Die neue Normalität des Tötens

VonRainer Hofmann

März 1, 2026

Donald Trump stand beim Lagebericht zur Nation vor dem Kongress und sprach mit hörbarem Stolz über das, was er als spektakuläre Leistung amerikanischer Macht bezeichnete. Man habe einen der gefährlichsten Kartellbosse ausgeschaltet. Man habe im Januar eine der komplexesten Operationen der Militärgeschichte durchgeführt. Ausländische Staatschefs hätten angerufen und gesagt, das sei beeindruckend gewesen. Gemeint war die Entführung von Nicolás Maduro in Venezuela. Der Applaus galt nicht Diplomatie, nicht Verhandlungen, sondern dem präzisen Zugriff.

Seit der Tötung von Osama bin Laden im Mai 2011 hat sich eine Praxis verfestigt, die kaum noch offen benannt wird. Anwar al-Awlaki folgte im September 2011. Joaquín „El Chapo“ Guzmán im Januar 2016. Abu Bakr al-Baghdadi im Oktober 2019. Qasem Soleimani im Januar 2020. Ayman al-Zawahiri im Juli 2022. Ismail Haniyeh im Juli 2024. Hassan Nasrallah im September 2024. Yahya Sinwar im Oktober 2024. Ahmed al-Rahawi im August 2025. Nicolás Maduro wurde im Januar 2026 durch einen völkerrechtlich bedenklichen Militäreinsatz aus Venezuela in die USA gebracht. Die Liste ist lang, sie wird länger, und sie steht für eine Methode, die technisch immer einfacher wird.

Was hier gefeiert wurde, ist die Fähigkeit des Staates, einen Menschen in Echtzeit zu lokalisieren und zu eliminieren. Nicht ein einzelner Analytiker vor einem Bildschirm entscheidet, sondern ein riesiger Apparat aus Geheimdiensten, Cyber-Einheiten, Planern, Zielanalysten, Drohnenpiloten, Spezialkräften. Telefone, Autos, Überwachungskameras, soziale Netzwerke – all das liefert Daten. Diese Daten werden ausgewertet, verknüpft, beschleunigt. Am Ende steht eine Koordinate. Und an dieser Koordinate wartet die Gewalt.

Trump liebt diese Effizienz. Sie wirkt sauber, schnell, erfolgreich. Wie eine Bestellung mit Zustellung am selben Tag. Ein Knopfdruck, ein Ergebnis. Die Frage, was danach bleibt, rückt in den Hintergrund. Joseph Humire, inzwischen geschäftsführender stellvertretender Verteidigungsminister, hat selbst vor dem Kongress darauf hingewiesen, dass Kartelle längst nicht mehr nach dem klassischen Anführer-Modell funktionieren. Die Zerschlagung eines Kopfes führt oft zur Zersplitterung, nicht zur Auflösung. Genau das zeigte der sogenannte Enthauptungsansatz in Mexiko. Genau das zeigte der Kampf gegen al-Qaida, aus dem neue Gruppen entstanden.

Und doch erzeugen diese Operationen Bilder von Stärke. Präsidenten profitieren davon. Barack Obama wurde nach der Tötung bin Ladens gefeiert, als habe er selbst den Einsatz geflogen, empfunden wie ein Erfolg der wie Außenpolitik wirkt. Er suggeriert Kontrolle in einer Welt, die sich kaum kontrollieren lässt. Aber was ändert sich langfristig? Der Drogenkrieg ist nicht beendet. Der Terror verschwindet nicht. Der Konflikt mit Iran begleitet ganze Generationen. Russland rückt weiter vor. Jeder getötete Gegner wird durch einen neuen ersetzt oder durch ein Netzwerk, das weniger greifbar ist.

Die technische Fähigkeit wächst weiter. Auch China tastet nach Führungsstrukturen in Taiwan. Auch andere Staaten lernen, Daten in Zielkoordinaten zu verwandeln. Der globale Wettlauf um den präzisen Zugriff hat begonnen, und er wird nicht mit einer Amtszeit enden. Milliarden fließen in diese Infrastruktur. Milliarden, die nicht in Krankenhäuser, Schulen oder Verkehrssysteme gehen. Das klingt nach einer alten Debatte, aber es ist eine reale Prioritätensetzung. Wir bauen eine Maschine, die in Sekunden töten kann. Ob wir mit derselben Entschlossenheit Leben verbessern, ist eine andere Frage.

Der Applaus im Kongress galt der Effizienz. Die eigentliche Frage ist, ob Effizienz allein ein Maßstab sein darf. Wenn das schnelle Ausschalten von Gegnern zur Routine wird, verschiebt sich der Maßstab für Politik. Und irgendwann merkt man vielleicht, dass man sehr gut geworden ist im Töten – und kaum besser im Lösen von Problemen.

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Ela Gatto
Ela Gatto
10 Stunden zuvor

Effiezienz beim Töten von Menschen 😞😞😞

Egal mit welcher Begründung man sich viele dieser Einsätze schön redet, es bleibt das Recht des Stärkeren, des technisch versierteren, des am besten bewaffneten.

Wo ist die rote Linie?

Ich war froh, als der Terrorist Bin Laden tot war.
Der mutmaßliche Kopf hinter 9/11 und anderer tödlicher Anschläge.
Es war kein Alleingang der USA, es war eine lang angelegte Operation mehrerer Länder.
Völkerrechtlich mit Rückhalt.

Aber die Boote im Pazifik?
Bis heute keine Belege für Drogenschmuggel.
Kein Verfahren vor Gericht.
Einfach versenkt und getötet.😞

Die Mullahs sind ein furchtbares Terrorregime.
Sie unterstützen Terroristen wie die Hamas, die Hisbollah, die Huthi.
Und nicht zu vergessen Russland.
Gleichzeitig unterdrücken und töten sie das eigene Volk, besonders die Frauen.
Das die Iraner sich freuen, kann ich gut verstehen!
Nur geht es Trump nicht um die Menschen.
Es geht um Rohstoffe und Deals.

Ginge es um die Menschen, dann wäre ein Eingreifen gegen die Taliban „erforderlich“.
Aber Afghanistan hat für Trump nichts zu bitten.

Man pendelt zwischen „gut für das Volk“, „was ist mit der Souveränität eines Landes“ und „warum wurde das nicht mit der UN bzw NATO koordiniert. Also ein Mandat erteilt“.

Sonja Gang
Sonja Gang
7 Stunden zuvor

Die eigentliche Frage ist, ob Effizienz allein ein Maßstab sein darf. Wenn das schnelle Ausschalten von Gegnern zur Routine wird, verschiebt sich der Maßstab für Politik.

Ich würde hier noch eine Frage vorschalten: Wer bestimmt eigentlich wer den Tod verdient hat?
Klar, ich wünsche mir auch Putins und Trumps Tod.
Weil beide nicht auf meiner politischen Linie liegen und ich meine, dass sie menschenfeindlich agieren.
Sogar eine große Gefahr für die ganze Menschheit werden könnten.

Auf der anderen Seite – wenn das so eindeutig ist – wäre, warum sieht das dann nicht jeder so?
Warum wenden sich nicht alle Menschen von diesen 2 Personen ab?
Als Pro- Argument meine ich jetzt nicht ausschließlich den eigenen Nutzen, den Nutznießer an der Seite dieser 2 Menschen sicherlich haben.

Die Nutznießer würden jedoch genauso unter einem totalen Krieg leiden – also wenn es zum Äußersten kommt! – Und diese Gefahr ist bei Beiden groß!

Stellen wir die Frage anders herum: Wäre es ein Segen für alle Menschen auf Welt, wenn ab jetzt regelmäßig solch üble „Politiker“ aus dem Verkehr gezogen würden?
Wo würde in diesem Falle die rote Linie angesetzt?

Das sind schon länger meine Gedanken, zu der täglich mehr entgleitenden Weltpolitik.

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