Er saß am Tisch der Europäer und spielte für die andere Seite

VonRainer Hofmann

April 9, 2026

Viktor Orbán steht heute im Zentrum eines politischen Kurses, der Ungarn innerhalb der Europäischen Union zu einem der wichtigsten Partner des Kremls gemacht hat. Während Brüssel versucht, sich von russischer Energie zu lösen und die Ukraine zu unterstützen, blockiert Budapest Hilfen, verzögert Sanktionen und sendet Signale, die sich auffällig mit den Interessen Wladimir Putins decken. Das war nicht immer so. In den frühen 2000er Jahren trat Orbán als scharfer Kritiker Russlands auf, sprach von „putinischen Marionetten“ in Europa und versprach, russischen Einfluss aus Ungarn fernzuhalten. Doch spätestens ab 2008 kippte diese Haltung. Aus Distanz wurde Nähe, aus Kritik Zusammenarbeit. Der Wandel folgte keiner einzelnen Entscheidung, sondern einer Entwicklung, die Energiepolitik, wirtschaftliche Abhängigkeit und politische Kalkulation miteinander verbindet.

Ein zentraler Hebel dieser Entwicklung liegt in der Energiepolitik. Ungarn hat seine Abhängigkeit von russischem Gas und Öl über Jahre hinweg systematisch vertieft. Während andere EU-Staaten Alternativen suchten, band sich Budapest enger an Moskau. 2021 schloss Ungarn einen langfristigen Gasvertrag mit Gazprom, der die Versorgung für fünfzehn Jahre sichern soll. Gleichzeitig stieg der Anteil russischer Ölimporte zwischen 2021 und 2025 von 61 auf 93 Prozent. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Konzern MOL, der große Raffinerien betreibt und über ein dichtes Tankstellennetz in Europa verfügt. Durch günstige Einkaufspreise wird MOL zu einem entscheidenden Vermittler, über den russische Energie indirekt weiter nach Europa gelangt. Damit entsteht eine Situation, in der wirtschaftlicher Vorteil und politische Abhängigkeit ineinandergreifen. Ungarn profitiert kurzfristig von niedrigen Preisen, bindet sich aber langfristig an russische Lieferstrukturen. Diese Abhängigkeit nutzt Orbán aktiv. Immer wieder koppelt er Entscheidungen in Brüssel an energiepolitische Forderungen, etwa im Zusammenhang mit dem Pipeline-System „Druzhba“. Offiziell begründet er Blockaden mit nationalen Interessen, faktisch verschiebt sich damit das Kräfteverhältnis innerhalb der EU zugunsten Moskaus.

Pipeline-System „Druzhba“

Diese Strategie wird durch den Ausbau der Kernenergie verstärkt. Mit dem Projekt Paks-2 bleibt Ungarn das einzige EU-Land, in dem ein Großprojekt der russischen Staatsfirma Rosatom umgesetzt wird. Der Ausbau des Kraftwerks erfolgt ohne offenen Wettbewerb, finanziert durch einen russischen Kredit in Höhe von zehn Milliarden Euro. Damit bindet sich Ungarn nicht nur technologisch, sondern auch finanziell an Russland. Die Rückzahlung des Kredits, die Lieferung von Brennstäben und die Wartung durch russische Spezialisten schaffen eine langfristige Abhängigkeit, die weit über die Energieversorgung hinausgeht.

Projekt Paks-2

Während andere europäische Staaten Projekte mit Rosatom beendet haben, hält Budapest daran fest und sichert damit Russlands Einfluss in einem sensiblen Bereich. Gleichzeitig profitieren enge Vertraute Orbáns wirtschaftlich von diesem Projekt, darunter der Unternehmer Lőrinc Mészáros. Die Kombination aus politischer Nähe und wirtschaftlichen Interessen verstärkt die Bindung weiter.

Semjon Mogilewitsch

Neben Energie und Infrastruktur spielen auch ältere Verbindungen eine Rolle, die bis in die 1990er Jahre zurückreichen. In dieser Zeit war der kriminelle Netzwerkführer Semjon Mogilewitsch in Budapest aktiv und kontrollierte Teile der organisierten Kriminalität. Mehrere Aussagen, darunter von Dietmar Clodo, einem wegen Sprengstoffdelikten verurteilten deutschen Straftäter, der später in eidesstattlichen Aussagen Verbindungen zu osteuropäischen Unterweltstrukturen schilderte, sowie von László Kovács, einem ehemaligen Mitglied eines in Ungarn aktiven Netzwerks aus dem Umfeld von Mogilewitsch, das in Geldtransporte innerhalb dieser Strukturen eingebunden gewesen sein soll, deuten darauf hin, dass Geld aus diesem Umfeld in politische Strukturen geflossen sein könnte, darunter auch in Kampagnen der Partei Fidesz. Beweise im juristischen Sinne fehlen, doch die zeitliche Nähe zwischen Mogilewitschs Aktivitäten, seiner Freilassung im Jahr 2009 und Orbáns erstem Treffen mit Wladimir Putin im selben Jahr fällt auf. Hinzu kommt der Hinweis, dass Mogilewitsch bei der Anbahnung des Atomprojekts Paks-2 eine Rolle gespielt haben könnte. Ob diese Verbindungen tatsächlich politischen Einfluss ermöglichten oder als Druckmittel dienen, bleibt offen, doch sie werfen Fragen auf, die bis heute nicht vollständig geklärt sind.

Atomprojekt Paks-2 – In Flagge und Geist vereint

Auch auf politischer Ebene zeigen sich enge Abstimmungen. Berichte über Kontakte zwischen dem ungarischen Außenminister Péter Szijjártó und Sergej Lawrow legen nahe, dass Budapest Moskau regelmäßig über interne Diskussionen innerhalb der EU informiert hat. Zudem wurden Sanktionen gezielt beeinflusst. So setzte sich Ungarn erfolgreich für die Streichung einzelner Namen von den EU-Sanktionslisten ein, darunter Gulbahor Ismailova, eine Verwandte von Alischer Usmanow. Gleichzeitig versuchte Budapest, weitere Unternehmen und Banken vor Sanktionen zu schützen. Diese Eingriffe verschieben die Wirkung europäischer Maßnahmen und zeigen, wie stark nationale Entscheidungen das Gesamtgefüge der EU beeinflussen können.

Parallel dazu arbeitet Russland aktiv daran, Einfluss auf die politische Landschaft in Ungarn zu nehmen. Vor den Parlamentswahlen im April intensivierten sich Kampagnen in sozialen Medien, unterstützt durch Netzwerke aus Bots, Kanälen und regierungsnahen Medien. Eine koordinierende Rolle wird dabei dem Diplomaten Tigran Garibyan zugeschrieben, der Verbindungen zwischen russischen Akteuren und ungarischen Medien pflegt. Neben diesen offenen Kanälen existieren auch weniger sichtbare Verbindungen. Eine davon führt über die russisch-orthodoxe Kirche. In Budapest wurde sie über zweieinhalb Jahre hinweg durch Metropolit Ilarion (Alfejew) vertreten, der nicht nur die Budapester Diözese leitete, sondern als Verbindung zwischen Kreml, Oligarchen und Vertretern des Orbán-Regimes galt. Nach Aussagen seines früheren Umfelds transportierte er Geld aus Dubai nach Ungarn und setzte sich dafür ein, Sanktionen gegen zentrale Akteure aus Russland zu lockern. Besonders eng war sein Kontakt zu Zsolt Semjén, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten und langjährigen Vertrauten von Viktor Orbán. Im weiteren Verlauf geriet Ilarion selbst unter Druck, nachdem Vorwürfe wegen Fehlverhaltens öffentlich wurden und er schließlich nach Karlsbad versetzt wurde, wo er kirchliches Vermögen auf eine ungarische juristische Struktur übertragen ließ, um es vor Sanktionen zu schützen.

Metropolit Ilarion (Alfejew)

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Orbáns Kurs nicht allein durch ideologische Nähe erklärbar ist. Er basiert auf einem Geflecht aus wirtschaftlichen Interessen, energiepolitischen Abhängigkeiten und politischen Entscheidungen, die sich gegenseitig verstärken. Ungarn bewegt sich damit in einer Position, die innerhalb der EU zunehmend isoliert wirkt, zugleich aber für Russland strategisch wertvoll ist. Für Europa bedeutet das eine dauerhafte Herausforderung. Entscheidungen, die Einstimmigkeit erfordern, werden anfällig für Blockaden. Gleichzeitig zeigt sich, wie eng wirtschaftliche Verflechtungen und politische Einflussnahme miteinander verbunden sein können. Orbáns Wandel steht damit nicht nur für eine nationale Entwicklung, sondern für eine Verschiebung innerhalb Europas, deren Folgen weit über Ungarn hinausreichen.

Recherchen laufen. Fortsetzung folgt …

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Ela Gatto
38 Minuten vor

Der größte Fehler in der EU war die Einstimmigkeitsregel.
Wie konnte man nur so blind und naiv sein.

Orban tanzt der EU schon voel zu lange auf der Nase rum.
Die EU hat ihn gewähren lassen.
Putin hat damit seinen besten „Agenten“ in der EU.
Einer der seine Interessen vertritt, ihm Informationen zuspielt, die EU spaltet und die Ukraine schwächt.

Die Frage ist, wie Europa damit umgeht.
Denn mit Fico kommt das nächste russlandfreundliche Problem.
Und die EU sitzt quasi untätig rum, anstatt die Hebel zu nutzen, die sie hat.

Wahrscheinlich denken Alle das Orban mit der Wahl Geschichte ist

Verliert er wirklich die Wahl, wird es die Mär der gestohlenen Wahl.

Aber bei der Einflussnahme von Trump und Putin ist ihm der Wahlsieg gewiss.
Wenn auch ein manipulierter.

Zuletzt bearbeitet am 37 Minuten vor von Ela Gatto
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