Im Morgengrauen vollstreckt – der Tod hat in Iran keinen Ort mehr, nur noch ein Datum

VonTEAM KAIZEN BLOG

April 23, 2026

Sultanali Shirzadi Fakhr ist tot. Das ist alles, was man mit Sicherheit sagen kann. Den Rest liefert ein System, das seit Jahrzehnten gelernt hat, Urteile so zu formulieren, dass keine Frage mehr übrig bleibt, die man stellen dürfte. Morgengrauen des 23. April. Bestätigt vom Obersten Gericht. Vollstreckt. Kein Ort. Kein Zeuge. Kein Raum für das, was zwischen einem Menschen und seinem letzten Moment liegt. Die Nachricht kommt knapp, fast kühl, und doch steckt in dieser Kürze die ganze Härte eines Systems, das gelernt hat, dass weniger Worte weniger Angriffsfläche bieten.

Die Mizan News Agency, Sprachrohr der iranischen Justiz, gibt die Meldung heraus. Mitgliedschaft in der Mojahedin-e Khalq Organization. Zusammenarbeit mit israelischen Geheimdiensten. Feindschaft gegen Gott – Moharebeh. Begriffe, die in dieser Sprache wie Türen funktionieren, die man von innen zuschlägt, bevor jemand von außen anklopfen kann. Die Behörden beschreiben einen Mann, der sich in den 1980er Jahren der Organisation angeschlossen habe, ins Ausland gegangen sei, militärische Ausbildung erhalten und an Operationen wie Forough Javidan und Chelcheragh teilgenommen habe. Jahrzehnte später sei er unter dem Vorwand eines Familienbesuchs zurückgekehrt – mit einem Auftrag, so der Vorwurf, im Dienst ausländischer Geheimdienste. Festnahme bei der Einreise. Verfahren. Urteil. Eine Geschichte, die so gebaut ist, dass sie keine andere neben sich duldet.

Doch genau hier beginnt die Geschichte, nach eigenen Recherchen, zu haken, und das auf eine Art, die man nicht übersehen kann, wenn man genau liest. Sultanali Shirzadi Fakhr wird von der Justiz als ehemaliges Mitglied der Mojahedin-e Khalq Organization beschrieben, einer Organisation, die nach der Revolution 1979 bewaffnet gegen die Führung in Teheran vorging und sich im Irak militärisch organisierte. In diesem Zusammenhang fallen die Operationen Chelcheragh und Forough Javidan aus dem Jahr 1988 – Angriffe von irakischem Gebiet aus auf iranische Ziele, die bis heute als Zusammenarbeit mit dem damaligen Kriegsgegner gewertet werden und die in der iranischen Justizsprache als Verrat gelten, unabhängig davon, wie lange sie zurückliegen und unter welchen Umständen sie stattfanden. Sein Name taucht zudem im Umfeld des Lagers Camp Ashraf auf, dem zentralen Stützpunkt der Organisation im Irak, wo es 2011 bei der Räumung durch irakische Kräfte zu gewaltsamen Zusammenstößen kam und er laut Behörden verletzt worden sein soll. Danach verliert sich seine Spur, taucht nach intensiver Recherche erst Jahre später wieder auf, diesmal in Europa, konkret in Spanien, wo er gelebt hat. Von dort aus trat er sein Reise in den Iran an, um seinen Vater Shirali zu sehen. Genau an diesem Punkt endet jede Nachvollziehbarkeit.

Sultanali Shirzadi Fakhr

Was diesen Fall von einem rechtsstaatlichen Verfahren unterscheidet, ist das vollständige Fehlen von allem, was ein solches ausmacht. Kein Wort zur Verteidigung. Keine unabhängige Stimme, die das Verfahren begleitet oder bewertet hätte. Keine Einordnung von außen, die die Vorwürfe auf ihren Gehalt hin prüft. Nur die Version derer, die urteilen und vollstrecken und danach eine Meldung herausgeben, die nach Verwaltungsakt klingt und nach nichts anderem. Auch der Ort der Hinrichtung bleibt ungenannt – ein weiterer blinder Fleck, der sich in eine lange Reihe ähnlicher Fälle einreiht. Menschen verschwinden aus der Öffentlichkeit, und selbst ihr letzter Moment bekommt keinen Ort zugewiesen, als wäre die Unsichtbarkeit des Endes Teil der Bestrafung.

Seit dem Beginn des militärischen Konflikts am 28. Februar 2026 zwischen Iran und den Vereinigten Staaten sowie Israel hat sich das Tempo solcher Vollstreckungen sichtbar erhöht. Verfahren wirken kürzer, Entscheidungen endgültiger, Spielräume enger. Der Krieg hat dem System eine Deckung gegeben, unter der Dinge möglich werden, die in ruhigeren Zeiten zumindest Aufmerksamkeit erregt hätten. Was vorher Aufsehen erzeugte, geht jetzt unter, weil die Welt auf Islamabad schaut und auf Ölpreise und auf Drohungen aus Washington. Sultanali Shirzadi Fakhr stirbt in einer Woche, in der niemand hinschaut. Und das System weiß das. Es hat immer gewusst, wann der beste Moment ist.

Es gibt eine Art von Macht, die sich nicht durch Lautstärke zeigt, sondern durch Stille. Die keine Erklärungen braucht, weil sie weiß, dass niemand fragt. Die Barberei hat freien Lauf, der Krieg hat sie noch verstärkt. Die einen Menschen im Morgengrauen verschwinden lässt und dafür eine Meldung herausgibt, die kürzer ist als ein Einkaufszettel. Seit dem Angriff auf den Iran hat sich die Zahl der Hinrichtungen verdoppelt. Trump nennt das Befreiung. Der Tod ist das Ende des Lebens, das Ende der Möglichkeit, etwas zu verändern. Eine seltsame Form der Befreiung. Was in diesem Morgengrauen vollstreckt wurde, ist genau das – die endgültige Entscheidung, dass dieser Mensch keine Möglichkeit mehr verdient. Und das System, das diese Entscheidung trifft, braucht dafür nicht einmal einen Ort. Es braucht nur ein Datum.

Durch unsere Wochen im Iran, besonders Teheran, haben wir Kontakte zur oppositionellen Szene aufgebaut, die über das hinausgehen, was man von außen erreichen kann. Diese Verbindungen werden wir nicht zurücklassen, Islamabad haben wir heute verlassen. Im Rahmen unserer Möglichkeiten werden wir weiterhin Aufklärungsarbeit leisten und dort helfen, wo Hilfe ankommt – still, ohne große Ankündigung, weil genau das der einzige Weg ist, der in diesem Umfeld funktioniert.

Sultanali Shirzadi Fakhr ist einer von vielen, deren Namen kurz auftauchen und dann verschwinden. Die offizielle Darstellung liefert eine Geschichte, die geschlossen wirkt, weil sie so konstruiert wurde. Was dahinter liegt – was dieser Mann erlebt hat, wie das Verfahren wirklich ablief, ob die Vorwürfe einer unabhängigen Prüfung standgehalten hätten – wohl kaum. Und wird es bleiben, solange die einzige Stimme, die in solchen Fällen spricht, die ist, die auch urteilt und vollstreckt und danach schweigt.

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Lea
Lea
1 Tag vor

Dies ist eine der ganz, ganz schlimmen Nebenwirkungen dieses Krieges!

Rainer Hofmann
Administrator
1 Tag vor
Antwort auf  Lea

leider, leider, leider …

Ela Gatto
1 Tag vor

Fakhr… ein Name der von der iranischen Regierung samt seinem Leben getilgt wurde 😞
Warum?
Weil sie es können 😞

So bleibt die Drohkulisse bestehen, die die Macht der Mullah garantiert.

Trump, er der Pro Life Aktivist, wertet den Tod als Befreiung.
Wie niederträchtig.

Es starben schon vor dem Krieg viele Menschen im Iran.
Ohne eine richtige Verhandlung, fernab der Medien.
Trump hat das befeuert… eine großartige Leistung 🤬🤬🤬🤬

Die Menschen im Iran zahlen doppelt den Preis dieses Krieges.

Rainer Hofmann
Administrator
1 Tag vor
Antwort auf  Ela Gatto

ja, der krieg hat denen faktisch einen freifahrtsschein ausgestellt

Wuschitz
Wuschitz
1 Tag vor

Diese Grausamkeit und Menschenverachtung scheint wie ein Teil der Hölle. Eine die es erleiden und andere die sich durch die Taten und Vollziehungen ohne minimale Rechtssprechung selbst ,Entmenschlichen und ärger als Raubtiere werden. Nur Grausam

Rainer Hofmann
Administrator
1 Tag vor
Antwort auf  Wuschitz

„Es ist die Hölle, und es geht aus der Hölle nur bergab“

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