Der Händedruck von Peking – Trump sucht Geschäfte, Xi sucht Kontrolle

VonRainer Hofmann

Mai 14, 2026

Donald Trump ist in Peking angekommen wie ein Präsident, der weniger Diplomatie betreibt als einen Auftritt verkauft. Vor der Großen Halle des Volkes empfing Xi Jinping ihn mit militärischem Zeremoniell, Ehrengarde, amerikanischer Nationalhymne und 21 Salutschüssen. Kinder standen mit Blumen und amerikanischen Fahnen bereit, Trump blieb kurz stehen und applaudierte. Es war ein Empfang, der Stärke zeigen sollte – auf chinesischer Seite vor allem die Kontrolle Xi Jinpings über Staat, Partei und Armee, auf amerikanischer Seite den Anspruch Trumps, als Mann der großen Geschäfte aufzutreten.

Ankunft in China

Schon der Beginn zeigte, wie unterschiedlich beide Präsidenten diesen Besuch nutzen. Xi sprach von stabilen Beziehungen zwischen China und den Vereinigten Staaten und sagte, die gemeinsamen Interessen beider Länder seien größer als ihre Unterschiede. Eine stabile Beziehung zwischen Peking und Washington sei gut für die Welt. Iran, die blockierte Straße von Hormus und andere Krisen erwähnte er in seinen ersten Worten nicht. Xi blieb bei der großen Formel, bei kontrollierter Sprache, bei dem Versuch, das Treffen als historischen Moment zwischen zwei Weltmächten erscheinen zu lassen.

Trump dagegen sprach sofort wie Trump. Er rühmte die Größe seiner Wirtschaftsdelegation und erklärte, er habe die 30 wichtigsten Unternehmer der Welt eingeladen, und alle hätten zugesagt. Er habe nicht die Zweiten oder Dritten in den Unternehmen gewollt, sondern nur die Chefs selbst. Sie seien gekommen, um China ihren Respekt zu zeigen. In den hinteren Reihen saßen tatsächlich einige der mächtigsten Manager Amerikas, darunter Elon Musk, Tim Cook und Jensen Huang. Auch Eric Trump und Lara Trump waren vor Ort. Der Besuch wirkt damit nicht nur wie ein Gipfel zwischen Staaten, sondern wie eine politische Geschäftsreise mit nationalem Wappen.

Trump behauptete außerdem, seine Beziehung zu Xi sei die längste Beziehung zwischen einem amerikanischen Präsidenten und einem chinesischen Präsidenten, die es je gegeben habe. Was genau er damit meinte, blieb unklar. Möglich ist, dass er auf die Zeitspanne seit seiner ersten Amtszeit verweist. Durch die vierjährige Unterbrechung zwischen seinen beiden Regierungen ziehen sich seine offiziellen Kontakte zu Xi inzwischen über mehr als zehn Jahre. Doch die Aussage passte zu diesem Tag: Trump stellte nicht die Sache in den Mittelpunkt, sondern sich selbst und seine persönliche Verbindung zum chinesischen Staatschef.

Xi nutzte seine Begrüßung anders. Er sprach von Veränderungen, wie sie die Welt seit einem Jahrhundert nicht gesehen habe, und griff den Begriff der „Thukydides-Falle“ auf. Gemeint ist die alte Vorstellung, dass eine bestehende Macht und eine aufsteigende Macht fast zwangsläufig in einen Konflikt geraten. Xi stellte die Frage, ob China und die Vereinigten Staaten dieses Schicksal vermeiden und eine neue Form der Beziehungen zwischen Großmächten schaffen könnten. Es war ein Satz für Historiker, Diplomaten und Strategen – und zugleich ein Hinweis darauf, wie sehr Peking dieses Treffen als weltpolitische Grundsatzfrage versteht.

Doch hinter dem feierlichen Empfang liegen die eigentlichen Konflikte offen da. Trump sucht nach wirtschaftlichen Vereinbarungen mit China. Gleichzeitig steht sein Besuch im Schatten des Krieges gegen Iran, das ein wichtiger Öllieferant Chinas ist. Außenminister Marco Rubio erklärte bereits auf dem Flug nach China, Washington wolle Peking dazu bewegen, eine aktivere Rolle bei der Wiederöffnung der Straße von Hormus zu spielen. China habe ein eigenes Interesse daran, sagte Rubio. Wenn die Weltwirtschaft wegen der Krise in der Meerenge einbreche, würden andere Länder auch weniger chinesische Waren kaufen.

Damit liegt ein zentrales Problem dieses Besuchs auf dem Tisch. Trump braucht China nicht nur als Handelspartner, sondern auch als möglichen Hebel gegenüber Iran. Peking wiederum kann aus dieser Lage eigene Forderungen ableiten. Die Vereinigten Staaten blockieren, drohen, sanktionieren und brauchen am Ende doch die Hilfe des Rivalen, den sie zugleich eindämmen wollen. Das macht die Begegnung in Peking so widersprüchlich. Sie zeigt Macht, aber auch Abhängigkeit.

Ein weiteres Thema, auf das in Peking alle achten, ist Taiwan. Für Xi Jinping ist die demokratisch regierte Insel keine außenpolitische Nebensache, sondern ein zentraler Teil chinesischer Staatsdoktrin. Für Washington ist die Lage seit Jahrzehnten bewusst kompliziert gehalten. Die USA erkennen die Regierung in Peking als Chinas Regierung an, unterstützen Taiwan politisch und militärisch, behandeln die Insel aber nicht als eigenständigen Staat. Schon kleine Veränderungen in Trumps Formulierungen könnten in Taipeh, Tokio und anderen Hauptstädten große Sorgen auslösen. Wenn Trump in Peking sagen würde, die USA „lehnten“ eine Unabhängigkeit Taiwans ab, statt nur zu sagen, sie „unterstützten“ sie nicht, wäre das mehr als ein sprachlicher Unterschied. Es würde Peking entgegenkommen und den Druck auf Taiwan erhöhen.

Auch Menschenrechte stehen im Raum, allerdings nicht im Zentrum von Trumps Reise. Der Präsident erklärte vorab, er wolle den Fall Jimmy Lai ansprechen. Der 78-jährige Medienunternehmer aus Hongkong wurde im Februar zu 20 Jahren Haft verurteilt. Peking macht ihn für die großen Proteste in Hongkong mitverantwortlich. Trump sagte, Lai habe viel Unruhe verursacht, aber versucht, das Richtige zu tun. Er wolle seinen Fall erneut vorbringen. Auch den Fall des christlichen Pastors Ezra Jin, der im Oktober in China festgenommen wurde, will Trump nach eigenen Angaben ansprechen. Ob daraus mehr wird als ein kurzer Hinweis, bleibt offen.

Mehr als 100 Abgeordnete in Washington hatten Trump in einem parteiübergreifenden Schreiben aufgefordert, sich bei Xi für Jimmy Lai einzusetzen. Auch die Unterstützer des inhaftierten chinesischen Journalisten Dong Yuyu drängen auf amerikanische Hilfe. Dong soll schwer krank sein, möglicherweise an Lungenkrebs. Doch Trumps bisheriger Schwerpunkt liegt klar auf Handel, Deals und geopolitischem Nutzen. Seine Vorgänger sprachen bei China-Gipfeln regelmäßig ausführlich über Hongkong, Tibet, Xinjiang und politische Gefangene. Bei Trump ist unklar, wie viel Raum solche Fragen tatsächlich bekommen.

Während die Präsidenten einander mit langen Händedrucken, Zeremonien und sorgfältig gesetzten Sätzen begegnen, entfernen sich die Gesellschaften beider Länder weiter voneinander. Früher gehörten kulturelle Gesten zu solchen Treffen. George W. Bush fuhr 2005 in China mit Mountainbikern. Xi Jinping bekam 2015 in den USA ein Football-Trikot von Schülern in Tacoma. Musiker, Studierende, Wissenschaftler und Sportler sorgten über Jahrzehnte für Verbindungen, die politische Krisen zumindest teilweise überdauerten.

Heute ist davon wenig übrig. Die Zahl amerikanischer Studierender in China ist drastisch gefallen. Vor wenigen Jahren waren es noch rund 11.000, heute weniger als 2.000. Auch chinesische Studierende wenden sich zunehmend von den USA ab, aus Angst vor Visa-Ablehnungen, politischem Misstrauen und offener Feindseligkeit. Inzwischen hat Indien China als wichtigstes Herkunftsland internationaler Studierender an amerikanischen Universitäten überholt.

Auch die wissenschaftliche Zusammenarbeit hat gelitten. In Energie, Teilchenphysik, Krebsforschung und anderen Bereichen arbeiteten amerikanische und chinesische Forscher lange eng zusammen. Heute stehen Sicherheitsbedenken, Misstrauen und politische Kontrollen im Weg. Amerikanische Kulturprogramme wurden gekürzt, chinesische Behörden sagten Auftritte ausländischer Künstler ab, und selbst traditionsreiche Verbindungen wie die Reisen des Philadelphia Orchestra nach China wären heute wohl kaum noch leicht aufzubauen.

So steht dieser Besuch in Peking zwischen großem Zeremoniell und wachsender Distanz. Xi spricht von Stabilität, Trump von Geschäftsleuten, Rubio von Iran, Taiwan schaut auf jedes Wort, Menschenrechtsgruppen hoffen auf wenigstens einen klaren Satz, und die Menschen beider Länder begegnen einander immer seltener. Auf dem Papier treffen die beiden mächtigsten Staatschefs der Welt zusammen. In Wirklichkeit treffen zwei Systeme aufeinander, die einander brauchen, fürchten und zugleich immer weniger verstehen.

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