Bagrat darf bleiben und wird nicht abgeschoben – Ein Junge, der singen kann, hat Deutschland eine Entscheidung abgerungen

VonRainer Hofmann

März 5, 2026

Es ist eine Nachricht, auf die viele Menschen monatelang gewartet haben. Die Familie des 14-jährigen Bagrat erhält ein Bleiberecht in Deutschland. Für seine Mutter Nani Ninua ist es mehr als eine Entscheidung der Behörden. Es ist die Gewissheit, dass ihr Sohn weiterleben kann, ohne die ständige Angst vor einer Abschiebung. „Für Bagrat werden wir alle Hindernisse und Herausforderungen und jedes Leid bewältigen und ertragen“, schreibt sie. Dazu ein Satz, der ihr viel bedeutet: „Gib dem Menschen ein Ziel, für das es sich zu leben lohnt, und er wird jedes Leid ertragen.“ Ein Gedanke von Johann Wolfgang von Goethe, den sie zu ihrem eigenen gemacht hat.

Der Name des Jungen bedeutet „Gottesgeschenk“. Für viele Menschen, die seine Geschichte verfolgt haben, wirkt diese Bedeutung heute fast wie eine stille Erklärung für das, was geschehen ist. Vor wenigen Tagen war seine Zukunft noch ungewiss. Bagrat lebt mit schweren Erkrankungen. Nach einer Hirnblutung bei der Frühgeburt entwickelte er eine Enzephalopathie, spastische Zerebralparese, eine kombinierte Entwicklungsstörung, Epilepsie und Blindheit. Hinzu kommt ein lebensbedrohliches Blasenleiden. Sein Gehirn steuert die Blasenentleerung nicht richtig. In der Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie der Universitätsklinik Bonn erhält er deshalb eine spezielle Behandlung über einen Katheter. Diese Methode stabilisiert seinen Zustand. Ohne sie droht Nierenversagen. Die ganze Geschichte finden Sie hier.

Die Familie kam vor drei Jahren aus Georgien nach Deutschland, weil es dort für den Jungen keine vergleichbare Behandlung gab. Bagrat besucht heute die LVR-Förderschule am Königsforst in Rösrath. Dort wird er im Bereich körperliche und motorische Entwicklung gefördert. Er hat Deutsch gelernt. Und er singt. Wer ihn hört, versteht schnell, warum seine Mutter von einer außergewöhnlichen Begabung spricht. Seine Stimme ist klar, ruhig, erstaunlich sicher. In der Musikschule wird er gezielt gefördert. Bei der Weihnachtsfeier der Schule wird er auftreten. Für viele Menschen ist das ein bewegender Moment, weil der Junge dort nicht als Patient gesehen wird, sondern als jemand, der etwas kann.

In der Familie wird seine Behinderung nicht versteckt. Sie wird offen gezeigt. Das ist ungewöhnlich, weil viele Familien in ähnlichen Situationen versuchen, solche Krankheiten vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Nani Ninua geht einen anderen Weg. Ihr Sohn gehört zu ihr, so wie er ist. Monatelang stand jedoch die Möglichkeit einer Abschiebung im Raum. Die Ausländerbehörde des Rhein-Sieg-Kreises verlangte die Ausreise. Ein Eilantrag beim Verwaltungsgericht Köln blieb ohne Erfolg. Die Richter argumentierten, dass eine Behandlung in Georgien möglich sei, auch wenn sie anders aussehen würde. Statt der Kathetermethode könnten Tabletten und ein Saft eingesetzt werden. Privatkliniken seien ebenfalls vorhanden. Die Familie sah das anders. Die Ärzte der Universitätsklinik Bonn warnten, dass eine falsche Therapie zu schweren Infektionen führen könne, bis hin zu einer Urusepsis und zum Tod. Für Nani Ninua war das keine abstrakte medizinische Diskussion. Es war die Angst um das Leben ihres Kindes.

Unterstützung kam von der Flüchtlingsinitiative Lohmar-Siegburg, vertreten durch Christa Feld. Sie setzte sich intensiv für die Familie ein. Die Flüchtlingsinitiative Lohmar-Siegburg besteht seit 1992 und entstand während des Balkankrieges zunächst in Lohmar und Siegburg, bevor sich beide Gruppen 1999 zusammenschlossen. Der Verein unterstützt Geflüchtete beim Ankommen in Deutschland, beim Spracherwerb, bei Schule, Ausbildung und Arbeit sowie im Alltag im Umgang mit Behörden. Rund 50 Mitglieder engagieren sich in der Initiative, etwa zehn davon aktiv in der Betreuung. Außerdem werden Deutschkurse, Nachhilfe und rechtliche Schulungen in Zusammenarbeit mit Rechtsanwälten organisiert.

Eine Abschiebung wäre auch unzulässig gewesen, wenn im Herkunftsland keine angemessene medizinische Versorgung gewährleistet werden kann oder eine existenzielle Notlage droht. Grundlage dafür ist die Europäische Menschenrechtskonvention. Auch in der Kommunalpolitik fand die Familie Unterstützung. Die frühere Bürgermeisterin von Lohmar, Claudia Wieja von den Grünen, sprach sich öffentlich für ein Bleiberecht aus und erklärte, es gehe nicht nur um Paragrafen, sondern um Menschlichkeit. Ihr Nachfolger Matthias Schmitz von der CDU kündigte Gespräche mit der Ausländerbehörde an.

Trotzdem blieb die Situation lange offen. Georgien gilt als sicheres Herkunftsland, politisches Asyl war deshalb von Anfang an ausgeschlossen. Selbst die Härtefallkommission des Landes Nordrhein-Westfalen konnte zunächst keine Lösung erreichen. Nani Ninua bereitete sich parallel auf eine Deutschprüfung vor. Sie unterschrieb einen Arbeitsvertrag bei einer Reinigungsfirma. Ihr Mann Merab Sharia, gelernter Elektriker im Rentenalter, bot ehrenamtliche Arbeit an.

Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Die Familie darf bleiben. Für Christa Feld, die die Entwicklung eng begleitet hat, ist die Nachricht ein Moment der Erleichterung. Das zeigte auch ihre E-Mail, in der uns die ehrliche und herzerfrischende Nachricht erreichte. Die Familie hat ein Ziel erreicht, für das sie lange gekämpft hat. Bagrat kann weiter zur Schule gehen. Er kann weiter behandelt werden. Und er kann weiter singen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Geschichte viele Menschen berührt hat. Sie zeigt, wie unterschiedlich Politik und Wirklichkeit manchmal sind. Auf der einen Seite stehen Akten, Fristen und Zuständigkeiten. Auf der anderen Seite ein Junge, der trotz schwerer Krankheiten eine Stimme hat, die einen Raum füllen kann.

Jetzt darf Bagrat bleiben. Für seine Mutter ist das keine politische Nachricht. Es ist eine Entscheidung über Leben und Zukunft. So hat eine deutsch-amerikanisch-englische Gemeinschaftsarbeit am Ende doch noch ein gutes Ende gefunden. Dazu haben ebenfalls die Seebrücke“- „Siegburg zeigt Haltung“ und die ehemalige Bürgermeisterin Claudia Wieja mitgeholfen. Und vielleicht bleibt auch die einfache Hoffnung, dass ihr Sohn eines Tages auf einer Bühne steht, die Stimme hebt und singt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir sitzen nicht im Warmen und schreiben über die Welt. Wir sind dort, wo es wehtut. Aber wir hören nicht beim Schreiben auf. Wir helfen konkret. Wir setzen uns für Menschenrechte und Völkerrecht ein — als Haltung. Gegen Machtmissbrauch. Gegen eine Politik, die mit Angst regiert und Schwächere opfert, um Stärkere zu bedienen. Wegsehen war noch nie neutral. Es hat immer denen genutzt, die darauf zählen, dass niemand hinschaut.
Wir haben keinen Verlag im Rücken, keine institutionelle Hand, die uns trägt, kein Abo-Modell, das uns absichert. Unsere Unabhängigkeit hängt ausschließlich von regelmäßiger Unterstützung ab – nur so können wir diejenigen zur Verantwortung ziehen, die längst glauben, unangreifbar zu sein.
Kaizen unterstützen

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
2 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Ela Gatto
Ela Gatto
2 Stunden zuvor

Eine gute Nachricht für Bagrat und seine Familie.

2
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x