Im Januar 2026 exportierte Georgien angeblich eigene Erdölprodukte im Wert von 56 Millionen Dollar. Ein Anstieg um 3300 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Erdölprodukte rückten damit auf Platz zwei der georgischen Exportstatistik. Ein Land ohne nennenswerte eigene Förderung, ohne gewachsene Raffineriekapazitäten – und plötzlich ein Schwergewicht im Ölgeschäft.
Die Erklärung lautet offiziell: das neue Raffinerieprojekt in Kulevi am Schwarzen Meer. Dort, auf dem Gelände eines Terminals der aserbaidschanischen SOCAR, nahm im Oktober 2025 erstmals ein Tanker Rohöl auf. Die Betreiberfirma heißt Black Sea Petroleum. Eigentümerin ist Maka Asatiani, in den Nullerjahren bekannt als Model und Society-Persönlichkeit, Tochter des Fußballers Kacha Asatiani, frühere Ehefrau von Merab Schordania, später verheiratet mit dem russischstämmigen Geschäftsmann Kote Gogelia.

Maka Asatiani steht hinter Black Sea Petroleum. Ihr Sohn Kachi Schordania hält Anteile an SDO Logistics; Mehrheitseigner dort ist Sergej Alexejew, Sohn von Wladimir Alexejew, seit 2011 Erster stellvertretender Leiter des russischen Militärgeheimdienstes GRU, auf den am 6. Februar 2026 in Moskau ein Anschlag verübt wurde.
Gogelia gilt als eigentlicher Kopf hinter dem Projekt. In Russland war er Gründer von „Nefteresurs“ und „Arctic Bunker“, Unternehmen im Bereich Treibstofftransport. Und ausgerechnet „Russneft“, gegründet von Michail Guzerijew, lieferte im Oktober 2025 als erste Firma Rohöl nach Kulevi.

Kote Gogelia, Maka Asatiani (2016)
Als Premierminister Irakli Kobachidse das Raffinerieprojekt 2024 präsentierte, versprach er eine Stärkung der Exportkraft, eine Verbesserung der Handelsbilanz und eine Stabilisierung der Währung. Dass das Vorhaben nicht ohne staatliche Unterstützung zustande kam, räumte Maka Asatiani selbst ein. Die Investitionen für die erste Bauphase lagen bei rund 110 Millionen Dollar, das Gesamtprojekt wurde mit 700 Millionen veranschlagt. Finanziert wurde unter anderem durch den „Georgian Development Fund“ sowie durch Geschäftsbanken, darunter die Cartu Bank, die lange im Einflussbereich des Oligarchen und Gründers der Regierungspartei „Georgischer Traum“, Bidsina Iwanischwili, stand. Nach US-Sanktionen gegen Iwanischwili 2024 wurden die Anteile neu verteilt, doch der politische Einfluss gilt als ungebrochen.

Stahlgerüste, Destillationstürme, Lagertanks, Kräne im Dauereinsatz. Es handelt sich um den Aufbau einer Ölraffinerieanlage. Laut der eingeblendeten Unternehmensdarstellung wurde Black Sea Petroleum LLC im Jahr 2022 gegründet, mit dem Ziel, die Raffinerie in Kulevi, Georgien, zu errichten und später zu betreiben. Die Fotos dokumentieren den Baufortschritt: Fundamentarbeiten, Montage von Stahlkonstruktionen, Aufbau von Prozessanlagen, große Tanklager sowie maritime Infrastruktur. Das deutet darauf hin, dass das Projekt nicht nur eine klassische Raffinerie umfasst, sondern auch Lager- und Umschlagkapazitäten – strategisch bedeutsam an der Schwarzmeerküste.

Das Unternehmen wirbt mit einem strategischen Anspruch: Die Anlage soll zur „Energieunabhängigkeit des Landes“ beitragen und ein neues industrielles Ökosystem schaffen. Gemeint ist damit eine Raffinerie-Infrastruktur, die Rohöl verarbeiten und Treibstoffe oder petrochemische Produkte im Land selbst produzieren kann, anstatt vollständig auf Importe angewiesen zu sein. In der Selbstdarstellung wird dies mit Wirtschaftswachstum, Stabilität der Energieversorgung und steigender Wertschöpfung verbunden. Georgien liegt zwischen Russland, der Türkei und dem Schwarzen Meer – eine Raffinerie dort ist wirtschaftlich interessant, aber auch politisch sensibel.
Auch personelle Verbindungen werfen Fragen auf. Lewan Dawitaschwili, zuvor Wirtschaftsminister und in die Genehmigung des Projekts eingebunden, wurde 2025 Vorstandsvorsitzender von Black Sea Petroleum. Für Korruptionsforscher wie Besik Donadze ist klar, dass ein Projekt dieser Größenordnung ohne Rückendeckung aus dem Regierungsumfeld nicht realisierbar wäre.
Parallel zur Projektentwicklung stiegen die Importe russischer Energie drastisch an. Nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine hatte sich Georgien den westlichen Sanktionen nicht angeschlossen. Russische Produkte waren preislich attraktiv. 2021 importierte Georgien 225.000 Tonnen Erdölprodukte aus Russland. 2022 waren es bereits 658.000 Tonnen, 2023 rund 771.000, 2024 knapp 700.000 Tonnen. Der russische Anteil am georgischen Energieimport stieg zeitweise auf fast 50 Prozent.
Auffällig wurden jedoch die Exportzahlen. Internationale Handelsdaten zeigen seit Kriegsbeginn eine Vervielfachung der georgischen Ausfuhren nach Europa. Laut georgischer Statistik gingen 2023 und 2024 keine Öllieferungen nach Spanien. Internationale Datenbanken registrierten hingegen 99.000 Tonnen im Wert von 49 Millionen Euro. Ähnliche Abweichungen fanden sich bei Griechenland, Italien, Belgien und den Niederlanden.

2021 importiert Georgien 225.000 Tonnen Ölprodukte. 3,73 Millionen Einwohner. Das ergibt rund 60 Kilogramm pro Kopf. Das ist der Referenzwert. Ein Jahr später schießen die Importe auf 658.000 Tonnen. Bei gleichem Verbrauch pro Kopf hätte Georgien dafür plötzlich 10,9 Millionen Einwohner haben müssen. Tatsächlich lebten im Land 3,69 Millionen Menschen. 2023 steigt die Zahl weiter – 771.000 Tonnen. Rechnerisch bräuchte es 12,8 Millionen Einwohner. Real: 3,74 Millionen. 2024 sinkt der Wert leicht auf 699.000 Tonnen. Entspräche immer noch 11,6 Millionen Menschen. Offizielle Bevölkerung: 3,69 Millionen.
Mit anderen Worten: Entweder hat Georgien unbemerkt die Einwohnerzahl verdreifacht – oder das Öl bleibt nicht im Land.
Gleichzeitig erscheinen in der EU Erdölprodukte mit dem Herkunftsvermerk „georgisch“. Sanktionen gegen russische Energie sollen den Geldfluss nach Moskau kappen. Doch die Zahlen zeigen etwas anderes. Unsere Recherche deckt auf: Die Mengen, die Georgien bewegt, passen nicht zum Binnenverbrauch eines Landes dieser Größe. Sie passen zu einem Umschlagplatz. Und die EU? Sie findet bislang keinen wirksamen Hebel dagegen. Das starre Regelwerk erledigt den Rest.
Erklärungen reichen von Dreiecksgeschäften über Dokumentenänderungen bis hin zu Mischungen mit anderen Qualitäten. Möglich ist auch eine minimale Weiterverarbeitung, die ein neues Ursprungslabel erlaubt. Mit der Inbetriebnahme der Raffinerie in Kulevi entstand erstmals eine Anlage mit geplanter Kapazität von bis zu drei Millionen Tonnen jährlich. Doch Belege für eine tatsächliche Produktion in dieser Größenordnung fehlen bislang. In der Gemeinde Chobi hieß es im November 2025, es liefen lediglich Testarbeiten, die Anlage sei offiziell noch nicht eröffnet. Auf der Website finden sich weiterhin Bauphasenfotos.
Der zeitliche Zusammenhang ist dennoch auffällig. Am 6. Oktober 2025 lieferte der Tanker „Kayseri“ 105.000 Tonnen Rohöl von „Russneft“ nach Kulevi. Wenige Wochen später wurde das Schiff als Teil der sogenannten Schattenflotte von der EU sanktioniert, später auch von Großbritannien. Anfang 2026 folgte ein zweites Schiff, die 2003 gebaute „Nostos“, aus Noworossijsk. Ukrainische Geheimdienstquellen führen sie als Sanktionsumgehungsinstrument. Georgische Behörden betonten, weder Schiff noch Betreiber seien zum Zeitpunkt der Lieferung gelistet gewesen. Die Nutzung von Schiffen, die dem sogenannten Schattenflottenmuster entsprechen – ältere Tanker mit wechselnden Flaggen, intransparenten Eigentümerstrukturen und auffälligen AIS-Manipulationen – ist kein isoliertes Phänomen. Diese Logistikstruktur entstand gezielt als Antwort auf westliche Sanktionen. Wenn solche Schiffe regelmäßig einen Hafen anlaufen, entsteht automatisch die Frage, ob dieser Hafen Teil eines größeren Umgehungsnetzes geworden ist.
Kurz darauf explodierten die Exportzahlen. Im Januar 2026 erreichten Erdölprodukte 12,2 Prozent des gesamten georgischen Exports. 95 Prozent davon galten als inländische Produktion. Der Anstieg gegenüber dem Vorjahr betrug mehr als 3300 Prozent. Vergleichbare Raffineriekapazitäten existieren im Land nicht. Diese Entwicklung brachte den Hafen Kulevi beinahe auf die Sanktionsliste des zwanzigsten EU-Pakets. Ungarn und die Slowakei blockierten bislang entsprechende Schritte. Auch Italien soll Vorbehalte geäußert haben, da über Kulevi auch aserbaidschanisches Gas abgewickelt wird. Ein Sanktionsbeschluss träfe nicht nur Georgien, sondern auch SOCAR.
Der frühere Nationalbankpräsident Roman Goziridse sieht mehrere Szenarien: Import von bereits verarbeiteten russischen Produkten unter falscher Deklaration, Einfuhr von Halbfertigprodukten mit minimaler Anpassung, oder Austausch von Warenströmen innerhalb des Terminals. In jedem Fall stünde der Vorwurf im Raum, Zollangaben manipuliert und EU-Sanktionen umgangen zu haben. Gleichzeitig zeigt ein anderer Bereich, wie flexibel Handelsströme gestaltet werden können: Der Reexport von Pkw ist seit Jahren Georgiens größter Exportposten. Die Fahrzeuge werden überwiegend nach Kirgisistan ausgeführt, wo nur ein Bruchteil registriert wird. Der Rest verschwindet mutmaßlich weiter Richtung Russland.
Wenn also russisches Öl über Georgien läuft, dort umdeklariert, weiterverarbeitet oder als angeblich „georgisches“ Produkt in den europäischen Markt gelangt, dann ist das nicht nur ein Handelsproblem. Es ist ein politischer Widerspruch. Ein Land kann nicht glaubwürdig den Weg nach Europa reklamieren und zugleich zur möglichen Drehscheibe für die Umgehung europäischer Sanktionen werden.
Genau deshalb geht es im Fall Kulevi nicht bloß um Tanker, Papiere und Exportzahlen. Es geht um die Frage, wie ernst Georgien seinen EU-Kurs meint – und wie ernst die EU selbst ihre eigenen Sanktionen nimmt.
Sollte Kulevi tatsächlich russische Produkte unter georgischem Label weiterverkaufen, wäre das mehr als ein statistischer Ausreißer. Es würde bedeuten, dass ein EU-Beitrittskandidat zu einem Baustein im System der Sanktionsumgehung geworden ist. Für die Regierung in Tiflis steht nicht nur ein Industrieprojekt auf dem Spiel, sondern die außenpolitische Glaubwürdigkeit des Landes.
Sanktionen schließen keine Türen auf einmal. Sie dichten Schlupflöcher schrittweise ab. Kulevi könnte sich als eines dieser Schlupflöcher erweisen. Ob die Raffinerie ein reales Produktionszentrum ist oder nur ein Zwischenstopp in einer größeren Umleitung, entscheidet nicht allein über Handelsstatistiken. Es entscheidet darüber, auf welcher Seite Georgien in diesem Konflikt steht. Für ein Land, das offiziell den Status eines EU-Beitrittskandidaten trägt, wäre ein solcher Vorgang politisch brisant. Die Europäische Union erwartet von Kandidatenstaaten die Annäherung an ihre Außen- und Sanktionspolitik. Ein Hafen, der im Verdacht steht, Teil einer Umgehungskonstruktion zu sein, würde genau dieses Vertrauen beschädigen.
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Was ich nicht begreife.
Georgian ist Beitrittskandidat.
Stellt sich aber seit Russlands Angriffskrieg aufdie Ukraine immer auf die Seite Russlands.
Unterstützt die Sanktionen nicht.
Wieso ist die EU nicht konsequent, nach nunmehr 4 Jahren, und entzieht den Status Beitrittskandidat komplett?
Nicht nur auf Eis legen.
Sondern kompletter Entzug.
Georgien ist auf keinem europäischen Weg.
Sie sind auf dem direkten Weg zurück unter russische Fittiche.
Daran ändert es auch rein gar nichts, wenn sie Beitragskandidat bleiben.
Das ist die typische Naivität und Blindheit der EU.
Bei der instabilen politischen situation sollten derzeit gar keine Beitrittsgespräche geführt werden.
Es reicht ein massiver Quertreiber wie Orban und einem ihm folgenden Fico.