizinischen Einrichtungen. Und dennoch erklärte Admiral Brad Cooper vor dem US-Senat allen Ernstes, ihm sei bislang nur ein einziger möglicher Vorfall mit zivilen Opfern bekannt.

Teheran, 07. April 2026

Allein dieser Satz machte die Anhörung im Streitkräfteausschuss des Senats zu einem politischen Desaster für das Pentagon. Cooper, Kommandeur des US Central Command und damit verantwortlich für die amerikanischen Militäraktionen gegen Iran, verteidigte die Kriegsführung der Vereinigten Staaten mit einer Darstellung, die selbst innerhalb Washingtons auf offenes Misstrauen stieß. Nach seinen Angaben könnte lediglich ein Angriff auf die Grundschule Shajarah Tayyebeh vom 28. Februar möglicherweise von einer amerikanischen Bombe verursacht worden sein. Iranische Behörden sprechen dort von 175 Toten, darunter zahlreiche Kinder.

Als Senatorin Kirsten Gillibrand Cooper direkt auf diese Zahlen ansprach, reagierte der Admiral mit einer Antwort, die selbst erfahrene Beobachter im Kongress irritierte. Man könne diese Informationen nicht bestätigen. Es gebe keinerlei Hinweise darauf.

KIRSTEN GILLIBRAND: Wenn die Iraner gewarnt wurden, wie konnten dann 22 Schulen bombardiert werden?

ADMIRAL BRAD COOPER: Dafür gibt es nach unseren Erkenntnissen keine bestätigten Hinweise.

GILLIBRAND: Wie viele Schulen haben wir bombardiert?

COOPER: Es gibt eine laufende Untersuchung zu möglichen zivilen Opfern.

GILLIBRAND: Wie erklären Sie dann öffentlich verfügbare Informationen, wonach 22 Schulen und mehrere Krankenhäuser getroffen wurden?

COOPER: Es gibt keine Möglichkeit, das zu bestätigen.

GILLIBRAND: Haben Sie diese Vorwürfe untersucht?

COOPER: Nein, das haben wir nicht.

Lesen Sie auch unseren Artikel: Minab, 175 Tote und eine Tomahawk – ein Video und 116 Meter

Der Rest der Bilanz schien für Cooper praktisch nicht zu existieren.

Dabei liegen längst öffentlich dokumentierte Schäden vor. Recherchen bestätigten Zerstörungen an mindestens 22 Schulen und 17 medizinischen Einrichtungen. Der iranische Rote Halbmond sprach bereits Anfang April von mindestens 763 beschädigten oder zerstörten Schulen sowie 316 Gesundheitseinrichtungen. Nach Angaben der Human Rights Activists News Agency wurden mindestens 1700 iranische Zivilisten im Krieg getötet.

Wir selbst waren wochenlang in Teheran und können viele der angeblichen Warnungen durch die Vereinigten Staaten oder Israel in dieser Form nicht bestätigen. Die Einschläge kamen in zahlreichen Fällen ohne erkennbare Vorwarnung. Von den immer wieder behaupteten gezielten Angriffen war vor Ort oft wenig zu erkennen. Immer wieder wurden zivile Einrichtungen getroffen, darunter Wohngebiete, Infrastruktur und Gebäude ohne erkennbare militärische Bedeutung. Genau deshalb wirken die jetzigen Aussagen aus Washington auf viele Menschen, die die Folgen der Angriffe selbst gesehen haben, zunehmend realitätsfern.

Teheran, 07. April 2026

Besonders brisant wurde die Anhörung, weil Cooper gleichzeitig einräumte, dass sein Kommando viele der dokumentierten Vorfälle überhaupt nicht untersucht hatte. Genau an diesem Punkt begann die Verteidigungslinie des Pentagon sichtbar zu zerfallen. Denn nach offiziellen Richtlinien muss jeder gemeldete zivile Opferfall zunächst überprüft werden, um festzustellen, ob amerikanische Streitkräfte in der betreffenden Region aktiv waren.

Menschenrechtsorganisationen reagierten entsprechend scharf. Emily Tripp von Airwars erklärte offen, die Vorstellung, das Militär untersuche lediglich einen einzigen Vorfall, sei „lächerlich“. Airwars dokumentierte inzwischen mindestens 300 Ereignisse mit möglichen zivilen Opfern in Iran. Viele davon stehen auch nach eigenen Recherchen im Zusammenhang mit schweren Bombardierungen dicht besiedelter Gebiete.

Auch Annie Shiel vom Center for Civilians in Conflict griff die Aussagen des Admirals ungewöhnlich deutlich an. Es sei vollkommen absurd zu behaupten, die Vereinigten Staaten würden angesichts tausender gemeldeter ziviler Opfer nur einen einzigen Angriff untersuchen. Die Aussagen Coopers treffen auf ein Pentagon, das unter Pete Hegseth große Teile jener Strukturen abgebaut hat, die eigentlich genau für solche Untersuchungen geschaffen worden waren. Dutzende Stellen im Bereich ziviler Schadensbewertung wurden gestrichen oder massiv verkleinert. Besonders betroffen war das Civilian Harm Mitigation Response Office, das unter Lloyd Austin aufgebaut worden war, um zivile Opfer systematisch zu dokumentieren und zu vermeiden.

Admiral Cooper bestätigte selbst, dass das zuständige Team beim Central Command innerhalb eines Jahres von zehn Offizieren auf nur noch eine einzige Person reduziert wurde. Viele der früher zuständigen Mitarbeiter seien zwar in andere Bereiche versetzt worden und arbeiteten weiterhin an der Vermeidung ziviler Opfer mit, erklärte Cooper. Welche Aufgaben sie konkret noch wahrnehmen, blieb allerdings offen. Gleichzeitig wurde bekannt, dass mehrere Untersuchungen inzwischen auf eine kleine Reststruktur im Pentagon ausgelagert wurden. Militärvertreter bestätigten anonym, dass viele frühere Ermittlungsprozesse praktisch zerlegt wurden.

Trotzdem versuchte Cooper während der Anhörung den Eindruck zu vermitteln, das US-Militär arbeite äußerst sorgfältig. Man habe die iranische Bevölkerung mehr als hundert Mal davor gewarnt, als menschliche Schutzschilde missbraucht zu werden. Er persönlich habe die Menschen im Iran gewarnt, erklärte der Admiral.

Besonders heikel bleibt der Angriff auf die Shajarah-Tayyebeh-Grundschule. Bereits Anfang März kam eine interne Vorprüfung offenbar zu dem Ergebnis, dass die Schule wahrscheinlich durch einen amerikanischen Zielerfassungsfehler getroffen wurde. Die eigentlichen Angriffe galten laut Militär einer benachbarten iranischen Basis. Trotzdem veröffentlichte das Pentagon bis heute keine offizielle Erklärung zu dem Vorfall.

Der frühere Admiral William McRaven sagte inzwischen offen, schon sehr früh sei eigentlich klar gewesen, dass die Vereinigten Staaten verantwortlich seien. Warum die Untersuchung mehr als zwei Monate später noch immer nicht abgeschlossen sei, könne er selbst kaum nachvollziehen. Auch Senator Mark Kelly erhöhte während der Anhörung den Druck auf Cooper. Kelly wollte wissen, ob die gestrichenen Stellen zur Untersuchung ziviler Opfer wieder aufgebaut würden, falls sich Fehler bei der Zielerfassung bestätigten. Cooper wich der Frage aus. Man werde zunächst sehen, was die Untersuchung ergebe, erklärte er knapp.

Pete Hegseth

Genau darin liegt inzwischen das eigentliche Problem für das Pentagon. Die Diskussion dreht sich längst nicht mehr nur um einzelne Bombardierungen. Immer deutlicher entsteht der Eindruck, dass zivile Opfer im Iran-Krieg politisch möglichst klein gehalten werden sollen – während gleichzeitig genau jene Stellen verschwinden, die solche Vorfälle überhaupt dokumentieren könnten. Eine besonders zentrale Rolle spielte dabei Verteidigungsminister Pete Hegseth. Unter seiner Führung wurden ausgerechnet jene Strukturen massiv verkleinert, die nach früheren Kriegen aufgebaut worden waren, um zivile Opfer systematisch zu dokumentieren und zu untersuchen. Dutzende Stellen im Bereich der sogenannten „Civilian Harm Mitigation“ verschwanden innerhalb kurzer Zeit. Admiral Brad Cooper bestätigte selbst, dass das zuständige Team beim Central Command von zehn Offizieren auf nur noch eine Person reduziert wurde. Genau dadurch wirkt die jetzige Pentagon-Linie so widersprüchlich. Während öffentlich erklärt wird, man kenne praktisch keine bestätigten zivilen Opferfälle, wurden gleichzeitig genau die Einheiten abgebaut, die solche Vorfälle überhaupt noch umfassend prüfen könnten. Kritiker werfen Hegseth deshalb vor, dass unter seiner Führung nicht nur die Transparenz zurückgeht, sondern auch die Fähigkeit des Militärs, eigene Fehler überhaupt noch sauber aufzuarbeiten.

Und je länger das Militär versucht, hunderte dokumentierte Einschläge, zerstörte Schulen und zivile Tote praktisch auszublenden, desto größer wird die Frage, ob hier noch Aufklärung betrieben wird – oder längst nur noch Schadensbegrenzung für die eigene Glaubwürdigkeit.

Fortsetzung folgt …

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Anja
Anja
2 Stunden vor

Dieses Regime ist menschenverachtend. Da fehlen einem die Worte.

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