Carré Otis und Stacey Williams sind heute 57. Sie haben Jahrzehnte gewartet, nicht weil sie schweigen wollten, sondern weil das System, über das sie sprechen, lange genug funktioniert hat, um Schweigen zu erzwingen.
Jetzt reden sie.
Otis war 17, als Gérald Marie, damals Chef von Elite Model Management, begann, sie in seiner Pariser Wohnung zu vergewaltigen. Oft im Zimmer seiner Tochter. Die Agentur behielt ihren Pass ein, zur Sicherheit, wie es hieß. Jedes Geld, das sie verdiente, floss zurück an die Agentur. Sie hatte keine Entscheidungsfreiheit, keinen Ausweg. Sie nennt das heute, was es war: Menschenhandel. Marie ist inzwischen in seinen Siebzigern. Die französischen Behörden haben die Ermittlungen gegen ihn eingestellt – wegen Verjährung.

Williams lernte Jeffrey Epstein 1993 kennen, als sie etwa 25 war und er um die 40. Sie dateten einige Monate. In dieser Zeit gestand Epstein ihr, dass er sie heimlich nackt gefilmt hatte. Sie glaubt, es war ein Mittel zur Kontrolle. Während dieser Beziehung, sagt Williams, wurde sie von Donald Trump begrapscht – offen, während Epstein zusah. Trumps Sprecher haben die Vorwürfe bestritten. Das Weiße Haus ließ eine Anfrage unbeantwortet.
Trump kannte Epstein gut. Epstein nannte ihn einmal seinen engsten Freund. Fotos zeigen beide zusammen mit Ghislaine Maxwell auf Trumps Anwesen Mar-a-Lago. Mehr als zwei Dutzend Frauen haben Trump sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Er hat alle Vorwürfe bestritten.
Stacey Williams über Donald Trump:
„Seine Hände waren überall auf mir. Sie waren an meinen Brüsten, an meinem Hintern, an meinen Hüften, rauf und runter. Sie bewegten sich hin und her, während er lächelte, grinste und sich ganz normal unterhielt, während er seine Hände überall an mir hatte.“
Was Otis und Williams beschreiben, ist kein Einzelfall. Es ist ein System. Es gab Strukturen, Netzwerke, Menschen die zusammenarbeiteten, immer wieder, über Jahre. Otis sagt: Es war weit mehr organisiert, als irgendjemand von uns damals begreifen konnte. Es war nicht nur ein Jeffrey Epstein, nicht nur ein Jean-Luc Brunel.

Auch Frauen waren Teil davon. Williams nennt Faith Kates, Mitgründerin der Agentur Next Model Management, die sie Epstein vorstellte. Kates verließ das Unternehmen 2019, nachdem das Justizministerium freundliche E-Mails zwischen ihr und dem verurteilten Epstein veröffentlicht hatte. Es sind nicht nur die Männer in diesen Agenturen, sagt Williams.
Williams erinnert sich an einen ihrer ersten Auftritte in Paris. An einem Tisch saßen sie, andere minderjährige Models und der angesehene Fotograf Patrick Demarchelier. Er forderte sie auf, reihum zu beschreiben, welche Unterwäsche sie trugen. Er starrte sie an. Keine Frau hätte in dieser Situation sagen können, dass sein Verhalten in Ordnung war, sagt Williams. Sie hat es damals trotzdem normalisiert. Wie viele andere. Weil das System genau dafür gebaut war.

Patrick Demarchelier – verstorben am 31. März 2022
Es gibt Menschen, die Macht als Selbstverständlichkeit tragen. Die nie fragen, ob sie dürfen, weil niemand je Nein gesagt hat. Oder weil Nein keine Konsequenzen hatte. Epstein, Marie, die Netzwerke dahinter – sie haben nicht im Verborgenen operiert. Sie haben offen operiert, in Ateliers, auf Partys, in Agenturbüros, an Tischen mit minderjährigen Mädchen. Das Verborgene war nicht ihr Verhalten. Das Verborgene war die Abwesenheit jedes Einspruchs.
Otis sagt, sie spüre, dass sich etwas verändert. Der Nebel hebt sich. Man schaut hin, und es ist wirklich hässlich.
Hässlich. Ja.
Und lange genug als normal behandelt worden.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Mut kann über Scham siegen. Ich hoffe es gibt noch mehr mutige.
Und gleichzeitig frage ich mich mit Grauen wieviele Mädchen und Frauen diesen völlig verkommenen Menschen zum Opfer gefallen sind…sie konnten völlig ungehindert über so einen langen Zeitraum agieren…
… und genau deshalb muss man dran bleiben, aufdecken, das die kapelle kracht
…das stimmt, auch wenn das natürlich für die menschen nicht leicht ist